Interview mit Prof. Dr. Laura Auteri
Wege der Germanistik in transkulturellen Perspektiven

Universität Palermo
Universität Palermo | Foto (Detail): © Università di Palermo

„Wege der Germanistik in transkulturellen Perspektiven“ ist der Titel des XIV. Kongresses der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG), der vom 26. bis zum 31. Juli 2021 in Palermo tagt. Mehr als 1.500 Germanist*innen aus aller Welt treffen sich in einer hybriden Konferenz aus Online- und Präsenzveranstaltungen, um sich über die aktuellen Tendenzen der Germanistik auszutauschen.

Die Internationale Vereinigung für Germanistik ist ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die im Bereich der Germanistik tätig sind. Die IVG wurde 1951 in Florenz gegründet. Alle fünf Jahre veranstaltet die IVG einen Kongress in wechselnden Städten. Nach Warschau und Shanghai ist in diesem Jahr Palermo der Tagungsort für die wichtigste Konferenz der internationalen Germanistik.

Das Goethe-Institut ist an der Leitung einer DaF-Sektion mit dem Thema „Lehrerqualifizierung – Lernen für die Praxis“ beteiligt. Die Sektion leitet Imke Mohr, Leiterin der Spracharbeit mit regionalem Fachauftrag, Deutschland, sowie Prof. Tatsuya Ohta aus Japan und Prof. em. Dr. Michael Legutke. Zusammen mit der Deutschen Botschaft in Rom sowie dem DAAD und der Alexander von Humboldt-Stiftung lädt das Goethe-Institut am Abend des 28. Juli zu einem Deutschen Abend ein. Am Freitag, den 30. Juli stellt die Schriftstellerin Nora Krug vor Ort wie auch online ihre Grafic Novel Heimat: Ein deutsches Familienalbum im Gespräch mit Prof. Elena Agazzi vor. Das Goethe-Institut ist außerdem mit einem Stand vertreten.

Wir sprechen mit Prof. Dr. Laura Auteri, der Präsidentin der IVG, die den diesjährigen internationalen Kongress ausrichtet.

Sehr geehrte Prof. Dr. Laura Auteri, das Goethe-Institut Italien freut sich, dass dieser wohl wichtigste Kongress der internationalen Germanistik in diesem Jahr in Palermo stattfindet. Das Thema „Wege der Germanistik in transkulturellen Perspektiven“ ist richtungsweisend für die künftige Entwicklung der Germanistik weltweit. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

Traditionsgemäß wird das Thema unter Berücksichtigung des Tagungsortes gewählt. Der Begriff ‚Transkulturalität’ ist vor dem Hintergrund der geschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Siziliens zu sehen, das eine Brückenfunktion im Mittelmeer zwischen Nordafrika und Südeuropa einnimmt und stark durch die vielzähligen fremden Herrscher und Kulturen geprägt wurde. Exemplarisch dafür ist das Leben am Hof des schwäbischen Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Friedrich II., wo Araber, Normannen, Juden, Byzantiner und Vertreter weiterer Völker friedlich zusammenlebten und gemeinsam wirkten. Viele Denkmäler in Palermo, dessen ‚arabisch-normannische’ Kulturstätten kürzlich von der UNESCO wurden, zeugen von dieser frühzeitigen Form von Transkulturalität.
 
Es gibt mehr als 50 international und hochkarätig besetzte Sektionen zu aktuellen Themen wie gesellschaftliche Verantwortung, Exil, Migration, Flucht und Vertreibung, alte und neue Kriege. Welchen Beitrag will und kann die Germanistik zur Diskussion dieser Themen leisten?

Gesellschaftliche Verantwortung, Exil, Migration, Flucht, Vertreibung, Kriege: Es sind Themen auch unseres Alltags, und die Germanistik, wie alle anderen Fächer, wurzelt im Kontext der eigenen Epoche und muss sich mit ihr konfrontieren. Aber es geht nicht nur darum, aktuelle Forschungsthemen zu identifizieren, sondern auch und vor allem darum, diese mit anderen, für den sprachlich-literarischen Diskurs typischen Instrumentarien zu bearbeiten. Die erzählten Geschichten, die auch auf Metaphern, Allegorien und Bildern beruhen, lösen Eindrücke und Gedankengänge aus, die ein umfassenderes und vielseitigeres Verständnis dieser Phänomene ermöglichen. Sie helfen, Mechanismen zu erkennen und lassen mögliche künftige Entwicklungen erahnen.
 
