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Jan Arleij: Digitalisierung und Senioren
Ausgrenzung hört nicht auf

Digitalisierung und Senioren
Digitalisierung und Senioren | Foto: Gervyn Louis auf unsplash.com

Jeder vierte Mensch über 70 rückt angesichts der zunehmenden Digitalisierung an den Rand der Gesellschaft. Wer glaubt, das Problem verschwindet, sobald die ältere Generation stirbt, irrt. Hartnäckige Weiterbildung scheint die beste Medizin zu sein.

Von Jan Arleij

Im Schatten der rasanten IT-Entwicklung stehen Hunderttausende älterer Menschen, die es nie geschafft haben, auf den digitalen Zug aufzuspringen. Nennen wir das, was vor sich geht, digitale Altersdiskriminierung. Es ist bemerkenswert, dass ein Land bewusst zulässt, dass moderne Technologien Menschen isolieren und von grundlegenden sozialen Rechten ausschließen. Keiner der Verantwortlichen spricht es aus, aber die Politiker*innen scheinen zu denken, dass sich das Problem von selbst lösen wird, wenn die Senior*innen den Löffel abgeben – "die jungen Neurentner sind an das Web gewöhnt und wissen, wie es funktioniert".

Aber das ist ein Missverständnis.

Der Forscher Dino Viscovi, Dozent für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Linné-Universität in Växjö, war verärgert, als er in der Lokalzeitung las, dass die Gemeinde bestehende Parkuhren durch Apps ersetzen wolle. Er kannte Statistiken über die Fähigkeiten älterer Menschen, digitale Medien zu nutzen:
„Ich wusste, dass nur etwas mehr als die Hälfte der 65- bis 85-järhigen ein Smartphone besitzt und zudem ein Viertel von ihnen nicht mit Apps umgehen kann. Eine deutliche Mehrheit der älteren Menschen würde daher nicht mehr in der Innenstadt parken können.“

Zugegeben, älteren Menschen nicht zuzutrauen, mit der Entwicklung Schritt halten zu können, nur weil sie reich an Jahren sind, ist ebenfalls altersdiskriminierend. Aber ältere Menschen müssen auch altern dürfen.

Die Pandemie mag viele Senioren ins Internet getrieben haben, um die erzwungene soziale Isolation zu überstehen. Das gilt vor allem für die Aktivsten unter ihnen, die ihr digitales Verhalten zweifelsohne ausgebaut haben. Nicht aber für diejenigen, die längst den Anschluss verpasst haben. Auch Quarantäne und andere Einschränkungen haben diese nicht dazu gebracht, die digitale Welt für sich zu entdecken. Stattdessen beobachten wir eine sich weitende digitale Kluft innerhalb der Gruppe der älteren Menschen.

Die Linné-Universität hat dazu neue Zahlen: Ende 2020 haben 1610 Personen zwischen 65 und 90 Jahren an einer Umfrage teilgenommen. Rund vier von zehn, 39 Prozent, gaben an, digitale Medien in der Pandemie verstärkt genutzt zu haben. Diese Nutzungssteigerung betrifft jedoch fast ausschließlich diejenigen, die bereits zuvor digital aktiv waren. Und selbst in dieser Gruppe ist das Muster nicht einheitlich. Vor allem diejenigen, die finanziell gut aufgestellt sind, einen höheren Bildungsabschluss haben und in sozialen Netzwerken aktiv sind, haben ihr Nutzerverhalten verstärkt. In der Gruppe der über 70-jährigen nutzten dagegen 20 Prozent der Befragten nie digitale Medien.

Vor fünf Jahren ist bereits eine vergleichbare Alterskohorte untersucht worden. Damals waren die Beteiligten zwischen 65 und 85 Jahre alt. Auch diese Umfrage stellte fest, dass 20 Prozent der Befragten das Internet noch nie genutzt hatten. Weitere fünf Prozent nutzten es so selten, dass sie ebenfalls nicht als digital eingebunden gelten konnten. Es geht also um mindestens 400.000 ältere Menschen. Dies ist aufgrund von vermehrten psychischen Erkrankungen ein Kostenfaktor.

„In Rente zu gehen und zu altern ist heute völlig anders als vor fünfzehn, zwanzig Jahren. Früher hat der Einzelne in der Schule und im Berufsleben Erfahrungen und Kenntnisse gesammelt, die ihn auf das Leben vorbereiteten“, sagt Dino Viscovi. Viele Menschen fühlen sich schlecht, wenn sie bemerken, nicht mit der technischen Entwicklung Schritt halten zu können. Schuld und Scham sind die dunklen Schatten des sozialen Abseits.

Der eine Viertelmillion Mitglieder zählende Rentnerverband SPF Seniorerna hat im aktuellen Bericht Digitalisiering handlar om människor (dt.: Bei Digitalisierung geht‘s um Menschen) Mindestforderungen formuliert: „Wenn die Gesellschaft von ihren Bürger*innen verlangt, zahlreiche Angelegenheiten und Informationen digital zu bewältigen, sollten die Menschen als Gegenleistung darauf zählen können, in digitaler Kompetenz aus- und weitergebildet zu werden.“ Verantwortung dafür solle die öffentliche Hand übernehmen. Es gehe um Gerechtigkeit: "Alle Mitmenschen sollten die gleichen Chancen haben, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben."

Und was macht die schwedische Regierung?

Nun, mit dem Slogan „digital först“, wie es in der Digitalisierungsstrategie der Regierung heißt, und der Vision, digitale Dienstleistungen zur „ersten Wahl für den Kontakt zwischen öffentlicher Hand und Privatpersonen“ zu machen, drohen wichtige Gruppen den Anschluss zu verlieren. Auf absehbare Zeit wird es Hunderttausende älterer Menschen geben, die den Anforderungen der heutigen Digitalisierungsstrategie nicht gerecht werden. Diese Menschen als Randerscheinung zu betrachten, ist riskant. „Wenn die Gleichwertigkeit in der Gesellschaft bedroht ist, sind auch der soziale Zusammenhalt und das Vertrauen gefährdet“, warnt Dino Viscovi.

Bildung ist ein Teil der Medizin. Der 15. Oktober ist ein jährlicher und nationaler Thementag zu den Möglichkeiten und Herausforderungen der Digitalisierung. Ziel ist es, alle Menschen zu inspirieren, an der digitalen Entwicklung teilzuhaben. Unter den Teilnehmenden ist auch SPF Seniorerna. Der Verband hat einen digitalen Kurs angeboten, der zeigt, wie man an einem Zoom-Meeting teilnimmt. Während der Pandemie wurden bereits Tausende von Mitgliedern in dem Programm geschult, von der Erstellung eines Zoom-Kontos bis zur Nutzung des Chats. Jetzt laden sie alle ein, die die Chance zum Lernen nutzen möchten.



Jan Arleij Foto: Senioren Jan Arleij ist Reporter der Zeitung Senioren










 

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