Das Handwerk – eine Wirtschaftsmacht arbeitet an ihrem Image

Dachdecker beim Eindecken eines Ziegeldaches
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Vorurteile und Klischees zum Handwerk kennt jeder. Dabei gibt es kaum ein Berufsfeld, das so vielseitig ist. Um dies der Jugend bewusst zu machen, poliert das Handwerk mit selbstbewussten Filmen und Slogans sein Image auf.

Dem Banausen ausgeliefert

Handwerker, so mault jeder, der schon einmal auf einen Installateur gewartet hat, seien unpünktlich und teuer. Das Ansehen des Handwerkers im Wandel der Zeit war nie das Beste. Schon in der Antike musste sich der téchnai banausikaí, dem wir das heutige Wort Banause verdanken, mit Vorurteilen herumschlagen. Er sitze den ganzen Tag im geschlossenen Raum und verschleiße seinen Körper, der deshalb für den Kriegsdienst nicht mehr tauge. Heute sind die Vorurteile anders gelagert, sie bestehen aber noch immer. Vielleicht liegt es an der Hilflosigkeit des Akademikers angesichts einer Rohrverstopfung, dass die Kluft zwischen Handwerker und Theoretiker zementiert erscheint? Vielleicht ist es Neid? Neid auf den Bäcker, der sein Brot gebacken hat, Neid auf den Bootsbauer, der ein Teakholzverdeck geschreinert hat und nachblicken kann, wenn sein Werk in See sticht?

Zwischen Romantisierung und Ahnungslosigkeit

Der befriedigte Bäcker gehört in seiner Romantisierung genauso zu den Klischees wie der unpünktliche Installateur. Im Grunde ist es erstaunlich, dass Klischees sich überhaupt halten. Spricht man doch von rund 130 unterschiedlichen Ausbildungsberufen, die zum Handwerk gehören. Goldschmied und Dachdecker haben wenig gemeinsam. Viele Handwerksberufe kennt die Öffentlichkeit gar nicht oder sie werden nicht dem Handwerk zugeordnet. Schreiner und Maurer kommen jedem in den Sinn, Chirurgiemechaniker, Rollladen- und Sonnenschutzmechatroniker nicht. Bei dieser Unkenntnis setzen die Imagekampagnen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks an.

Berufe im Wandel

„Handwerker sind bei Umfragen stets in der Spitzengruppe, wenn es um die am meisten geschätzten Berufsgruppen in Deutschland geht“, führt Alexander Legowski, Pressesprecher des Zentralverbands des Deutschen Handwerks an. Gleichzeitig halten viele Jugendliche Handwerksberufe für unmodern, wie eine Studie von 2009 zeigt. „Diese Einstellung wandelt sich gerade“, erklärt Legowski. Slogans wie „Am Anfang waren Himmel und Erde. Den Rest haben wir gemacht.“ und „Faustkeil, Dampfmaschine, Nanotechnologie. Fortsetzung folgt.“ sollen die Jugend dafür sensibilisieren, dass die Berufe sich ständig weiterentwickeln. Handwerker sind in vielen Bereichen längst High-Tech-Spezialisten. Und nicht nur das. So wenig wie dem technischen Fortschritt entzieht sich das Handwerk wirtschaftlichen Gegebenheiten.

Marketing gehört zum Handwerksalltag und auch die Vertriebswege der „Wirtschaftsmacht von nebenan“ entwickeln sich ständig weiter. So verkauft eine Berliner Blutwurstmanufaktur ihre Spezialitäten nicht nur nach „nebenan“, sondern per Online-Shop in die ganze Welt. Überhaupt hat das deutsche Handwerk weltweit einen ausgesprochen guten Ruf. „Die duale Ausbildung aus Berufsschule und betrieblicher Praxis führt zu einem sehr hohen fachlichen Können“, erklärt Legowski. „In Asien bringen es Experten auf den Punkt, wenn sie sagen: Wir haben die Ingenieure und die Arbeiter. Was uns fehlt, sind die Handwerker, die die Ingenieure und ihre Pläne verstehen und die Arbeiter anleiten können.“ So kommt es, dass deutsche Handwerker weltweit gefragt sind, als Zulieferer für modernste Maschinen oder auch als Existenzgründer im Bäcker- oder Fleischerhandwerk.

Handwerk ist mein Leben

Dass Handwerk nicht nur mobil machen kann, sondern auch glücklich, zeigt eine weitere Imagekampagne des Verbands, „Handwerk ist mein Leben“. Junge Menschen erzählen hier von den verschiedenen Seiten ihres Handwerks. Die Steinmetzin Johanna Zoicas suchte einen Beruf, in dem sie gleichzeitig anpacken und kreativ arbeiten kann. Heute verbringt sie ihren Alltag mit Steinklötzen. „Aus etwas Massivem etwas Schönes zu machen, was dann eine Ewigkeit hält, ist toll.“

Johanna Zoicas legte eine der besten Gesellenprüfungen im Land ab und wurde von ihrem Betrieb übernommen. Irgendwann möchte sie den Meister dranhängen und sich selbstständig machen. Sie hat ihre Berufung gefunden. Sie flext, schweißt, sprengt und modelliert filigrane Muster in Granitblöcke. Am Ende ihres Arbeitstages blickt sie zufrieden auf Grabsteine und Skulpturen. Netter Nebeneffekt ihrer Tätigkeit: Wenn sie sich einmal abreagieren muss, findet sie immer eine Gelegenheit. „Jeder hat mal schlechte Laune. Da gibt es nichts Besseres, als einen Stein zu zerhauen.“
 
Zahlen und Fakten
Rund eine Million Betriebe sind in Deutschland in die Handwerksrollen und in das Verzeichnis des handwerksähnlichen Gewerbes eingetragen. Etwa 5,15 Millionen Menschen arbeiten im Handwerk und etwa 417.000 Lehrlinge erhalten ihre Ausbildung. Damit sind 12,5 Prozent aller Erwerbstätigen und 28,3 Prozent aller Auszubildenden in Deutschland im Handwerk tätig. Im Jahr 2011 erreichte der Umsatz im Handwerk rund 497 Milliarden Euro.