Rezension Endgültig. Ein Thriller im Zeichen von Ehre und Vergeltung

Andreas Pflüger
Foto (Ausschnitt): © Anne Pflüger

Ein Polizist – genauer gesagt eine Polizistin – und ihre Pistole. Sie nimmt sie auseinander, reinigt sie und setzt sie wieder zusammen. Sie pflegt sie, als wäre sie lebendig, als wäre sie ein Körperteil von ihr und für sie überlebensnotwendig. Und wahrscheinlich ist sie das auch. Wie die Erinnerungen, die allein beim Berühren der Waffe wach werden. Die Erinnerungen an die vielen Male, die sie eine Pistole verwendet hat. Mit dieser geradezu klassischen Anfangsszene beginnt Endgültig, der erste Roman von Andreas Pflüger, einem der angesehensten Drehbuchautoren Deutschlands.

Seine komplexe Geschichte von Ehre und Vergeltung besticht mit narrativen Mechanismen, die so perfekt funktionieren wie eine gut geölte Waffe. Mit Ereignissen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, aber letztlich doch ein zusammenhängendes Bild ergeben – in bester Thriller-Tradition. Aber das von Pflüger entworfene Puzzle, das in Italien von Emons Edizioni verlegt wird, wartet mit einem zusätzlichen Schwierigkeitsgrad und damit einem besonders interessanten Aspekt auf: Die Hauptfigur Jenny Aaron, unter Kollegen einfach Aaron, ist blind.

Die Abteilung

Aaron ist die Tochter eines legendären Ex-Kommandeurs des GSG 9, der deutschen Antiterrorismus- und Spezialeinheit. Sie ist seit 15 Jahren bei der Polizei – seit sie als 20-jährige Schülerin einen Serienmörder, der sie entführt hatte, enttarnt und unschädlich gemacht hat. Und sie ist die erste Frau, die in die ominöse „Abteilung“ aufgenommen wird, eine Eliteeinheit der Polizei, die in ganz Europa ohne besondere bürokratische Einschränkungen agiert. Dabei war Aaron nicht immer blind. Sie verliert ihr Augenlicht fünf Jahre vor den Geschehnissen in Endgültig, im Zuge einer Schießerei in Barcelona, die im Prolog zum Roman beschrieben wird. Ein fehlgeschlagener Undercover-Einsatz, dessen Ziel es gewesen war, ein gestohlenes Bild von Chagall wiederzubeschaffen. Trotz ihrer Behinderung arbeitet Aaron weiter als Vernehmungsspezialistin für das Bundeskriminalamt. Doch dann wird sie erneut von der Abteilung angerufen, zu der sie jeden Kontakt abgebrochen hatte. Der Serienmörder aus ihrem ersten Fall hat im Gefängnis ein weiteres unerklärliches Delikt begangen und verlangt ausdrücklich, mit ihr zu sprechen.

Aaron die Jägerin, der Lockvogel, die Gejagte

Die einzelnen Handlungsstränge des Romans führen bis in die Anfänge von Aarons Karriere zurück, sind mit allen ihren bisherigen Fällen verknüpft. Mit ihren ersten Fällen in Deutschland ebenso wie mit ihren Undercover-Einsätzen in Neapel, Moskau, Barcelona und dann wieder in Berlin. Nach und nach wird die Polizistin so von der Jägerin zum Lockvogel und letztlich zur Gejagten, und all ihre alten Schuldgefühle kommen ans Tageslicht. Vor allem jene gegenüber dem mysteriösen Niko, ihrem Ex-Kollegen und Ex-Geliebten, der in Barcelona ebenfalls schwer verletzt wurde und nach wir vor für die Abteilung im Einsatz ist.
Dank Andreas Pflüger entdecken wir in Aaron eine Art Superheldin, die trotz ihrer Beeinträchtigung besser schießt und kämpft als alle anderen. Der Vergleich mit der Comicfigur Daredevil, dem Teilzeit-Anwalt und blinden Superhelden von Marvel drängt sich so stark auf, dass Pflüger ihn – vielleicht um sich sofort das Gewissen reinzuwaschen – bereits auf den ersten Seiten des Romans zitiert. Und vielleicht ist Aaron ja auch eine Superheldin. Eine die weiß, welche Gegenstände sich in einem Raum befinden, indem sie einfach mit den Lippen schnalzt und dann das Echo wahrnimmt. Die aus eben diesem Grund, und nicht etwa aus Gewohnheit, hochhackige Schuhe trägt und die jedes Mal, wenn sie eine Straße quert oder den Gehsteig entlang geht, ihre Schritte zählt und sich an die entsprechende Zahl auch noch nach Jahren erinnert. Die das Bushidō, den Verhaltenskodex der Samurai, beinahe wortwörtlich befolgt und den schwarzen Gürtel des 5. Dan der obskuren Kampfkunst Gōjū-Ryū trägt. Die geheime Handgriffe kennt und mit einem Stoß zwischen die Rippen den Gegner mit mehreren Stunden Verzögerung bewusstlos schlagen kann. Der es gelingt, auf das Kupplungsstück zwischen Anhänger und Zugmaschine eines fahrenden Lasters auf- und wieder abzuspringen und aus einem von den besten deutschen Polizisten bewachten Raum zu entkommen. Und wie alle ernstzunehmenden Superhelden schlägt sich auch Aaron mit diversen Schwerkriminellen herum, die auf der Jagd nach ihr sind. Wie die Brüder Holm, der heimtückische Ludger, der sie in Barcelona verletzt hat und ebenfalls Bushidō praktiziert, und der psychopathische Sascha.

Ein Thriller mit Superkräften

Im Spiel mit den Mechanismen klassischer Thriller schöpft Pflüger alle Mittel aus, die ihm zur Verfügung stehen. Auch wenn der eine oder andere Halm, an den er sich dabei klammert, ähnlich dünn scheint wie seine Hauptfigur. Aber zweifellos verfügt auch er über irgendwelche Superkräfte, wie etwa sein außergewöhnliches Talent in puncto fundierter Recherchen. Pflüger weiß alles über Blinde und Echoortung, über Präzisionsgewehre und Scharfschützen, über Kampfkünste und Samurais, über Pistolen, die Abläufe bei der deutschen Polizei, Malerei, Liebesromane und was sonst noch alles. Mithilfe dieses Wissens und natürlich seines hervorragenden Schreibstils gelingt es ihm, die Spannung für den Leser über die gesamten 400 Seiten hochzuhalten.
Superkräfte, die uns die Gewissheit schenken, dass sich Aaron auch nach dem Schlusswort von Endgültig wieder an die Arbeit machen wird, um weiter gegen alle Bösewichte zu kämpfen, die da draußen noch frei herumlaufen.

Die italienische Ausgabe von „Endgültig“, „Nero assoluto“, erscheint am 25. Mai 2017 bei Emons Edizioni.