Ausgesprochen … Berlin
Apokalypse zum Abschied

Apokalypse zum Abschied
Foto (Detail): © picture alliance / Adbulhamid Hosbas

Berlin hat schon viele Weltuntergänge erlebt. Gerasimus erzählt euch heute, wie er  der Krise als Pacman durch den Supermarkt streift und den Tag mit kurzem Polizei-Rendezvouz auf einer Einkaufstüte ausklingen lässt.

Von Gerasimos Bekas

Ist das hier das Ende? Ich trage eine selbstgenähte Maske und schiebe meinen Einkaufswagen mit den Ellbogen durch die engen Gänge des Supermarkts auf der Suche nach Nudeln aus Hartweizengrieß und Weizenmehl Typ 405. Ein junger Mann, der die Regale auffüllt, singt „Corona, Corona” auf die Melodie von Carlos Santanas „Maria, Maria”. Eine Frau mit roten Gummihandschuhen rempelt mich an und sagt „Entschuldigung!” als wäre es eine Beleidigung. Jede*r kriegt den Weltuntergang, den er oder sie verdient – oder wenigstens ich Auf dem Weg durch die Regale fühle ich mich wie Pacman auf der Flucht. Durchgeschwitzt stehe ich endlich an der Kasse und versuche den Kassierer durch das Plexiglas zu verstehen. „Mach dir noch einen schönen Tag, ne?”, sagt er. Ich gehorche.
 
Ich brauche eine Pause. Mit den Maßnahmen komme ich klar. Viele meiner Freund*innen wohnen in anderen Städten und Ländern. Wenn ich sie sehen wollte, war ich schon lange vor Corona auf digitale Kommunikation angewiesen. Ich bin gern zuhause, mir macht das nichts aus ­ im Gegenteil. Das Problem sind die anderen. Hamsterkäufer*innen, Balkon-Klatscher*innen und Hilfssheriffs, die endlich mal ihre Mitbürger*innen zur Ordnung rufen können. Auch die Gegenseite ist mir nicht sonderlich sympathisch: Verschwörungstheoretiker*innen und unsolidarische Draufgänger*innen, die weder Abstand halten noch Anstand im Umgang zeigen. Ich bin müde.
 
Im Park ist noch ein Plätzchen frei. Ich lege mich auf meine Einkaufstüten. Die Polizei kommt vorbei, sieht mich und lässt mich in Ruhe. Ich desinfiziere mich von innen und außen mit Korn und schaue zurück. Was ist das nur für ein Jahr?
 
Da waren Greta und der Klimawandel, Berlins Mietendeckel, Terror in Halle, Terror in Hanau, Elend auf Lesbos, überall drohender Faschismus und jetzt: Corona überall. Mittlerweile haben die meisten aufgegeben, die Zahlen auf Live-Tickern zu verfolgen. Das Internet ist voll von Schlagzeilen, Verschwörungstheorien und Schreckensmeldungen.
 
Corona ist ein Kontrastmittel. Es durchdringt uns wie Röntgenstrahlen. Es zeigt auf, wo unsere Gesellschaft ungleich und ungerecht ist. Wessen Leben geschützt wird und wessen nicht. Wer sich Corona leisten kann? Mit dieser Frage werden wir uns eine Weile beschäftigen müssen. Bis der Alltag wieder da ist, egal, wie er aussieht.
 
Berlin hat die Welt schon sehr oft untergehen sehen und war immer wieder Schauplatz großer Katastrophen. Doch am Ende ging es immer weiter. Und egal, was die Zukunft bringt, Berlin wird es überleben. Mit oder ohne neuem Flughafen. Mit oder ohne Klopapier. Mit oder ohne uns. Auch das geht vorbei. Bleibt gesund und seid freundlich zueinander. Auf Wiedersehen! 
 

„AUSGESPROCHEN …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Gerasimos Bekas, Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen und Dominic Otiang’a. Gerasimos Bekas wirft sich in „Ausgesprochen … Berlin“ für uns ins Getümmel, berichtet über das Leben in der Großstadt und sammelt Alltagsbeobachtungen: in der U-Bahn, im Supermarkt, im Club.

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