Belletristik Die Stunde des Authentischen

Internationale Buchmesse Turin 2015 – Deutscher Pavillon
Internationale Buchmesse Turin 2015 – Deutscher Pavillon | © Frankfurter Buchmesse – Foto Fabio Melotti

Wie lange dauert es eigentlich, bis einschneidende weltpolitische oder gesellschaftliche Ereignisse in Romanen thematisiert werden? Ein epochaler Einschnitt wie etwa der Erste Weltkrieg wurde zwar seit Beginn der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts in immer neuen Anläufen thematisiert, der Roman aber, der uns heute als wichtigster zu diesem Thema gilt, wurde erst 11 Jahre nach Kriegsende veröffentlicht: Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“.

Flüchtlingskrise

Bis die Ereignisse der zweiten Jahreshälfte 2015, die mit dem knappen Begriff „Flüchtlingskrise“ nur unvollkommen überschrieben sind, sich in ernstzunehmenden Romanen niederschlagen, wird man wohl einige Jahre Geduld aufbringen müssen. In den Feuilletons war 2016 das Bedürfnis groß, in der deutschen Gegenwartsliteratur erste Reflexe auf dieses grundstürzende Ereignis zu finden. Noch vor der großen Krise hatte eines der wichtigsten Bücher des Herbstes 2015, Jenny Erpenbecks Roman Gehen.Ging.Gegangen, der allerdings schon weit vor der Grenzöffnung im September 2016 fertiggestellt war, das Aufeinandertreffen eines deutschen Durchschnittsintellektuellen mit den Migranten, in diesem Fall aus Afrika, thematisiert. Ein erster Reflex der Verstörungen, die das Phänomen für Deutsche und Europäer mit sich bringt, lässt sich in Bodo Kirchhoffs umfangreicher Novelle Widerfahrnis erkennen, die ohne Verbiegungen durchaus auch als Roman gelten kann. Kirchhoff lässt darin einen Mann und eine Frau, zwei Repräsentanten der alternden deutschen Mittelschicht, aus ihren gewohnten Lebensrahmen in den Süden flüchten. Am Ende dieses vergeblichen Ausbruchsversuchs treffen sie auf Sizilien ausgerechnet auf ein undurchschaubares Flüchtlingsmädchen und nötigen ihm, so die bittere Pointe der Erzählung, sehr massiv und sehr gut gemeint Hilfe auf, die das Mädchen gar nicht anzunehmen bereit ist. Was bei Kirchhoff, der für die Novelle – wiewohl er vor Jahren mit stärkeren Werken nominiert war – endlich den Deutschen Buchpreis erhielt, sehr anschaulich erzählt wird, ist das Aufeinandertreffen einander sehr fremder Welten, ist das Missverstehen, das Projizieren eigener Wünsche und Vorstellungen auf die Flüchtlinge. Kirchhoffs Buch ist eines der ersten, in dem schon die Ereignisse von 2015 eingearbeitet wurden, und bietet erste Hinweise auf die Verstörung und auch auf den sich seitdem offenbarenden Riss in der deutschen Gesellschaft.

Neue Gesellschaftsromane

Die große Welle zu diesem Thema wird erst noch kommen. Man darf gespannt sein, wie die deutschen Autoren in den nächsten Jahren erzählerisch verarbeiten, dass ein Teil der Gesellschaft westliche Werte in Frage stellt, dass auf der extremen Linken und der populistischen Rechten Kräfte am Werk sind, die die liberale Demokratie als Ganzes in Frage stellen, die sich in Milieus verpuppen, zu denen die meisten aus der liberalen bürgerlichen Mitte stammenden Autoren kaum einen Zugang haben. Deutsche Romane, die zumindest den Versuch unternehmen, eine Gesamtschau der Gegenwart zu wagen, haben Seltenheitswert. Immerhin ist es Juli Zeh, die immer schon ein sehr wacher, durchaus auch soziologischer Blick auf die Gesellschaft auszeichnete, einmal mehr gelungen, mit ihrem umfangreichen Roman Unterleuten einen ländlichen Mikrokosmos zu schaffen, in dem sich wie in einem Brennglas die Probleme der Bundesrepublik bündeln. Der Umstand, dass der von der Kritik gerühmte Gesellschaftsroman – ein in der deutschsprachigen Literatur seit jeher rares Genre – sich sogar über lange Zeit auf den Bestsellerlisten halten konnte, deutet darauf hin, dass es eine über literarische Zirkel hinausgehende Lust an dieser durchaus traditionellen Form des Erzählens gibt, ein Interesse auch an einem kühl sezierenden Blick auf das, was als Reflexe der großen Politik bei den Menschen ankommt.
 
