Born in Berlin Ich erobere Berlin mit Süße

Ich erobere Berlin mit meiner süßen Tochter und meinen Windbeuteln
Ich erobere Berlin mit meiner süßen Tochter und meinen Windbeuteln | © Linda Paggi

Vanille, Schokolade, Orangencreme und Zimt: In Berlin gibt es seit Januar 2015 einen Stand mit Bignè, der jedes Wochenende dutzende Menschen dazu bringt, alle guten Diätvorsätze über Bord zu werfen. Der „Schuldige“ heißt Giulio Silveri, ist 27 Jahre alt und kommt aus Acilia in der Nähe von Rom. Bei ihm gibt es nicht nur selbstgemachte Bignè, die italienische Variante der Windbeutel, sondern auch Tiramisù, Crostatine und andere typisch italienische Süßspeisen. „Kuchen von Gaia“ heißt der Stand, als Homage an seine fünfjährige Tochter Gaia, die, wenn sie nicht mit der Mutter zuhause bleibt, ihren Vater und seine Süßwaren durch Berlin begleitet.

Samstags ist er immer am Boxhagener Platz, sonntags fast jede Woche woanders, mit einer gewissen Vorliebe für den Mauer Park und die Neue Heimat, zwei der beliebtesten Märkte Berlins.

„Ich bin im November 2013 mit dem Ziel hergezogen, dem deutschen Publikum italienische Konditorkunst, die der Cremes und der Semifreddi, anzubieten. Ich habe wenig mehr als ein Jahr gebraucht, um das nötige Geld beiseite zu legen und mit meinem Stand loslegen zu können. In der Zwischenzeit habe ich bei einem Betrieb gearbeitet, der 3.000 kg Eis pro Tag produziert und in ganz Deutschland und in Polen vertreibt, Gaias Mutter in diversen Bars der Stadt.“

Warum Berlin

Ich erobere Berlin mit meiner süßen Tochter und meinen Windbeuteln © Linda Paggi „In Rom habe ich in einer sizilianischen Eisdiele gearbeitet. Ich war als Hilfskraft eingestiegen und hatte mit der Zeit alle Tätigkeiten gelernt, vom Pasteurisieren der Milch bis zum Herstellen der Eispasten. Es war sowohl vom Beruf als auch von den Menschen eine gute Stelle, aber mit Gaias Geburt war ich vor die Frage gestellt, ob ich sie wirklich in Italien aufwachsen lassen wollte, einem Land, in dem meiner Wahrnehmung nach die allgemeine Frustration stieg und wo für Eltern alles sehr schwierig ist, das fängt schon damit an, wie man in der Stadt von Ort zu Ort zu kommt. Vor dem Umzug haben wir uns ausführlich über bürokratische Formalitäten sowie über Wohnungs- und Arbeitssuche informiert. Wir sind entschlossen und mit etwas Erspartem aufgebrochen. Im Rückblick war es eine gute Entscheidung.

Bisher haben wir uns in Berlin immer wohl gefühlt. Gaia spricht schon besser Deutsch als wir Eltern, sie ist glücklich und führt ein aktives Leben in einem internationalen Umfeld, was ihr eigentlich nur dazu verhelfen kann, noch schneller groß zu werden.“

Sehnsucht nach Italien?

„Was Gaia betrifft, muss ich zugeben, dass es nicht so einfach ist, wenn man nicht auf die Unterstützung der Großeltern zählen kann. Außerdem fehlt mir manches aus meinem Leben in Rom, angefangen von meinen alten Freunden. Da ich jeden Tag von morgens bis abends arbeite, gehe ich kaum oder gar nicht aus. Ich bin sicher, es hängt allein von mir ab, ob meine Bignè immer mehr Erfolg haben werden, ich muss mich nur weiter ernsthaft dafür einsetzen.
  • Ich erobere Berlin mit meiner süßen Tochter und meinen Windbeuteln © Giulio Silveri
    Ich erobere Berlin mit meiner süßen Tochter und meinen Windbeuteln
  • Ich erobere Berlin mit meiner süßen Tochter und meinen Windbeuteln © Giulio Silveri
    Ich erobere Berlin mit meiner süßen Tochter und meinen Windbeuteln
  • Ich erobere Berlin mit meiner süßen Tochter und meinen Windbeuteln © Linda Paggi
    Ich erobere Berlin mit meiner süßen Tochter und meinen Windbeuteln
Wenn ich an die erste Zeit mit meinem Stand hier zurückdenke, wie schwierig es war, die Deutschen dazu zu bringen, die Bignè zu probieren … Heute muss ich bei dem Gedanken schmunzeln. Ich habe Monate gebraucht, endlich in Gang zu kommen. Als die Dinge nicht so gut liefen, habe ich noch mehr in die Qualität der Zutaten investiert und alle Vorbeilaufenden kostenlos probieren lassen. Nach und nach habe ich mir eine treue Kundschaft aufgebaut, die durch Mund-zu-Mund-Propaganda weitere Kunden gebracht hat.

Kürzlich habe ich in der Küche des Berliner Restaurants The Winery eine Backwerkstatt eröffnet. Ich versuche mich zu vergrößern. Schließlich möchte ich Gaia eine Zukunft ohne wirtschaftliche Probleme bieten. Einmal habe ich einen Satz von Goethe aus Die Leiden des jungen Werther gelesen. In gewisser Weise finde ich darin sowohl die Art, wie ich mich dem Leben nähere, als auch meine Leidenschaft für die Konditorei. Da steht nämlich, „daß diejenigen die Glücklichsten sind, die gleich den Kindern in den Tag hinein leben, ihre Puppen herumschleppen, aus- und anziehen und mit großem Respekt um die Schublade umherschleichen, wo Mama das Zuckerbrot hineingeschlossen hat, und, wenn sie das gewünschte endlich erhaschen, es mit vollen Backen verzehren und rufen: ‚mehr!‘“ Genau so ist für mich das Leben. Und ich hoffe, so wird es auch für Gaia sein, wenn sie erwachsen ist. Keine Angst vor der Zukunft haben und jeden Tag das Leben genießen, wie ein gutes Bignè.“