Palermo ist historisch, geografisch und politisch eines der wichtigsten Zentren des Mittelmeerraums. Welche Perspektiven sehen Sie hier für den Ansatz der aktuellen und künftigen germanistischen Forschung?


Wenn die Germanistik in Palermo und ganz Sizilien so stark und gut aufgestellt bleibt wie heute, kann sie dazu beitragen, die kulturellen Beziehungen zwischen den europäischen Germanistikinstituten und jenen in den Mittelmeerländern zu stärken. So ist etwa die Universität Palermo, gerade als Hochschule im extremen Süden Europas, Partner einer Allianz europäischer Universitäten unter Federführung von Mainz (Forthem*), die auch die Nachbarländer, im Fall von Palermo also die Mittelmeerländer, einbeziehen will. Parallel dazu geht der neue Joint-Degree-Studiengang der Universität Palermo, Transnational German Studies, von der Annahme aus, dass die Disziplinen der Germanistik größere Verbreitung finden könnten, wenn diese – bei gleichzeitig weiterhin fester Verankerung in den DACH-Ländern – auf eine Forschung setzen, die die Germanistik im Kontext einer europäischen Kultur betrachtet, die den gesamten Mittelmeerraum umfasst. So wie es im Übrigen bis zum 16. und 17. Jahrhundert der Fall war, vor der Entstehung der „nationalen“ Kulturen.
 
Mehrsprachigkeit ist ein Thema, das in der europäischen Sprachenpolitik einen zentralen Stellenwert einnimmt. Wie steht die Germanistik zu diesem Thema?


Die Mehrsprachigkeit, also das Zusammenleben unterschiedlicher Sprachen, ist eine Notwendigkeit, die man einfach zu akzeptieren hat. Sie gehört zu unserem Alltag – auch hier, wie im Mittelalter. Ich denke, dass man sich in der Germanistik dieser Tatsache bewusst ist, was sich beispielsweise in der Auseinandersetzung mit der sogenannten Migrationsliteratur zeigt, in deren Texten oft auf die Lexik und die syntaktischen Konstruktionen anderer Sprachen zurückgegriffen wird; wie auch im angebotenen Sprachunterricht, in dem zunehmend auf bewusste Vergleiche mit anderen Sprachen, vor allem natürlich mit Englisch, zurückgegriffen wird.
 
Verschiedene Sektionen des Kongresses befassen sich mit der deutschen Sprache im Rahmen der aktuellen Bildungspolitik: Welche Motivation haben junge Menschen weltweit, Deutsch zu lernen?


Vor einigen Jahren stieg die Zahl der Germanistikstudierenden und insbesondere der Deutschstudierenden an den italienischen Universitäten sprunghaft an. Man nannte das damals den Merkel-Effekt. Das war in den Jahren, als die Kanzlerin auf dem Höhepunkt ihrer Amtszeit in Deutschland stand, das als starkes und geeintes Land der Motor der europäischen Wirtschaft war. Wenn Deutschlands Wirtschaft weiterhin so stark bleibt und vor allem, wenn seine Regierungen in der Lage sind, eine integrative, europäische Politik zu konzipieren und umzusetzen, werden die Menschen in Europa und auf anderen Kontinenten Deutsch lernen. Ob es uns gefällt oder nicht – nicht die Kultur, die Literatur, die Musik und die Philosophie, die weiterhin Nischeninteressen bleiben, werden die Zahl der Deutschlernenden erhöhen, sondern eine verantwortungsvolle Politik und eine starke Wirtschaft des wichtigsten deutschsprachigen Landes.
 
Es gibt neun Sektionen zum Thema DaF. Welchen Stellenwert nimmt DaF derzeit innerhalb der Germanistik ein und wie würden Sie die Zukunftsperspektive dafür sehen?


