Schaufenster Berlin
„The passenger – Berlino“. Eine Zeitschrift der etwas anderen Art

The passenger Berlino
The passenger Berlino | © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

Die vorletzte Ausgabe der italienischen Zeitschriftenreihe „The passenger“ – herausgegeben unter der Redaktion von Marco Agosto bei Iperborea – ist Berlin gewidmet. Eröffnet wurde die Reihe im Juni 2018 mit einem Band zu Island, seither hat „The passenger“ bereits Holland, Portugal, Griechenland, Norwegen und Brasilien bereist. Zudem wird bald auch eine Ausgabe in englischer Sprache erscheinen, was zeigt, dass das Experiment funktioniert und The passenger ein durchweg internationales Publikum anspricht. Mit „The passenger – Berlino“ richtet das Magazin seinen Fokus erstmals auf eine europäische Stadt und nicht auf ein Land.

Von Giulia Mirandola

Berlin entdecken: Das, was nicht mehr und das, was noch nicht ist

Grund für diese Ausnahme ist, dass die deutsche Hauptstadt am 9. November 2019 den dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls feiert. Zu diesem Anlass zeichnet The passenger – Berlino ein realitätsgetreues, aktuelles und glaubwürdiges Bild der Stadt – ohne kritische Punkte zu verschweigen oder in Nostalgie zu versinken. Im Mittelpunkt steht vielmehr der Versuch einer offenen Auseinandersetzung mit dem, was nicht mehr, und dem, was noch nicht ist.
  • „The passenger“ – weitere Ausgaben © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

    „The passenger“ – weitere Ausgaben

  • Bei der Buchvorstellung „The Passenger Berlino” © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

    Bei der Buchvorstellung „The Passenger Berlino”

  • Bei der Buchvorstellung „The Passenger Berlino” © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

    Bei der Buchvorstellung „The Passenger Berlino”

Am meisten herausholen lässt sich aus The passenger – Berlino übrigens, indem man sich vor Ort begibt und die Plätze, über die berichtet wird, selbst aufsucht. Auch dann, wenn diese heute nicht mehr existieren oder nicht mehr wiederzuerkennen sind. Die Autorinnen und Autoren der Beiträge sind in den Bereichen Literatur, investigativer Journalismus, Architektur, Film und Verlagswesen tätig, stammen aus unterschiedlichen Generationen und leben oder lebten in Berlin. Ihre Namen: Cees Nooteboom, Peter Schneider, Daniel Schulz, Andrea D’Addio, Falko Hennig, Christine Kensche, Alisa Anh Kotmair, Thibaut De Ruyter, Juliane Löffler, Annett Gröschner, Alina Schwermer, Vincenzo Latronico, Jörg Sundermeier, Fabian Federl, David Wagner und Ercole Gentile. Ergänzt werden die Texte von einer eigens in Auftrag gegebenen Fotoreportage von Fotojournalist Mattia Vacca, Illustrationen von Francesca Arena und Infografiken von Pietro Buffa. Buch-, Film- und Musiktipps bieten spannende Querverweise und laden dazu ein, Berlin auch auf Ebene der Assoziationen und Bilder in unseren Köpfen zu erkunden.

Hinter der Fassade

Als ich gerade überlege, wie ich den Artikel gestalten soll, lädt mich eine Freundin ein, doch zur ersten öffentlichen Präsentation von The passenger – Berlino in Berlin zu kommen, die am 23. November in der unabhängigen Buchhandlung Raum Italic stattfindet. Gern nehme ich an. Zu Gast sind der Chefredakteur der Zeitschrift Marco Agosta (Team Iperborea), Andrea D’Addio (Gründer und Herausgeber des Online-Journals Berlino Magazine) und Roberto Sassi (Soziologe und Koautor der Guida alla Berlino ribelle, Voland 2017). Agosta skizziert das Profil der Reihe und betont, dass sich The passenger – Berlino nicht als Stadtführer, sondern vielmehr als eine Geschichte voller Geschichten versteht, die uns einen Blick hinter die Fassade der Stadt erlauben. Sassis Fokus ist ein anderer. Er hat gemeinsam mit Teresa Ciuffoletti für die Reihe Finestre des Verlags Voland den Stadtführer Guida alla Berlino ribelle verfasst, der sich ganz der rebellischen Seite der Stadt widmet. Wenn Sassi über Berlin schreibt oder spricht, tut er das aus dem Blickwinkel der politischen, gesellschaftlichen, literarischen und künstlerischen Geschichte der Stadt.

