Schadensbilanz der Kultur

Bühnenvorhang
Bühnenvorhang | © Colourbox

„Maximal unsensibel“ – so nannte die deutsche Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, im November 2020 den Entwurf der Regierung, der sie selbst angehört, zu einem Gesetz, das den Infektionsschutz im Land neu regeln soll. Ihre Kritik entzündete sich daran, dass in diesem Entwurf die Kultureinrichtungen – Museen, Theater, Opernhäuser, Konzerthallen, Kinos – explizit in eine Reihe gestellt worden waren mit Fitness-Studios und Bordellen.

Von Andreas Platthaus

In Deutschland regte sich über diese Gleichsetzung Spott und noch mehr Empörung. Vor allem unter denen, die von den Schließungen ihrer Wirkungsstätten bis ins Mark getroffen wurden: nicht nur finanziell, sondern auch in ihrer Selbstachtung.

Was sagt es aus über eine Gesellschaft, dass deren politische Entscheidungsträger das Kulturleben zwischen Körperertüchtigung und Sexualverkehr einordnen? Mens sana in corpore sano? So viel Latein darf man wohl selbst bei einer konservativ dominierten Regierung nicht mehr voraussetzen. Man muss fürchten, dass die Kultur das Bauernopfer darstellt bei einem Spiel, in dem es darum geht, weiten Teilen der deutschen Bevölkerung liebgewordene Beschäftigungen zu untersagen: Freundschaftstreffen, Restaurantbesuche, Auslandsreisen. Hätte da die für viele als elitär empfundene Schicht des Bildungsbürgertums weiter ihren Leidenschaften frönen dürfen, wäre das schwer vermittelbar gewesen; die Proteste gegen die Einschränkungen im öffentlichen Leben sind eh schon massiv. Zudem verkleinert jede Verminderung von Begegnungen das Infektionsrisiko. Aber es steht außer Frage, dass im Vergleich mit Kulturstätten eine ungleich größere Gefahr neuer Ansteckungen in Schulen und am Arbeitsplatz besteht. Die Wirtschaft soll indes durch die Hygienemaßnahmen möglichst wenig beeinträchtigt werden, und wenn Kinder weiter zur Schule gehen, können ihre Eltern leichter und effizienter arbeiten.

Dass diese Zugeständnisse ans ökonomische Wohlergehen bei den politisch eher linksstehenden Künstlern und Kulturangehörigen den Vorwurf einer Kapitulation des Staates vor dem Kapitalismus provozieren, liegt auf der Hand. Doch der deutschen Kultur fehlt es, wie jetzt häufig von deren Akteuren beklagt wird, trotz allem gesellschaftspolitischen Engagement an einer schlagkräftigen Interessenvertretung, die den verschiedenen Sparten eine gemeinsame Stimme verliehe. Keine Gewerkschaft, keine Lobbyorganisation trommelt in Berlin für die Künste. Das hat auch damit zu tun, dass aufgrund der jahrhundertealten föderalen Struktur Deutschlands viele Kultureinrichtungen in heutigen Hauptstädten oder an ehemaligen Fürstensitzen mit öffentlichen Geldern alimentiert werden, so dass sich der Eindruck verfestigt hat, für deren Mitarbeiter bestehe ohnehin keine existenzielle Bedrohung. Das trifft aber nur für den kleineren Teil der deutschen Kunstszene zu; eine weitaus größere Zahl an Künstlern ist nicht festangestellt und lebt von freien Engagements: Musiker, Schauspieler, Schriftsteller. Vom Kinopersonal, das sich fragen muss, warum die Lichtspielhäuser nicht auch wie die privaten Kunstgalerien geöffnet bleiben dürfen, ganz zu schweigen.

Und dann eben die Frage der Selbstachtung. Es ist eine Binsenweisheit, dass Applaus das Brot des Künstlers ist. Aber Kunst machen die Wenigsten, weil sie damit reich werden könnten, sondern weil sie ihre Tätigkeit als wichtige soziale Aufgabe sehen. Kultur schafft Zivilität, sie ist ein wichtiger Kitt der Gesellschaft. Doch genau das ist durch die unterschiedslose Schließungsverfügung für alle „Freizeiteinrichtungen“ bestritten worden; das Signal lautete: Kultur ist nicht überlebenswichtig. Rein materiell mag das zutreffen, intellektuell und spirituell ist es Unsinn. Wenn derartige Geistes- und Gemütsnahrung entbehrlich wäre, warum sollten dann weiterhin Gotteshäuser offen bleiben dürfen?

Der Graben zwischen den Künstlern, die der von ihnen als ignorant empfundenen Konsumgesellschaft skeptisch begegnen, und den wiederum jene als bloße staatliche Almosenempfänger abtuenden klassischen Erwerbstätigen vertieft sich derzeit in Deutschland. Zudem drohen mit staatlichen Einnahmeausfällen Kürzungen der Kulturetats, so dass sich das Angebot der entsprechenden Einrichtungen verkleinern wird – und damit auch deren Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Gereiztheit bei den Künstlern und Kulturangehörigen nimmt zu angesichts der aktuell unabsehbaren Dauer der Beeinträchtigung ihrer Berufsausübung. Und ihrer Idealvorstellung eines Deutschlands, das sich als Kulturnation versteht. Dieses staatliche Selbstverständnis ist nun ebenso in Frage gestellt wie das der Künstler. Maximalschaden könnte man auch sagen.

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