Peter Brötzmann wird 75
Die Töne sind frei

Peter Brötzmann war 2014 als Gast des Münchner ICI Ensembles mit seinem ursprünglichen Instrument, der Klarinette, zu hören.
Peter Brötzmann war 2014 als Gast des Münchner ICI Ensembles mit seinem ursprünglichen Instrument, der Klarinette, zu hören. | Foto: Ralf Dombrowski

Was Freiheit bedeutet, habe er von der Malerei gelernt, sagt Peter Brötzmann. Den ästhetischen Eigensinn aber hat er selbst entwickelt und wurde damit international zu einem der bekanntesten Jazzmusiker Deutschlands. Am 6. März 2016 feiert Peter Brötzmann seinen 75. Geburtstag.

Poltern gehört zum Geschäft. „Es gibt in der ganzen Scheiß-Kunst zwei Möglichkeiten: Entweder erfüllt man die Erwartungen oder man macht sich ein paar Gedanken und versucht ’rauszufinden, – ohne Rücksicht auf Verluste –, was einen selbst angeht”, sagte Peter Brötzmann 2012 dem Bochumer Philosophen Christoph J. Bauer. „Eine brutale Gesellschaft provoziert natürlich eine brutale Musik“, so der Jazz-Musiker, Maler und Grafiker aus Remscheid weiter.

Provokation ist ein Schlüsselbegriff: Als Peter Brötzmann in den frühen 1960er-Jahren auf sich aufmerksam machte, war die Bundesrepublik Deutschland ein in Folge des Wirtschaftswunders prosperierendes Land. Man war wieder etwas, die Traumata aus der Zeit des Nationalsozialismus wurden im Alltag weitgehend verdrängt, Kritik an der neuen Bürgerlichkeit und deren fortschrittsgläubiger Ästhetik galt als unerwünscht. Brötzmann kam an der Wuppertaler Werkkunstschule jedoch unter anderem mit den frisch sprießenden Ideen der Fluxus-Bewegung in Berührung, in deren Performance-Gedanken jedes beliebige Material Gegenstand von Kunst werden konnte.

Die Fluxus-Erfahrung wiederum korrespondierte mit den Tendenzen des Free Jazz, der um 1960 begann, sich gegen die Begrenzungen durch Form, Struktur und musikalische Regelhaftigkeiten aufzulehnen. Brötzmann war beeindruckt von der Radikalität dieses Gedankens, außerdem als bildender Künstler ernüchtert vom konservativen Galeristenwesen des Kunstbetriebs. Er zog die Konsequenz und griff zum Saxofon.

Autodidakt und Querdenker

Bereits als Neunjähriger hatte Peter Brötzmann Klarinettenunterricht bekommen und sich seitdem autodidaktisch weiter mit dem Instrument und mit dem Saxofon beschäftigt. Nun wurde die Musik zu seinem Hauptinteresse, auch wenn er nach Abschluss des Studiums 1962 nebenher als Grafiker arbeitete. Er traf auf Gleichgesinnte, gründete im selben Jahr mit dem Bassisten Peter Kowald und wechselnden Schlagzeugern ein Trio, das sich aufgrund seiner gestalterischen Vehemenz schnell Aufmerksamkeit erregte.

Bürgerschreck für die einen, „angry young man“ für die anderen, spielte Brötzmann bereits Mitte der 190er-Jahre europaweit auf Festivals, fand sich daraufhin mit internationalen Kollegen wie Carla Bley, Aldo Romano oder Michael Mantler zusammen und wurde 1966 Teil des bis heute aktiven Globe Unity Orchestra, das mit freiem Spiel im großen Ensemble experimentierte. Aufnahmen wie For Adolphe Sax (1967) im Trio – keine devote Hommage an den Instrumentenerfinder, eher ein Schrei – oder Machine Gun (1968) im Oktett – eine brachiale Sound-/Noise-Performance, die zum Grundlagenwerk der Free-Jazz-Ära avancierte – machten ihn über den Kreis der Experimentatoren hinaus international bekannt.

Da das Musikbusiness dem revolutionären Impetus dieser Jahre skeptisch gegenüberstand, gründete Brötzmann zusammen mit Peter Kowald, dem Pianisten Alexander von Schlippenbach und dem Bassisten Jost Gebers das Label Free Music Production (FMP), das bis 2011 die Fahne der Avantgarde hochhielt und zu einem wichtigen Forum zeitgenössischer improvisierter Musik wurde. Er selbst pendelte während der folgenden 1970er-Jahre zwischen dem heiligem Ernst impulsiver Kreativität und dem dadaistischen Impetus mancher Performances etwa beim Berliner Total Music Meeting, wo die Fluxus-Wurzeln früher Aktivitäten mit Nam June Paik, aber auch sein eigener Hang zur bildlichen oder bildenden Kunst zum Tragen kamen.

Revolution wird Institution

Im Ausland galt Peter Brötzmann aufgrund seiner akustischen Vehemenz zunächst als der kraftstrotzende Jazz-Germane. Seit den Achtzigerjahren jedoch veränderte sich die Wahrnehmung. Brötzmann gastierte in Japan und den USA, sein Einfluss auf die dortige Musikwelt nahm zu. Der Bassist Bill Laswell lud ihn 1986 in die Band „Last Exit“, in eigenen Formationen wie seinem Chicagoer Tentett wuchs mit Ken Vandermark oder dem Schweden Mats Gustafsson bereits die nächste Generation heran, die sich an den Errungenschaften extrem-dynamischer Freiheit orientierte.
Das Peter Brötzmann Trio 1974 in dem Feature des NDR „Saxophon Stars“, Quelle: N3 / Youtube

Und Peter Brötzmann spielte immer weiter, solo, in Duos, in wechselnden Besetzungen, auch mit seinem Sohn, dem Gitarristen Caspar Brötzmann. Er nahm unablässig auf, ist auf mehr als hundert Alben zu hören, schuf nebenbei Platten-Cover und Plakate etwa für das Total Music Meeting, malte in Öl, schraubte Objekte zusammen, konzipierte Ausstellungen eigener Werken von Chicago über Remscheid bis Ljubljana. Aus dem Klanganarchisten wurde ein Urgestein des deutschen Jazz, ausgezeichnet für sein Lebenswerk etwa vom New Yorker Vision Festival 2011 oder auch mit dem im Rahmen des Jazzfestes Berlin vergebenen Deutschen Jazzpreis 2011.

Institution statt Revolution? Peter Brötzmann hat sich in seinem Anspruch auf Unmittelbarkeit des spontanen Ausdrucks eigentlich nicht verändert. Aber die Zeit um ihn herum ist eine andere. Free Jazz ist längst ein gängiger Spielstil. Ästhetische Provokationen über eruptive Wucht gehören zum gestalterischen Alltag, Wut ist ein beklatschtes und probates Mittel improvisierenden Ausdrucks. So ist Brötzmann 2016eigentlich ein Romantiker, ein aus sich selbst heraus schaffendes Originalgenie, vorbildlich in der Konsequenz des Widerspruchs gegen Jazznormen auf dem Weg zur gesteigerten Expressivität.

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