Ein Überblick Die Integration ausländischer Minderjähriger in italienische Schulen

Inklusion von Migranten mit Fluchterfahrung
Inklusion von Migranten mit Fluchterfahrung | Foto: Kai Brans / Paolo Pisacane | Copyright: Lavafilm

Das Meer ist an jenem sonnigen Vormittag ruhig. Ein Frachtschiff nähert sich langsam dem Hafen von Bari. Sein Name ist „Vlora“, aber da es gewöhnlich Zucker transportiert, wird es bald das „süße Schiff“ genannt. Es wurde entführt und zweckentfremdet: Tausende Menschen mit von Erschöpfung geschwollenen Augen, geschafft von der anstrengenden Überfahrt, mit ängstlichem Gesicht, aber auch voller Erwartungen, nähern sich der italienischen Küste. 20.000 Männer, Frauen und Kinder sind auf das Schiff gepfercht, drängen sich dicht an dicht.

Es sind albanische Migranten, die vor dem Krieg in ihrem Land fliehen und Zuflucht in Italien suchen. Es ist der August 1991 und dieses Bild wird im kollektiven Gedächtnis der italienischen Bevölkerung zum Symbol für eine epochale Wende, denn es markiert den Beginn eines Wandels. Italien, traditionell ein Land von Migranten, wird nun zum Zielland massiver Einwanderung, erläutert Vinicio Ongini von der Generaldirektion für Studierende, Integration, Partizipation und Kommunikation des italienischen Bildungsministeriums.

Ab diesem Zeitpunkt sieht sich Italien vor eine bislang unbekannte Aufgabe gestellt: die der Integration nicht italienischsprachiger Schüler in italienische Schulen. Die vom Bildungsministerium definierte pädagogische Linie, mit der man den neuen Anforderungen begegnen will, ist eindeutig. Sie wird „der italienische Weg“ genannt und beruht auf einem klaren Grundsatz – der Inklusion der Vielfalt. Italien beschließt, seine Schulen für alle zu öffnen, alle zu inkludieren. Italienische und nicht italienische Schüler kommen in gemeinsame Klassen, um ihnen so zu helfen, gemeinsam zu lernen. Ziel ist es dabei nicht, immigrierte Schüler in ein italienisches Umfeld zu integrieren; die Vielfalt bezüglich Herkunft, sozialer Schicht und bisherigem Bildungsweg wird vielmehr zum identitätsstiftenden Paradigma der Schule selbst. Dialog und gegenseitige Integration der Kulturen werden gefördert und gelten als notwendige Grundlage für ein friedvolles multiethnisches und multikulturelles Zusammenleben.
 

  • Inklusion von Migranten mit Fluchterfahrung Foto: Kai Brans / Paolo Pisacane | Copyright: Lavafilm
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    Inklusion von Migranten mit Fluchterfahrung
  • Inklusion von Migranten mit Fluchterfahrung Foto: Kai Brans / Paolo Pisacane | Copyright: Lavafilm
    Inklusion von Migranten mit Fluchterfahrung
  • Inklusion von Migranten mit Fluchterfahrung Foto: Kai Brans / Paolo Pisacane | Copyright: Lavafilm
    Inklusion von Migranten mit Fluchterfahrung
Es ist eine Grundsatzentscheidung, die neue und große Herausforderungen mit sich bringt. Herausforderungen, die bis heute existieren und in direktem Zusammenhang mit den fortschreitenden Veränderungen des sozialen Gefüges in Italien stehen. Viele Migrantengemeinschaften siedeln konzentriert in den städtischen Randgebieten, die Schulen dieser Stadtviertel werden vor allem von Schülern mit Migrationshintergrund besucht. Zum heutigen Tag zählt man in Italien etwa 3.000 Schulen mit über 30 % nicht italienischsprachiger Schüler. An 690 davon stammt über 50 % der Schüler nicht aus Italien, der Großteil von ihnen kommt aus Rumänien, Albanien, Marokko und China. Diejenigen unter ihnen, die erst seit Kurzem in Italien sind, werden zudem meist Schulklassen zugeteilt, die nicht ihrer Altersgruppe entsprechen. Mit 14 Jahren hinken bereits 40 % im Ausbildungsprogramm hinterher, in den letzten Jahren der Oberstufe brechen viele, vor allem aufgrund von Wissensrückständen und negativen Beurteilungen, die Schule ab. Es ist ein Babel unterschiedlicher Sprachen und Kulturen, eine komplexe Realität, die schwer zu managen ist.

Hinzu kommen die zum Teil traumatischen Erfahrungen der Schüler im Zuge der dramatischen Flucht aus dem eigenen Land und infolge schwieriger familiärer Verhältnisse. Letzteres betrifft vor allem viele unbegleitete Minderjährige. Im Jahr 2017 kamen etwa 18.500 Minderjährige unbegleitet nach Italien, 12.000 von ihnen sind geblieben. Sie stammen zum Großteil aus Gambia, Eritrea und Ägypten, viele von ihnen sind auch in ihrer Muttersprache Analphabeten. Um sie in der italienischen Sprache zu alphabetisieren, würden Lehrer und Lehrerinnen mit entsprechenden Kompetenzen benötigt, doch die gibt es bislang nicht. Gleichzeitig erleben eben jene Schulen, die sich Tag für Tag diesen Herausforderungen stellen, einen fortschreitenden Rückgang an italienischen Schülern, deren Familien fürchten, dass ihre Kinder aufgrund der stark heterogenen Klassen im Lernstoff zurückbleiben. Klassen, die in Folge Gefahr laufen, zu Ausländerghettos zu werden und so den Weg der Inklusion der Vielfalt erschweren.

Die Herausforderung, vor der das interkulturelle Modell Italiens damit heute steht, liegt darin, Multikulturalität attraktiv zu machen, Vielfalt als Bildungschance zu erkennen und die Komplexität der Situation als Möglichkeit zur kulturellen Entwicklung für alle – ausländische und italienische Schüler – zu nutzen. Der Weg dorthin ist schwer und voller Hindernisse, aber wenn die richtigen Maßnahmen gesetzt werden, könnte er die Chance sein für einen Kurswechsel – der eventuell notwendig ist und zweifellos dem Wandel unserer Gesellschaft entsprechen würde. Schülerinnen und Schüler in einem heterogenen Umfeld zu unterrichten, in Klassen mit Jugendlichen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Kulturen sowie mit angemessenen Lernzeiten, würde bedeuten, sie dort auf eben jene Welt vorzubereiten, der sie später außerhalb ihrer Klassenräume begegnen werden.