Vom ungewissen Wohnen
15.02. – 29.04.2018

  • Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018 © Goethe-Institut / Foto: Alessandro Lanzetta
    Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018
  • Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018 © Goethe-Institut / Foto: Alessandro Lanzetta
    Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018
  • Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018 © Goethe-Institut / Foto: Alessandro Lanzetta
    Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018
  • Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018 © Goethe-Institut / Foto: Alessandro Lanzetta
    Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018
  • Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018 © Goethe-Institut / Foto: Alessandro Lanzetta
    Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018
  • Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018 © Goethe-Institut / Foto: Alessandro Lanzetta
    Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018
  • Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018 © Goethe-Institut / Foto: Alessandro Lanzetta
    Vom ungewissen Wohnen – Ausstellung im KunstRaum Goethe, 15.02.–29.04.2018

Vom ungewissen Wohnen

Der KunstRaum Goethe ist der neue interdisziplinäre Veranstaltungsraum des Goethe-Instituts Rom, der allen Disziplinen der zeitgenössischen Kunst offen steht und sich sich als unabhängige Begegnungsstätte und Podium neuer Ausdrucksformen, Ideen und Einflüsse versteht. Der Eröffnungsevent ist die Ausstellung Vom ungewissen Wohnen, die sich aus einer weitläufigen Perspektive mit dem Begriff des Wohnens befasst und drei Künstler einander gegenüber stellt: Ulf Aminde und Andreas Lutz aus Deutschland und Vittorio Messina aus Italien.

Die Künstler

Ulf Aminde © Uwe Niklas Ulf Aminde wurde 1969 in Stuttgart geboren. Er lebt und arbeitet in Berlin.
Vorbedingung und zugleich Ausgangspunkt für Ulf Amindes künstlerische Schaffensprozesse ist die Begegnung mit anderen Menschen. In seinen Performances, Videos, Installationen und Fotografien sucht er sie unter Brücken oder in Obdachlosenasylen, in großen Möbelhäusern, im Gefängnis oder in ihren Wohnungen auf. Für sie und mit ihnen entwirft er Settings, die als Basis für den Erfolg oder das Scheitern des weiteren Geschehens fungieren. Was in seinen Arbeiten genau passieren wird, ist nicht vollständig kontrollierbar, und die Vereinbarung lautet, dass sich alle gleichermaßen dem Unvorhersehbaren öffnen müssen.
Andreas Lutz © Kirsten Becken Im Zentrum von Andreas Lutz’ (*1981 in Freiburg) frühen Arbeiten stand die Suche nach einer alternativen Art der Annäherung und Interaktion zwischen Mensch und Computer sowie nach integrierten und universalen Systemen der Kommunikation. Später wandte er sich mit seinen audiovisuellen Installationen zunehmend der Analyse des Verhältnisses zwischen Realität und Wahrnehmung sowie den Prinzipen der abstrakten Ästhetik zu. Desweiteren realisierte er experimentelle Soundscapes und befasste sich mit der Wechselbeziehung zwischen Semiotik und Klang. Andreas Lutz’ Arbeiten wurden u. a. im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe (Deutschland), im Antarktis-Pavillon der 57. Biennale in Venedig (Italien), im National Art Center in Tokio (Japan), anlässlich des Festivals ISEA2017 im kolumbianischen Manizales und der OpenArt-Biennale im schwedischen Örebro, in der Galerie Mazzoli in Berlin (Deutschland) sowie im Rahmen des FILE-Festivals in São Paolo (Brasilien) ausgestellt. Er wurde mit dem Excellence Award des 19. Japan Media and Arts Festival (Japan), dem Celeste Art Prize (Italien), dem Webby Award (USA) und dem German Design Award (Deutschland) ausgezeichnet.
Vittorio Messina © Vittorio Messina Vittorio Messina studierte an der Akademie der Schönen Künste sowie der Fakultät für Architektur in Rom, wo er noch heute lebt und arbeitet. Ende der Siebziger Jahre debüttierte er im dortigen Kunstzentrum Sant’Agata dei Goti mit einer persönlichen Ausstellung mit dem Titel La Muraglia Cinese (Die Chinesische Mauer), deren Arbeiten sich an Kafkas gleichnamigen Text inspirierten. Schon früh wendete sich Messina der Environmentkunst zu, wobei er bei der Realisierung seiner Skulpturen zunehmend auf die Verwendung organischer und natürlicher Materialien verzichtete. Es folgte eine Reihe wichtiger Ausstellungen, wie etwa in der Galerie Minini in Brescia, im PAC in Mailand, in der Moltkerei Werkstatt in Köln und in der Galerie Shimada in Yamaguchi (Japan), wo zwischen 1985 und 1986 seine ersten Zellen zu sehen waren. Ab Mitte der Neunziger Jahre prägte das Konzept der „metaphysischen Baustelle” seinen Schaffensprozess, und in seinen Arbeiten vereinte sich das Prinzip der Heisenberg’schen Unbestimmtheit mit jener radikalen Mobilität und Instabilität, die sich in seiner Vorstellung von der Stadt als uneigentlicher und künstlicher Organismus ausdrückte. Seine Werke waren an berühmten Ausstellungsorten zu sehen, so etwa in der Henry Moore Foundation (A Village and its Surroundings – Ein Dorf und seine Umgebung, Dean Clough, 1999), im Maschio Angioino und im Castel dell’Ovo in Neapel (2002), im Usjadovski-Museum in Warschau und in der ehemaligen Königlichen Hofreitschule in Turin (Cronografie o della Città verticale – Chronographie oder Von der vertikalen Stadt, 2006). In der Ausstellung zum Thema Postbabel e dintorni (Postbabel und Umgebung),die 2014 im MACRO in Rom und in der Kunsthalle Göppingen stattfand, nahm Messina die Stadt und ihren Lebensraum als Ausgangspunkt für eine Reflektion über die Ursprünge des sprachlichen und künstlerischen Ausdrucks als kulturelle Identität der menschlichen Gemeinschaft. Derselbe Gedanke beeinflusste indirekt auch seine neuen „Habitats“, die er 2016 im Rahmen einer Ausstellung mit dem Titel Teatro Naturale, Prove in Connecticut (Natürliches Theater, Proben in Connecticut) in der Galerie des ehemaligen Königlichen Armenhauses sowie im Riso-Museum in Palermo präsentierte.

