Der Literaturpodcast des Goethe-Instituts Turin
Goethecast. Jugendliche auf der Welle der Literatur

Goethecast © Goethe-Institut Turin | Grafik: Studio Grand Hotel

Warum ist die Schachnovelle heute noch aktuell? Und Biedermann und die Brandstifter ein Schlüsselwerk, das einen elementaren Wendepunkt bezeichnet?
Goethecast ist eine Podcastserie für Jugendliche von Jugendlichen, die von herausragenden Werken der deutschen Literatur erzählen; die Spaß am Lesen haben und Spaß am Austausch; die das Buch in die Gespräche außerhalb des Klassenzimmers bringen, individuelle Kommunikationsfähigkeiten weiter entwickeln und das Bewusstsein der deutschsprachigen Welt erweitern.
Eine Reihe von Klassikern und Novitäten, erzählt von Schülerinnen und Schülern italienischer Lyzeen – unkonventionell, jung, spannend, attraktiv.

Ein Projekt des Goethe-Instituts Turin, kuratiert von Alisa Matizen und in Zusammenarbeit mit Isabella Amico di Meane, entstanden im Rahmen von Leselust. Leseclub zur deutschen Literatur.

Folge #1: Schachnovelle

von Stefan Zweig

Stefan Zweig, SCHACHNOVELLE
© Goethe-Institut Turin | Grafik: Studio Grand Hotel
Auf einem Schiff, das von New York Richtung Buenos Aires fährt, fordern sich der Weltmeister Czentovič, ein stumpfsinniger und berechnender Mensch, und der gebildete Dr. B., undurchschaubarer Protagonist der Novelle und viele Monate Gefangener der Gestapo, zu einer Partie Schach heraus. Dank eines kleinen Buches, das Dr. B. sich mit einem Trick beschafft und das Anleitungen zum Schachspiel enthält, gelingt es ihm während seiner Gefangenschaft, dem drohenden Verfall in den Wahnsinn zu entgehen. Die Spuren allerdings, die diese schizophrene Herausforderung gegen sich selbst in seinem Gemüt hinterläßt, sind jedoch unauslöschbar...


Am 28. November 1881 wird Stefan Zweig in Wien in einer wohlhabenden Familie des jüdischen Großbürgertums geboren. Heute noch einer der bekanntesten deutschsprachigen und meistverkauften Autoren weltweit, wurde er in 50 Sprachen übersetzt. Sein Werk war Inspiration für erfolgreiche Filme und Theaterstücke.

In der Person des Dr. B erkennt man das Alter Ego des Autors, der sich in seiner letzten Lebensphase dem Schachspiel widmete, um einer Depression zu entkommen, die das nationalsozialistische Exil hervorgerufen hatte. Trotz aller Idylle musste ihm die brasilianische Kleinstadt, in die er sich geflüchtet hatte, wie ein Gefängnis vorkommen: Dem Schriftsteller fehlten seine Bücher, und es gab nicht einmal eine Bibliothek, in die er gehen konnte. Da ihm intellektuelle und Denkanstöße fehlten, hatte er sich ein Handbuch mit Anleitungen zum Schachspiel gekauft und spielte fast täglich die Partien der Meister nach. Doch wie in der Novelle erliegt er der gnadenlosen Logik des Spiels gegen sich Selbst und die Rettung, die das Schach ihm bietet, ist leider nur eine provisorische.

In seinem Exil spielte Zweig oft Schach mit seinem brasilianischen Agenten; der Spielgefährte sagte später, dass er nicht wenig Mühe hatte, seinen Gegner wenigstens ab und an eine Partie gewinnen zu lassen!

Folge #2: Biedermann und die Brandstifter

von Max Frisch

Max Frisch, BIEDERMANN UND DIE BRANDSTIFTER
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In einer idyllischen Kleinstadt der Schweizer Provinz wird ein reicher Industrieller Komplize zweier Brandstifter, denen er gegen jede Vernunft Unterkunft in seinem Hause bietet. In der egoistischen Überzeugung, dass, diese einmal als Freunde gewonnen, sie ihn verschonen würden, übersieht Biedermann mit offenen Augen die vielen, nur allzu offensichtlichen Zeichen, die hingegen die Absichten der beiden nur allzu deutlich offenlegen. Schließlich gibt er ihnen auch noch die Streichhölzer, mit denen sie nicht nur sein Haus, sondern die gesamte Stadt in Schutt und Asche legen.


Am 15. Mai 1911 wird Max Frisch in Zürich geboren. Der Architekt und Literat wendet sich ab 1954 ausschließlich der Literatur und dem Theater zu. Max Frisch ist eine der kritischsten und renommiertesten Stimmen des 20. Jahrhunderts.

Mit diesem “didaktischen Drama ohne Lehre”, so der Untertitel mit Blick auf Brecht – und gleichzeitig davon Abstand nehmend –, entwirft Frisch ein satirisches Portrait des Menschen, der auf seine Autonomie als denkendes Subjekt verzichtet und sich feige hinter den Trugschlüssen der eigenen Niederträchtigkeit versteckt. Der Autor demaskiert die Doppelmoral der Bourgeoisie, die Fassade ihres Gutbürgertums, die sich der Drohung nach Gewalt beugt, und denunziert das Versagen des bürgerlichen Humanismus, der sich einst der nazistischen Barbarie nicht nur entgegenstellte, sondern diese auch mit gleichzeitiger konkreter Unterstützung möglich machte. Ein Portrait, das die Universalität dieser Parabel stets aktuell und an die verschiedenen Kontexte adaptierbar erscheinen lässt.

