Dalibor Marković
Abendlandsverräter

Als ich noch bei meinen Eltern wohnte
kam meine Mutter manchmal ins Zimmer
und fragte: „What’s that you’re writing?“
„Poetry“ SLAM!
was nicht ganz der Wahrheit entspricht
denn bei uns zuhause wurde überhaupt
nicht
englisch
gesprochen
morgens im Spiegel
sein Gesicht betrachten und denken: „Ich bin’s leid!“
entspricht nicht ganz der Wahrheit
sondern morgens im Spiegel
sein Gesicht betrachten und denken: „Ich bin’s. Leider!“
man entdeckt Falten
Runzeln und
Augenringe
oder schlimmer Verhaltens-
muster und Augenblicke in denen man
anders hätte entscheiden sollen
anders hätte erscheinen wollen
als es dann tatsächlich war
so dass man tagtäglich zwar
dieses Spiegelbild
auch schon mal sein Aussehen nennt
und trotzdem
dazu getrieben wird
sich auszumalen wie es aussähe wenn
man
reich geworden wäre
mit eigenem Teich und Gondoliere
der einen hinüberschippert
seinem Haustier einem Schimpansen
gibt man Kaviar
dafür spielt er Klavier
begleitet von einem Papagei
der sich äußerst plappergeil
beschäftigt mit der Finanzlage unseres Landes
und die Brisanz darin eigens behandelt
es basiert auf Beethovens „Für Elise“
 

Dichter: Massimiliano Mazzei 
Übersetzerinnen: Verena Schmeiser, Anna Lisa La Marra

 

Dalibor Marković Dalibor Marković
Frankfurt am Main, 15. Dezember 1975

Dalibor Marković
Dichter und Beatboxer, Spoken-Word-Lyriker. Die Wurzeln seiner künstlerischen Erfahrungen liegen in der Musik. Als Beatboxer macht er aus Lauten Rhythmen. Seit 2002 ist Marković mit seiner Spoken-Word-Lyrik auf deutschen und internationalen Bühnen unterwegs. Er gibt zudem Workshops zum Thema "Poesie verfassen und vortragen" an Schulen und Universitäten.

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