Tag des Gedenkens
Erinnern – eine existenzielle Notwendigkeit

Stolpersteine, Köln
© Goethe-Institut | Foto: Robert Sprang

Alessandro Portelli war Professor für angloamerikanische Literatur an der Universität „La Sapienza“ in Rom und gilt als einer der Begründer der Oral History in Italien. Eine seiner zahlreichen Publikationen ist „L’ordine è già stato eseguito“ (Dieser Befehl ist bereits ausgeführt worden), ein Standardwerk zum NS-Massaker in den Ardeatinischen Höhlen am 24. März 1944.

Von Giovanni Giusti

Der Internationale Tag des Gedenkens am 27. Januar ist den Opfern des Holocaust gewidmet. Wir haben Professor Portelli danach gefragt, wie man den Gedenktag jedes Jahr neu betrachten, ihn stets lebendig halten kann, ohne dabei Gefahr zu laufen, ihn in eine fast schon vorhersehbare Veranstaltung zu verwandeln.

„Die Gefahr eines Sättigungseffekts wird von vielen Seiten angesprochen. Ich denke nach wie vor, dass der Gedenktag sich nicht auf die Erinnerung an ein spezifisches Ereignis konzentrieren sollte, auch wenn es sich um das tragischste Ereignis unserer Geschichte handelt. Wie könnten wir jedes Jahr etwas Neues zu Auschwitz sagen? Ich denke da an die Schülerinnen und Schüler, die in der Mittel- und Oberstufe im Wesentlichen immer dasselbe zu hören bekommen. Obwohl wir selbstverständlich Bezugspunkte benötigen, müssten wir darüber nachdenken, welche Funktion die Erinnerung generell und aufs Ganze gesehen erfüllt. Eine Schwäche des historischen Erinnerns hat nämlich unmittelbare politische Folgen. Die Erinnerung verbindet uns nicht nur mit der Vergangenheit, unsere Einstellung zur Vergangenheit lenkt auch unser heutiges Verhalten.“

Kritische Erinnerungsarbeit

„Gleichzeitig glaube ich, dass die Auseinandersetzung mit der Erinnerung nur eine kritische sein kann. Ein weiteres Problem ist nämlich, dass die Erinnerung als unantastbare Gegebenheit angesehen wird, als unverletzbare, nicht hinterfragbare subjektive Erfahrung, und so auf gewisse Weise ‚enthistorisiert‘ wird. Am Erinnern und Gedenken zu arbeiten, bedeutet aber, sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Das wird in unserem Zusammenhang erschwert, denn hier wird das Erinnern als moralische Verpflichtung beschworen. Das Erinnern ist keine moralische Verpflichtung, sondern eine existenzielle Notwendigkeit. Wir können nicht beschließen, uns nicht mehr zu erinnern. Sobald wir uns an bestimmte Dinge nicht mehr erinnern, erinnern wir uns stattdessen an andere, oder wir erinnern uns auf andere Weise daran. Daher finde ich, dass es eine umfassende Debatte über die Funktion der Erinnerungskultur in unserer heutigen Gesellschaft geben sollte, eine kritische Debatte über das Erinnern als Quelle, über das Erinnern als Bewusstseins- und Gewissensarbeit, nicht nur als intellektuelle Arbeit.

Außerdem verändert sich die Erinnerung. Wenn die Erinnerung Gegenwart und Vergangenheit verbindet, dann wandelt sich unsere Beziehung zur Vergangenheit, sobald sich die Gegenwart verändert, wir entfernen uns und nehmen andere Blickwinkel ein. Wir müssen uns daher fragen, wie das historische Gedächtnis momentan funktioniert, wie unsere Beziehung zur Vergangenheit generell funktioniert.“

Auschwitz als Chiffre des Gedenkens

Der 27. Januar ist der Internationale Tag des Gedenkens, am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Warum gilt gerade Auschwitz als Chiffre des Gedenkens? Warum ist es so wichtig?

„Mit Auschwitz ist das so. Einerseits hat Auschwitz Autoren wie Primo Levi und Jean Améry hervorgebracht, und aus der Auschwitz-Erfahrung sind die großen Reflexionen über die Shoah hervorgegangen. Andererseits ist Auschwitz Endpunkt der nationalsozialistischen Experimente mit den Vernichtungsmethoden, Endpunkt einer fortschreitenden ‚Industrialisierung‘ der Vernichtung. Und zudem ist Auschwitz, gerade der Umstände seiner Befreiung wegen, das am vollständigsten erhaltene Lager. Wir können es in seiner konkreten Gestalt sehen. Auschwitz ist ‚der‘ Erinnerungsort schlechthin, weil das Lager noch heute weitgehend sichtbar und zu besichtigen ist.“

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