“Wir suchten Arme und fanden Menschen”: das sagte Max Frisch, der mit diesem berühmten Satz, als Mitte der 60. Jahre viele Italiener in die Schweiz emigrierten, die fremdenfeindliche Haltung der Schweizer stigmatisierte.

Folge #3: Der Trafikant

von Robert Seethaler

Robert Seethaler, DER TRAFIKANT © Goethe-Institut Turin | Grafik: Studio Grand Hotel
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Sommer 1937: Der Anschluss Österreichs durch die Nazis steht vor der Tür. Aus seinem kleinen, aus der Zeit gefallenen Ort im Salzkammergut wird der siebzehnjährige Franz von seiner Mutter in den Tabakladen von Otto Trsnjek nach Wien geschickt. Hier begegnet er zum ersten Mal der Liebe, dem Hass und der Politik. Und Sigmund Freud, Gewohnheitskunde des Geschäfts, dem er die Liebesqualen für die schöne Anežka gesteht. Mit dem Anschluss überstürzen sich jedoch die Ereignisse: Otto wird verhaftet, Freud emigriert nach London. Franz ist jetzt auf sich selbst gestellt.  


Robert Seethaler wurde 1966 in Wien geboren. Er ist Schriftsteller, Schauspieler und Drehbuchautor. Für seine Romane, sowohl von Publikum als von Kritik hochgelobt, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Derzeit lebt er in Wien und Berlin.

In seinem Roman mischt Seethaler gekonnt die Ereignisse der Zeitgeschichte mit den persönlichen Geschichten seiner Protagonisten: Die Geschichte der Phantasiefigur Franz ist verknüpft mit den Ereignissen der Zeit: Österreich vor, während und nach der deutschen Invasion von 1938. Der Trafikant ist gleichzeitig politischer, Bildungs- und Herzensroman eines Jugendlichen sowie historisch fundiertes Portrait einer Gesellschaft in einem der dunkelsten Momente der Geschichte Europas – so entsprechen beispielsweise die Hinweise auf das angekündigte Volksreferendum  der Wirklichkeit, welches dann von Schuschnigg wiederrufen wurde, sowie auch die Angaben zum Hotel Metropol, dem Hauptquartier der Gestapo. Real ist auch die Emigration von Freud, Vater der Psychoanalyse, dessen Figur in der Mitte zwischen Fiktion und Realität beschrieben wird: Aus Franzens etwas naiver Perspektive erscheint uns der alte Gelehrte, wie auch der junge Protagonist, als unbekümmerter Typ, der vorgibt, von Frauen und Liebe nicht das Geringste zu verstehen.

Im gleichnamigen Film, der 2018 erschien, spielt neben Bruno Ganz als Sigmund Freud Robert Seethaler einen Agenten der Gestapo.

Folge #4: Nach Mitternacht

von Irmgard Keun

Irmgard Keun, NACH MITTERNACHT © Goethe-Institut Turin | Grafik: Studio Grand Hotel
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Deutschland 1936: Vor der Frankfurter Oper jubelt die Menge dem Führer zu, der durch die Strassen marschiert. In dieser Menschenmenge ist auch die neunzehnjährige Sanna, die aus der Provinz kommt und mit Staunen und Bestürzung die Vorkommnisse beobachtet. Wie alle Mädchen ihres Alters möchte Sanna das Leben geniessen und Spass haben. Doch im Dritten Reich ist sogar die Liebe streng reglementiert. In den folgenden Stunden müssen Sanna und ihre Freunde über ihr Leben entscheiden: Sich dem Hitlerregime fügen oder in die Emigration gehen, um weiter leben und träumen zu können.   


Irmgard Keun wird am 6. Februar 1905 in der Nähe von Berlin geboren. Von Tucholsky verehrt und durch Döblin zum Schreiben gelangt, war Keun in den Dreißiger Jahren der neue Stern der deutschsprachigen Literatur: ihre ironischen und schneidend geschriebenen Romane werden von den Lesern verschlungen und vom Naziregime sofort verboten.

Nach Mitternacht wurde von Irmgard Keun im Exil geschrieben. Der Roman ist eine luzide Aufzählung der Niederträchtigkeiten des Nazistaates und war für seine Autenthizität bekannt. In einer Rezension definiert Klaus Mann ihn ein “wichtiges Buch”, ein “Dokument”, das in seiner Beschreibung des Alltags des Dritten Reiches die Wahrheit erzählt. Sein Atout ist das Erzählende Ich: die direkte und simultane Erzählung der Protagonistin, ihr ironischer und ein wenig zerstreuter Stil, ihre Art und Weise, sich spontan und lebendig auszudrücken begleitet uns durch das ganze Buch in einer ständigen Aktion des Szenenwechsels und der Enthüllung. Sanna beobachtet, kommentiert, beschreibt und dokumentiert Verhaltensweisen und Gespräche, die sie in der unvoreingenommenen und etwas naiven Art und Weise eines Mädchens vom Lande oft nicht verstehen kann, die aber die leeren Worte und grotesken Widersprüche des Regimes enthüllt, indem sie die Niedertracht und Mesquinität desjenigen aufdeckt, der es unterstützt.

Nach der deutschen Invasion in die Niederlande 1940 kehrt Keun nach vierjähriger Emigration nach Köln zurück, wo sie, geschützt durch die falsche Nachricht ihres Selbstmords, bis 1945 bei ihren Eltern lebt. Das ist nicht die einzige Korrektur der Biographie der Autorin, die sich bei Veröffentlichung ihres ersten Romans fünf Jahre jünger ausgab, um gleichalt mit der Protagonistin zu sein.

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