Interview mit Enkhbat Roozon Ein Leben in zwei Welten

Enkhbat Roozon bei der Verleihung der Goethe-Medaille in Weimar
Enkhbat Roozon bei der Verleihung der Goethe-Medaille in Weimar | Foto: Maik Schuck / Weimar

Am 28. August 2019, dem Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes, wurde dem mongolischen Verleger, Buchhändler und politischen Publizisten Enkhbat Roozon die Goethe-Medaille verliehen. Im Interview spricht Enkhbat Roozon über die Auszeichnung, seine Arbeit in der Mongolei und seine Studienzeit in Leipzig.

Lieber Herr Enkhbat, wir gratulieren Ihnen ganz herzlich zur Verleihung der Goethe-Medaille. Sie sind der erste Preisträger aus der Mongolei. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von der Auszeichnung erfahren haben?

Als die Preisträger im Mai bekannt gegeben wurden, da war ich natürlich erstmal überrascht. Ich habe gedacht: „Wenn man das macht, woran man glaubt und wofür man ist und dafür auch noch einen Preis bekommt und nach Deutschland eingeladen wird, dann ist das nicht selbstverständlich!“ Ich habe mich bis zum 28. August mit dem Gedanken auseinandergesetzt, was dieser Preis für mich bedeutet und habe gemerkt, dass das eine große Verantwortung ist.
 
Wie haben Sie die Feierlichkeiten zur Verleihung der Goethe-Medaille in Weimar erlebt?
 
Das war eine ganz besondere Veranstaltung. Nicht nur für mich, sondern auch für die Gäste, die ich nach Weimar eingeladen hatte. Sie sind teilweise von sehr weit angereist und haben die Tage in Weimar, in dieser für die deutsche Geschichte so wichtigen Stadt, sehr genossen. Die vielen Gespräche und die Freude der anderen Menschen haben mich sehr berührt. Ich empfinde das mit dieser Auszeichnung verbundene Vertrauen der Deutschen als eine große Ehre. 


Neben Ihnen wurden der deutsch-türkische Schriftsteller Doğan Akhanlı und die im Iran geborene Künstlerin und Filmemacherin Shirin Neshat mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet. Was verbindet Sie mit den anderen beiden Preisträger*innen?
 

Im Vergleich zu mir sind die beiden im großen Raum politisch und kulturell viel bedeutender und bekannter als ich. Mich kennt man in der Mongolei. Auch mussten die beiden viel mehr Opfer bringen als ich. Sie können nicht einfach so nach Hause gehen, zu ihren Familien und Freunden. Ich habe da politisch viel mehr Freiraum. Wenn wir etwas am stärksten gemeinsam haben, dann dass wir alle drei sehr ehrlich und vor allem kontinuierlich gearbeitet haben. Das ist etwas, was uns verbindet.  

Die diesjährige Verleihung der Goethe-Medaille stand unter dem Thema „Dichtung und Wahrheit“. Was bedeutet dieses Thema für Sie und Ihre Arbeit?
 

Alles, was man sagt und schreibt, muss der Wahrheit entsprechen. Wir bemühen uns auch in der Verlagsarbeit, dass jedes Wort seine Richtigkeit hat. Ich frage meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer, welche Themen in der heutigen Gesellschaft wichtig sind. Wir versuchen dann, dazu die richtigen Bücher herauszugeben. Auch bei den Übersetzungen sind wir bemüht, diese so genau wie möglich wiederzugeben.

Sie setzen sich als Verleger, Buchhändler und politischer Publizist für eine offene, kritische und mündige Zivilgesellschaft ein. Welche Rolle können dabei Bücher und Literatur spielen?
 
In einer Veranstaltung in Weimar, zu der ich eingeladen war, wurde über die Frage diskutiert: „Kann Demokratie vom Himmel fallen?“ Alle waren sich einig, dass dies nicht gut wäre. Ich aber habe gemerkt, dass genau das in der Mongolei passiert ist. Dabei ist die demokratische Basis noch gar nicht da; sie muss erst noch wachsen. Die Demokratie ist bei uns von oben nach unten gefallen und wir müssen jetzt von unten die Demokratie weiter aufbauen, mit unseren Traditionen und unsere Kultur. Dafür ist Literatur wichtig. Denn in der Literatur finden wir Anhaltspunkte dafür, wie wir besser, menschlicher miteinander leben können.
 
Die Modernisierung des mongolischen Bildungssystems ist Ihnen ein ganz besonderes Anliegen. Welche Bedeutung kommt dabei der Sprache zu?
 
Unser Bildungssystem muss sich ändern. Vor allem müssen wir unsere Sprache pflegen und modernisieren. Wer seine Muttersprache gut beherrscht, der kann auch andere Sprachen leichter erlernen. Wir brauchen gute Wörterbücher. Außerdem müssen Kinder richtig lesen lernen. Das heißt, dass man vom Gelesenen etwas für sich behält, wirklich etwas erfährt. Dazu muss sich auch das Bild des Kindes ändern. Das Kind muss ernst genommen werden. Nur dann findet Erziehung statt. Ich versuche deshalb mit meinem Verlag wirklich gute Bilder- und Kinderbücher zu machen.
 
Sie haben an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert. Was bedeutet Ihnen diese Verbindung zu Deutschland ganz persönlich?

Das war die schönste Zeit meines Lebens. Meine Kindheit war zu Ende und ich war das erste Mal frei! Deutschland und die deutsche Sprache sind sehr wichtig für mich geworden. Auch heute gucke ich noch jeden Tag das „heute journal“. Und ich bin jedes Jahr zweimal in Deutschland, meistens auf den Buchmessen, und treffe meine Freunde in Deutschland. Nach dieser Preisverleihung habe ich natürlich noch mehr Kontakt zu meinen Freunden von früher. Sterben werde ich in der Mongolei, aber alles andere wird immer in zwei Welten sein.
 
Die Goethe-Medaille wurde 1954 vom Vorstand des Goethe-Instituts gestiftet und 1975 von der Bundesrepublik Deutschland als offizielles Ehrenzeichen anerkannt. Die Verleihung findet am 28. August, dem Geburtstag Goethes, in Weimar statt. Gemeinsam mit dem Kunstfest Weimar richtet das Goethe-Institut ein Begleitprogramm aus.