Ich freue mich, dass er auch das Weinhaus Huth am Potsdamer Platz erwähnt, das eine bizarre Vergangenheit und eine bis zum heutigen Tag ungewöhnliche Geschichte hat und das ich erst dank des Artikels des Schriftstellers Peter Schneider „entdeckt“ habe. D’Addio wiederum sprüht vor Begeisterung für die Stadt, auch wenn ihm der Potsdamer Platz nicht gefällt. Mit lauter Stimme spricht er davon, dass es in Berlin Arbeit und berufliche Möglichkeiten gibt, die andernorts undenkbar wären. Trotz der Geschwindigkeit, mit der sich die Metropole verändert, und der zahlreichen Widersprüche, die sie kennzeichnen, kann Berlin damit nach wie vor ein interessantes Ziel für „neue“ Stadtbewohner sein.

Von Rechtsextremismus bis zur Musikszene der Neunziger

Gern hätte ich auch Daniel Schulz persönlich sprechen gehört. Schulz ist so alt wie ich, führender Journalist bei der Tageszeitung (taz) und Autor des wunderschönen Essays Wir waren wie Brüder, für den er 2018 von der Journalistenvereinigung Reporter-Forum mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet wurde. Er analysiert das Phänomen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung und reflektiert über die Erfahrungen seiner Generation. Christine Kensche ist Redakteurin der Tageszeitung Die Welt und erzählt in The passenger von der Musikszene Berlins und ihren Kultorten in den neunziger Jahren. An sie und an die Berliner DJane Ellen Allien muss ich denken, als ich die von C/O Fotografie organisierte Fotoausstellung No Photos on the Dance Floor. Berlin 1989–Today besuche und mich plötzlich in den Diskotheken, Clubs und anderen von Techno-Fans besetzten Häusern zu Zeiten des Tresor und der Loveparade wiederfinde.

Ein anderes Berlin

Von Annett Gröschner stammt der Artikel Una generazione sotto sfratto, in dem sie über die „Generation Räumung“ berichtet. Es handelt sich um einen Schlüsselbeitrag zu einem komplexen und vieldiskutierten Thema – dem Schicksal der Häuser in Ostberlin. Gröschner lebt in Prenzlauer Berg und beobachtet diesen Stadtteil aufmerksam. Sie bringt mich auf die Fotografin Helga Paris, die für ihre Alltagsfotografien in Ostdeutschland zur Zeit der Berliner Mauer und der DDR bekannt wurde. Mit 275 Fotografien aus dem Zeitraum von 1968 bis 2011 präsentiert die Akademie der Künste bis Januar 2020 die erste deutsche Retrospektive der Künstlerin. Die Bilder von Wohnungen, Kindern, Arbeiterinnen, Familien, Kneipen, Straßen, Bahnhöfen, Schriftstellerinnen und Künstlern erzählen von einem anderen Berlin.

Lust for Life

The passenger – Berlino umfasst zwölf Kapitel auf 192 Seiten. Jede einzelne davon ist lesenswert, einschließlich der enthaltenen Zahlen, Grafiken und Stadtpläne. Die bunte Mischung der Inhalte, von fundierten Artikeln über architektonische Fälschungen in Berlin oder die vietnamesische Gemeinschaft in Lichtenberg bis hin zu einem weniger ernst gemeinten Beitrag über den Sexclub KitKat, lässt dabei erkennen, wie viele verschiedene Städte Berlin in sich vereint.

Während ich im The passenger – Berlino lese, kommt mir plötzlich ein berühmtes Lied von Iggy Pop in den Sinn, das praktisch denselben Titel trägt: The passenger. Ich weiß, dass ich das Lied schon dutzendmal gehört habe; allerdings nie wirklich aufmerksam, stets ohne auf den Text zu achten und ohne mich um den Kontext zu kümmern, in dem es entstanden ist. Tatsächlich sind David Bowie und Iggy Pop Ende der siebziger Jahre gemeinsam in Berlin. In dieser Zeit nimmt Iggy Pop das „deutsche“ Album Lust for Life auf, das auch den Song The passenger enthält. Hier der Text:

I am a passenger / And I ride and I ride / […] Oh, the passenger / He rides and he rides / He looks through his window / What does he see? / […] So let’s ride and ride and ride and ride / Singin’ la-la-la-la-la-la-la-la […]

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