Im Ausland ist das sicherlich ein Thema von zentraler Bedeutung, mit entsprechenden Konsequenzen für die Schulen und die Universitäten, und zwar sowohl in den Geistes- als auch in den Naturwissenschaften. So werden unter anderem infolge der Einführung der Doppelabschlüsse** mit Deutschland neben Englisch- zunehmend auch Deutschkenntnisse auf mindestens B1/B2-Niveau gefordert. Auch in diesem Zusammenhang wird DaF, wenn die Politik das Ihrige tut, eine immer größere Rolle spielen.
 
Welche Rolle der Germanistik sehen Sie im internationalen und italienischen Kontext, um die Qualifikation künftiger Deutschlehrer*innen zu sichern und zu stärken?


Die Ausbildung der Lehrkräfte hängt in erster Linie von den nationalen Vorschriften ab (bzw. den regionalen, wie im Fall von Deutschland). Was die Situation in Italien betrifft, kam jedoch auch der Germanistik eine wichtige Rolle zu. Seit Jahren werden von Seiten der Germanistik Ausbildungskurse für Lehrende angeboten, die auch von den lokalen Goethe-Instituten abgehalten werden und dank der die Deutschdozentinnen und -dozenten zu den am besten ausgebildeten Lehrkräften gehören. Projekte wie das vor einigen Jahren in Berlin vorgestellte Förderprogramm Dhoch3 sind zweifellos überaus nutzbringend. Wenn die deutsche Politik das Ihrige tut, könnte die Zahl der Deutschkurse in Italien und anderen Ländern (hoffentlich) wieder steigen und das Fach damit auch einen festen Platz im Programm der Sekundarstufe bekommen.
 
Wie beurteilen Sie die Zukunft der Germanistik im internationalen Kontext, wie kann der wissenschaftliche Nachwuchs gesichert werden, welche Beschäftigungsmöglichkeiten sehen Sie für junge Germanist*innen auch außerhalb der germanistischen Fakultäten?

Die Zukunft der Germanistik ist meines Erachtens, wenn wir kein Nischenfach bleiben wollen, einmal mehr an die politische und wirtschaftliche Bedeutung des wichtigsten deutschsprachigen Landes, nämlich Deutschland, gebunden – auch weil das Thema der Beschäftigungsfähigkeit immer zentraler wird. Davon abgesehen zielt das Universitätsstudium seit Bologna eindeutig auf den Erwerb von Kompetenzen ab, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Unsere jungen Männer und Frauen üben die unterschiedlichsten Berufe aus: Einige unterrichten an der Schule, einige wenige bekommen einen Posten an der Universität, die meisten sind in Unternehmen, Büros, im Tourismussektor, im Import-Export und im Bereich der Kommunikation tätig, organisieren Veranstaltungen und so weiter. In diesem Sinne müssen die einzelnen Universitäten gewisse Studienprogramme überdenken und zumindest hinsichtlich eines Teils der gelehrten Disziplinen den Anforderungen der heutigen Zeit Rechnung tragen.
 
Und eine persönliche Frage: Sie mussten aufgrund der Covid-Pandemie den Kongress verschieben und für 2021 ein hybrides Format mit Online- und Präsenzveranstaltungen auf die Beine stellen. Was sind Ihre größten Herausforderungen und wie haben Sie sie so gut gemeistert?

Die Herausforderungen waren zahlreich, angefangen damit, dass wir alle Kontakte für die Präsenz- und Begleitveranstaltungen wieder aufnehmen mussten, da aufgrund der Corona-Sicherheitsmaßnahmen Änderungen nötig waren. Aber die größte Herausforderung war sicherlich, den Kongress in einem hybriden Format abhalten zu müssen. Die Organisation der Online-Veranstaltungen und die Sorge um die entsprechende Stabilität bei einem Kongress mit ca. 1.500 Teilnehmern und Teilnehmerinnen bereitete und bereitet uns nicht wenige Sorgen.
 
Liebe Frau Prof. Dr. Auteri, wir danken Ihnen für das Interview und wünschen Ihnen viel Erfolg für den Kongress der IVG in Palermo.
 
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* Forthem Alliance: Fostering Outreach within European Regions, Transnational Higher Education and Mobility 

** Doppelabschluss: ein gemeinsames Studienprogramm von zwei oder mehreren Universitäten, das es Studierenden ermöglicht, zwei oder mehrere in ihren jeweiligen Ländern anerkannte Studienabschlüsse zu erwerben.
 

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