Sachbücher Luther, natürlich, aber nicht nur

Internationale Buchmesse Turin 2015 – Deutscher Pavillon
Internationale Buchmesse Turin 2015 – Deutscher Pavillon | © Frankfurter Buchmesse – Foto Fabio Melotti

Zu den offenkundigen Besonderheiten des Sachbuchjahres 2016 gehörte die Vorbereitung auf das diesjährige Reformationsjubiläum: Martin Luther, der vor einem halben Jahrtausend seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg schlug, ist auf dem Buchmarkt so gegenwärtig wie nie zuvor. Aus der regelrechten Flut von Neuerscheinungen zum Luther-Gedenkjahr ragt Thomas Kaufmanns Reformationsgeschichte „Erlöste und Verdammte“ hervor. Großes Kritikerlob erhielt auch Volker Reinhardt für seine mentalitätsgeschichtlich unterfütterte Biografie „Luther, der Ketzer“. Als Dauergast auf den Bestsellerlisten erwies sich Bruno Preisendörfers „Als unser Deutsch erfunden wurde“ – eine unterhaltsam-lehreiche, alltagsgeschichtliche „Reise in die Lutherzeit“.

Aktuelles im Sachbuch

Neben dem wortgewaltigen Augustinermönch hinterließ 2016 das tagespolitische Geschehen deutliche Spuren in der Sachbuchlandschaft. So erschienen vor allem in der ersten Jahreshälfte zahlreiche Bücher zur sogenannten Flüchtlingskrise - darunter auch Navid Kermanis Reportage Einbruch der Wirklichkeit. Der deutsch-iranische Schriftsteller hat sich selbst auf die „Balkanroute“ gemacht, er hat mit Flüchtlingen, Politikern, Helfern und Schleppern gesprochen. Kermani ist voll Mitgefühl für jene, die sich aufgemacht haben, eine neue Heimat zu finden und voll analytischen Scharfsinns, wenn es darum geht, die damit verbunden Probleme und Widersprüchlichkeiten zu benennen. Auch der Band Die neuen Deutschen von Herfried und Marina Münkler hat die Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwurde, verdient. Das Professorenpaar schreibt mit wohltuender Gelassenheit und lösungsorientiertem Pragmatismus gegen die Aufgeregtheit der aktuellen Flüchtlingsdiskussionen an.
 
Gegen jene, die, wie die europaweit erstarkenden rechtspopulistischen Parteien, versuchen, den Flüchtlingszuzug für politische Zwecke zu instrumentalisieren, wandte sich u.a. die Journalistin Carolin Emcke in ihrem leidenschaftlichen Plädoyer Gegen den Hass. Als Emcke kurz nach Erscheinen des Bandes im Oktober 2016 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, brach sich in den Feuilletons die Sachbuchdebatte des Jahres Bahn: Sicher – diesbezüglich herrschte bei Emckes Kritikern zwar Konsens - Hass sei niemals gut, ebenso wenig wie Intoleranz, Rassismus und Sexismus. Nur komme Emcke, so urteilte ein Rezensent in der WELT, in ihrem Buch eben nicht über die Konstatierung des Offensichtlichen hinaus. So ehrenwert das Anliegen, so nutzlos sei es letztlich in der Durchführung. In der TAZ nahm man an Emckes moralisierendem, „hohem Ton“ und ihrer Unfähigkeit zu Differenzierungen und Ironie Anstoß. Und in der ZEIT störte man sich daran, dass die Friedenspreisträgerin zwar „kulturelle Diskriminierungserfahrungen analysiert“, dabei aber die „soziale Frage“ weitgehend unberücksichtigt lasse. Daraufhin wurde von anderer Seite (Deutschlandradio Kultur, FAZ) deutliche Kritik an den Kritikern von Carolin Emcke geübt.

Reagieren auf Donald Trump

Vor allem der Verweis auf die soziale Frage tauchte wenige Wochen nach der Friedenspreis-Verleihung in einem anderen Zusammenhang wieder auf: Donald Trump hatte im November 2016 überraschend die US-Präsidentschaftswahl gewonnen. Plötzlich rückte der „weiße Mann aus dem Rust Belt“ als Repräsentant einer vom linksliberalen Diskurs vernachlässigte Spezies ins Zentrum der aufgeregten Mediendebatte. Die hiesigen Verlage reagierten auf die Ereignisse in Amerika noch vor der Wahl mit der eiligen Übersetzung von der Büchern wie Michael D’Antonios Die Wahrheit über Donald Trump oder der kritischen Trump-Biografie von David Cay Johnston (Die Akte Trump). Mit Trumpland gehört der Schweizer Journalist Walter Niederberger bislang noch zu den wenigen deutschsprachigen Autoren, die sich in Buchform mit dem Thema befasst haben.

Lebenshilfe und Ideengeschichte

Zu den traditionell prominent vertretenen Genres gehörte nicht zuletzt die Biografie, auch unabhängig vom Luther-Jubiläum. So wurde Jürgen Goldstein für die Lebensbeschreibung des Naturwissenschaftlers und Revolutionärs Georg Forster (Zwischen Naturgewalt und Freiheit) mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Juroren- und Kritikerlob erhielten auch Volker Hagedorn für seine Musikerdynastie-Geschichte Bachs Welt. Gleiches gilt für Jörg Später, der Ende des Jahres eine umfassende, glänzend erzählte Studie zu Leben und Werk des Feuilletonisten und Filmtheoretikers Siegfried Kracauer vorgelegt hat.

Ferner hielt sich der Trend zu unterhaltsam geschriebenen Lebenshilfebüchern und Gesundheitsratgebern (zu den großen Verkaufserfolgen gehörte beispielsweise Haut nah. Alles über unser größtes Organ, verfasst von der Dermatologin Yael Adler). Am anderen Ende des weitgefächerten Sachbuchspektrums stehen gelehrte zeit- und gesellschaftsdiagnostische Essays ebenso wie Kultur -und Ideengeschichten (Johannes Fried Dies Irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs).

Die skizzierten Tendenzen setzen sich im neuen Jahr fort. Jubiläen und Jahrestage liefern auch weiterhin den Anlass, um einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Daneben werden in zahlreichen Publikationen insbesondere die aktuellen Krisenthemen und gesellschaftspolitischen Umbrüche aufgegriffen. Vor allem aber herrscht Vielfalt auf dem Sachbuchmarkt.