Ganz anders geartet, aber in der Wiedergabe einer bis ins kleinste genau recherchierten Welt durchaus vergleichbar ist der Roman Hool von Phillipp Winkler. Die extreme Welt der Hooligans wird hier nicht von oben herab mit soziologisch-pädagogischer Absicht geschildert, sondern es wird aus ihr heraus die Geschichte eines Menschen erzählt, der in dieser gesellschaftlichen Nische dieselben Bedürfnisse hat wie scheinbar angepasste Bürger. Gerhard Falkners Apollokalypse taucht tief ein in die Berliner Szenen der 80er und 90er Jahre und erzählt, wie die Lebenserfahrungen der Vor- und Nachwende-Zeit eine Biografie formen. Auch Reinhard Kaiser-Mühleckers Fremde Seele, dunkler Wald lebt von der sehr genauen Kenntnis eines Milieus, hier ein oberösterreichisches Dorf, und erzählt darin die Geschichte eines von einem Auslandseinsatz als Soldat internationaler Truppen zurückkehrenden Mannes und seines Wiedereintauchens in die enge Welt seiner Heimat. So zeitlos die Geschichte auch erzählt wird, so genau ist in ihr die Gegenwart verarbeitet.

Authentizität ja oder nein

Authentizität, die präzise recherchierte Kenntnis der erzählten Welt galt lange nicht mehr so viel wie in den letzten Jahren, lange Zeit überwog die Skepsis, mit sprachlichen Mitteln und mimetischen Verfahren sei der überkomplexen Welt ohnehin nicht beizukommen. Nun schlägt das Pendel in die andere Richtung, in Sachen Authentizität sogar sehr heftig. Zwar lässt sich in einer Zeit, in der es zu jeder Strömung eine Gegenströmung gibt, kaum ein Großtrend eindeutig festmachen. Zumindest aber in den Feuilletons wurde darüber gestritten, ob man aus einer Handvoll vergleichbarer Romane einen Trend ablesen kann. „Warum mich Romane heute nur noch langweilen“ überschrieb ein Literaturkritiker seinen Rundumschlag gegen die fiktionale Belletristik und stellte dagegen die „radikalen Ich-Texte“ etwa eines Benjamin von Stuckrad-Barre (Panikherz) oder Thomas Melles Bericht über sein Leben mit einer bipolaren Störung (Die Welt im Rücken), der es immerhin auf die Buchpreis-Shortlist brachte. Joachim Meyerhoff legte mit Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke den dritten Teil seines bei Kritik und Lesern ungeheuer erfolgreichen autobiographischen Großprojekts vor, und auch Maxim Billers jüngstes im Frühjahr erschienenes Buch zählt trotz aller fiktionaler Arabesken dazu. In seinem Titel bereits spiegelt sich absichtsvoll die ganze Paradoxie des angeblich nicht-fiktionalen Erzählens: Biografie. Roman.
 
Vergleichbar mit dem „postdramatischen Theater“ ließe sich hier von einer postliterarischen Literatur sprechen, die dem Fiktiven misstraut und alles, was nach mimetischer Überformung durch den Autor aussieht, bereits als Verschleierung brutaler Faktizität verurteilt. Ganz im Gegensatz zu Walter Benjamins Diktum „Der Künstler macht ein Werk. Der Primitive äußert sich in Dokumenten.“ wird diese bereits seit einigen Jahren anhaltende Strömung sich aller Voraussicht nach nicht abschwächen, der Rückzug auf die scheinbare Sicherheit des Ichs wird sich im Zeitalter von Fake-News und wachsender Verunsicherung eher verstärken.

Eine Frage des Stils

Gibt es auf der Inhaltsseite keinen eindeutig bestimmbaren Trend, so lässt sich im Formalen die Fortsetzung dessen feststellen, was bereits seit vielen Jahren die deutsche Gegenwartsliteratur prägt: Die Dominanz der Parataxe, der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug des tendenziell spröden, lakonischen Tons. Nichts scheint gegenwärtig schlimmer, als eines barocken Stils geziehen zu werden. Wer üppig und adjektivreich erzählt, gerät schnell in die Nähe des Trivialen, kaum jemand möchte schön schreiben und das Erzählen mit differenzierten, auf- und abschwellenden Bandwurmsätzen auch klanglich zu einem Erlebnis machen.

Naturgemäß gelten die wenigen Ausnahmen dieser Regel dann auch schnell als konservativ, wenn nicht altmodisch und gestrig. Martin Mosebach etwa, einer der wenigen, der sich die Lust am stilistisch filigran gedrechselten Satz nicht hat austreiben lassen, hat dies in seinem Roman Mogador einmal mehr gezeigt. Auch Christian Kracht, dessen neuester Roman Die Toten bei allen Qualitäten längst nicht zu dem Großereignis wurde, zu dem ihn bei seiner Veröffentlichung einige Kritiker hochschreiben wollten, zählt zu den wenigen Autoren, die sich nicht scheuen, vielgliedrige Nebensätze zu schreiben, in denen bisweilen herzlich wenig geschieht, in denen aber immerhin ein großer, wenngleich nicht immer eingelöster Stilwille erkennbar wird.

Dass Kracht ebenso wie Guntram Vesper mit seinem tausendseitigen Deutschland-Epos Frohburg (für das er im Frühjahr 2016 immerhin den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt) nicht einmal auf der Longlist für den deutschen Bücherpreis auftauchte, ist ein Indiz für die vorherrschende Geschmacksrichtung im deutschen Belletristikbetrieb. Aber man darf sich trösten: Unter allen Strichen ist die Bandbreite so groß wie nie, es gibt nichts, was es nicht gibt.