Inklusion Italien – Deutschland: Experten auf Bildungsreise

Eine Seite des deutsch-arabischen Handbuchs der Interessensgemeinschaft Kunststoff
Eine Seite des deutsch-arabischen Handbuchs der Interessensgemeinschaft Kunststoff | © Rainer Hardtke

Eine App, die Jugendlichen und Lehrbeauftragten bei der Suche nach einer individuell zugeschnittenen Ausbildung hilft und ein deutsch-arabischer Leitfaden für fachspezifische Terminologie im Bereich der Plastikverarbeitung, denn, wie sagt man nochmal „warmgas-ziehschweißen“ auf Arabisch?

Diese innovativen Hilfsmittel, die Geflüchteten in Deutschland beim Übergang von der Schule in den Beruf helfen sollen, könnten bald auch in Italien angewandt werden.
 
Anregung für den Austausch zwischen Deutschland und Italien war eine vom Goethe-Institut Rom organisierte Bildungsreise Anfang Februar. Experten aus Süditalien reisten dafür nach Hamburg und Bonn, um sich über das deutsche Bildungssystem und die Inklusion von Geflüchteten in Schule und Arbeit zu informieren.

Herausforderungen und Wege der Inklusion auf dem Arbeitsmarkt

Zentral stand dabei die Frage, wie man junge Geflüchtete und Jugendliche mit Migrationshintergrund am besten auf den Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt begleiten kann. Welche Programme gibt es zum Thema in Deutschland und welche Herausforderungen könnten Italien und Deutschland gemeinsam meistern?
 
Die Reise führte die italienischen Teilnehmer entlang aller wesentlichen Etappen, die junge Geflüchtete im Idealfall in Deutschland zurücklegen: von der Ankunft in der Erstaufnahme bis hin zur beruflichen Aus- und Fortbildung. 
 
„Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umstände in Deutschland und Italien sind sehr unterschiedlich. Aber der Einblick in ein anderes Bildungssystem hat uns zweifelsohne dazu angeregt, über unsere eigene Arbeit nachzudenken“, berichtete Elena De Filippo, Leiterin der gemeinnützigen Genossenschaft Dedalus in Neapel. Seit fast 40 Jahren setzt sich Dedalus für Frauenrechte und die Inklusion von Migranten in der Stadt am Fuß des Vesuvs ein.
 

Innovative Hilfsmittel

Besonders angetan hatte De Filippo es ein deutsch-arabisches Handbuch der Interessensgemeinschaft Kunststoff, ein Zusammenschluss von Unternehmen der Kunststoffindustrie. Der Leitfaden erläutert deutsche Spezialbegriffe wie etwa „Bolzendurchmesser“, die auch für Muttersprachler nicht immer einfach zu verstehen sind. Zusätzlich liefert das Handbuch eine arabische Übersetzung. De Filippo glaubt, dass ein gleichartiges Hilfsmittel auch im italienischen Bildungssystem sehr hilfreich sein könnte.
 

Einen wesentlichen Unterschied zwischen Deutschland und Italien sieht Bildungsexperte Gianpietro Losapio in der politischen Herangehensweise an das Thema Migration: „Ich hatte den Eindruck, dass man in Deutschland Migration als Antriebsrad der Wirtschaft sieht, nicht als Problem oder eine Frage der Solidarität, sondern als eine Ressource“. Losapio, Leiter des Dachverbands Nova, betreibt mehr als 50 Unterkünfte für Asylwerber in Italien.
 
„In Deutschland ist man sich des demographischen Wandels sehr bewusst. Bei der Interessengemeinschaft Kunststoff wurde uns erklärt, dass ein Fünftel der derzeit 2.500 Angestellten bald in Pension gehen würde. In Italien ist die Frage der Überalterung der Bevölkerung sogar noch dringender.“
 
Konkret arbeitet Losapio schon mit dem innovativen Bildungsnetzwerk StartNet im Rahmen des Projekts Or.Co digitsys an der Umsetzung der App ‚Zukunft läuft‘. Die vom Ministerium für Bildung des Landes Rheinland-Pfalz herausgegebene App soll Jugendliche motivieren, sich mit Berufs- und Studienorientierung zu beschäftigen.

„Die App ‚Zukunft läuft‘ wird einerseits zur Erörterung der Interessen eingesetzt und andererseits dazu, die Eignung und Kenntnisse für Lehrberufe von Jugendlichen einzuschätzen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche weiteren Bildungswege in Betracht gezogen werden können. Besonders wichtig dabei ist, dass die App sprachneutral und kultursensibel ist“, erklärt Guido Kirst, Leiter des Berufsorientierungsprogramms des BIBBs.

Ein Austausch in beide Richtungen

Es gab aber auch Aspekte der deutschen Herangehensweise an die Inklusion von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die die Teilnehmer der Bildungsreise nicht als durchwegs positiv erlebten.
Im Gegensatz zum deutschen Schulsystem, das separate Deutschlernklassen vorsieht, beruht das italienische Bildungsmodell seit über 40 Jahren auf dem Prinzip der Inklusion. Alle Schüler werden gemeinsam unterrichtet, getrennte Klassen gibt es nicht.
 
„Wir haben eine Gymnasialklasse besucht, die ausschließlich aus Schülern mit Migrationshintergrund bestand. Sie verbringen das ganze Schuljahr untereinander. Meiner Meinung nach riskiert man damit, dass sie sich nicht in die deutsche Schulgemeinschaft einfügen, vor allem im Alter von 15 bis 16 Jahren. In Italien hätten wir diese Kinder in Klassen­ gemeinsam mit italienischen Kindern untergebracht“, erzählt Herr Losapio.
 
Grund genug, den Austausch von dem beide Länder profitieren können, fortzusetzen, finden die Teilnehmer der Bildungsreise.