Europa informieren Kommunikation im postfaktischen Zeitalter

Auf dem grünen Sofa. Europa informieren
© Goethe-Institut Italien

Das postfaktische Zeitalter, in dem die Wahrheit einer Aussage, die man kommentiert, als gänzlich sekundär angesehen wird, Fake News und Leaks, d.h. Falschmeldungen und absichtlich gestreute Indiskretionen, und ihr Einfluss auf das Wahlverhalten der Europäer.

Trolle, also käufliche Kommentatoren, die allein auf Provokation aus sind; sensationsheischende Nachrichten und die Krise der traditionellen Medien, Cyberattacken, die Reputation im Netz und russische Websites zur Desinformation, Facebook und all die unkontrollierte und unkontrollierbare horizontale Information, die durch die sozialen Netzwerke fließt – vermutlich ließe sich zu jedem der Themen, die in der Diskussion über die Veränderungen im Verbreiten und Aufnehmen von Nachrichten durch die neuen Medien in der Reihe Auf dem grünen Sofa berührt wurden, eine eigene Podiumsdiskussion organisieren.
 

Fake news und wie man sich davor schützt

Doch wie kann man sich gegen all das wehren, wie lässt sich die demokratische Debatte in Europa schützen? So lautete die erste Frage, die der Moderator der Diskussion, Jacopo Zanchini von der Zeitschrift Internazionale, dem französischen Journalisten und Korrespondenten der Libération Eric Jozsef und dem deutschen New-Media-Experten Christoph Kappes stellte.
„Falschmeldungen werden verbreitet, seit es Politik gibt; was sich verändert hat, sind die Mittel“, antwortet Jozsef, „sodass nun langsam auch zu technischen Gegenmaßnahmen gegriffen wird, wie es offenbar der Mitarbeiterstab von Macron während der letzten Präsidentschaftswahlen in Frankreich tat, indem er auf den Computern von Mitarbeitern, die potentiell Cyberattacken ausgesetzt sein würden, falsche Dokumente streute, um Angreifer aufzuhalten und die Glaubwürdigkeit möglicher Leaks und Fake News zu untergraben.“
„Wenn ein neues Kommunikationsmedium entsteht“, merkt dagegen Kappes an, „schlummern darin immer mehr Möglichkeiten, als wir denken. Im Internet veröffentlichte Inhalte lassen sich abändern, aus ihrem Kontext reißen. Solche Nachrichten sind weder gänzlich falsch noch vollkommen wahr, und dann gibt es ja noch die Kommentare. Fake News sind also häufig keine wirklichen Falschmeldungen, sondern Nachrichten, deren Bedeutung verschoben wurde. Mich beunruhigt, dass die Menschen diese Nachrichten anders nutzen als die der traditionellen Massenmedien, sie sehen darin eher eine Form der Unterhaltung.“
 

Sensationsgier, Zuverlässigkeit und Verantwortung

Wenn aber die Krise der traditionellen Zeitungen auf ihrem Höhepunkt ist, suchen doch beispielsweise vierundzwanzig Millionen Italiener jeden Tag Informationen auf Facebook. Dabei geht es vor allem um das Problem der Zuverlässigkeit und der Verifizierung von Nachrichten im Gegensatz zur Sensationsgier seitens der traditionellen Medien, die mit den sozialen Netzwerken mithalten wollen. Jozsef zufolge werden Nachrichten nicht nur von sozialen Netzwerken irgendwie verzerrt, sondern auch von denjenigen, die wie die All-news-TV-Kanäle ihre Nachrichten minütlich aktualisieren. „Die Verantwortlichkeit für eine Nachricht ist verloren gegangen“, sagt Jozsef, „erst wird sie einfach so ungeprüft weitergegeben, gewissermaßen zur Sensation gemacht, dann wird im allgemeinen Informationsfluss nachgebessert.“ Und auf den sozialen Plattformen wiederum weiß man in Bezug auf Zuverlässigkeit und Verantwortung meist nicht einmal, wer der Verfasser einer Nachricht oder eines Kommentars ist, wie Kappes zu Recht bemerkt.
 

Die Wachsamkeit der Betreiber

Über die Professionalität derer, die beruflich mit Nachrichten umgehen, sowie die Qualität der Informationen hinaus kamen am Ende der Diskussion weitere Antworten auf Zanchinis Eingangsfrage. „Erforderlich wäre mehr Wachsamkeit bei den Plattformbetreibern wie Facebook, Google… Für sie ist die Verbreitung von Fake News ja auch ein Geschäft“, sagt Jozsef, „man müsste sich an ein Gericht wenden können, wir bräuchten eine europäische Behörde.“ Darauf bezugnehmend schließt Christoph Kappes treffend: „Mich beunruhigt, dass die Leute Wahrheit und Fiktion, Spektakel und Nachricht nicht auseinanderhalten können. Letztlich können sie also nicht mit Onlinemedien umgehen, wissen die verschiedenen zur Verfügung stehenden Gattungen und Formate nicht zu handhaben. Ja, Facebook und Co. müssen auf jeden Fall Verantwortung für Nachrichten übernehmen, die sie publizieren und die oft nicht nur falsch sind, sondern sogar rechtswidrig. Das Problem wird aber sein, dass die Reglementierung dann auch dazu genutzt wird, wahre Nachrichten zu blockieren. Auf jeden Fall sollte man keine Privatunternehmen zu Polizisten im Netz ernennen.“

Sonst haben wir zusätzlich noch ein Zensurproblem.