Die zeitgenössische Definition des Begriffs „Wohnen” bezeichnet die Gesamtheit unserer existentiellen Lebensbedingungen. Sie verweist auf eine allgemeine philosophische Reflektion über die Ontologie des Seins und liefert zugleich einen Ansatz zur Interpretation unseres konkreten historischen und sozialen Kontextes.

Wohnen wird nicht – oder nicht nur – in seiner wörtlichen Bedeutung als „Leben an einem physischen Ort“ verstanden, sondern vielmehr in der philosophischen Auslegung des Begriffs, die der deutsche Philosoph Martin Heidegger mit dem Satz „Mensch sein heißt als Sterblicher auf der Erde sein, heißt: wohnen“ umschrieben hat: Als Dasein zwischen zwei oder mehreren Welten, in einem Grenzraum, wo sich die physischen und zeitlichen Dimensionen des Ortes nahezu auflösen, in einem Spannungsfeld mannigfaltiger und stets variierender Formen des „Wohnens“ (das Haus, das Land, die Erde…).

Diese Interpretation schlägt sich in der architektonischen Skulptur Vittorio Messinas Habitat con varchi in una regione piovosa nieder, mit der der Künstler erneut auf jenes Konzept der „Zellen” zurückgreift, das seinen Schaffensprozess seit nunmehr über dreißig Jahren prägt. Die Zelle versinnbildlicht für Messina die existentiellen Bedingungen unseres Daseins, einen symbolischen und variablen Ort, der, entsprechend des ihn umgebenden Raumes, stets neue Gestalt annimmt. In Messinas Zellen vereinen sich Komponenten der kalt-nüchternen Industriearchitektur mit immer wieder wechselnden Gegenständen unseres täglichen Lebens. Die verschiedenen Elemente sind übereinander gelagert oder hängend angeordnet und werden häufig mittels wenig stabiler Klemmvorrichtungen zusammengehalten. Die Zelle als begriffliche und zugleich konkret physische Entität wird so zum Emblem des Übergangs, des ungewissen Wohnens, der Grenzlinie zwischen einem noch nicht eröffneten und einem bereits abgeschlossenen Kapitel der modernen Technologie, zu jenem fluktuierenden Raum, der sich zwischen Ratio und Instinkt auftut. Messina stellt so eine Verbindung her zwischen dem Begriff „Wohnen“ als abstrakt-ontologisches Konzept und seiner konkret-historischen Lesart, die sich mit der Darstellung einer im Verfall begriffenen Industriearchitektur eröffnet.

Die deutsche Antwort auf Messinas Skulptur ist Andreas Lutz’ Video-Installation Wutbürger. Mit diesem 2010 angeblich von dem deutschen Journalisten Dirk Kurbjuweit geprägten Neologismus bezeichnet man den klassischen Durchschnittsbürger, der in öffentlichen Protestkundgebungen lauthals seinem wachsenden Unmut über die aktuelle politische und wirtschaftlichen Lage sowie die Verarmung des Mittelstands Luft macht. In seiner fünfstündigen, in eine Box projizierten Video-Performance greift Lutz auf diesen Ausdruck zurück, um den Niedergang einer bestimmten Gruppe des in den Nachkriegsjahren entstandenen Bürgertums zu definieren, der stellvertretend ist für das Scheitern des typischen – im spezifischen Falle deutschen – „Herrn Jedermann“.

Das ungewisse Wohnen betrifft auch die sogenannten Randgruppen der Gesellschaft, deren Auftreten und beruflicher Status nicht den Standards des bürgerlichen Mittelstands entsprechen. Anders als Lutz sieht Ulf Aminde in der Ausgrenzung allerdings weniger den Niedergang, als vielmehr die Ungewissheit des gesamten Daseins, die jedoch von weiten Teilen der westlichen Bevölkerung als geradezu normale Konstante des Lebens bereitwillig akzeptiert wird. In seinem Video Weiter (2004, „Keep going”) gelangt sie in Form eines Tanzes, eines Spiels zur Darstellung: Vor einer Kulisse des urbanen Zerfalls, auf einer von Bauruinen umgebenen Rasenfläche spielt eine Gruppe von Street Punks zum Sound ihrer Musik die „Reise nach Jerusalem“. Sie tanzen, fallen zu Boden, rempeln sich gegenseitig an, zerstören nahezu alle Stühle und strahlen dabei dennoch durchgehend Zufriedenheit und Lebensfreude aus. Der Mangel an Gewissheiten wird bei Aminde zu einem positiven Lebensstil, zu einem erstrebenswerten Zustand.

Valentino Catricalà