Hédi Fried Reise nach Auschwitz

Hédi Fried: Reise nach Auschwitz 27. Januar 2015
Hédi Fried | © Privat

Es gibt verschiedene Arten des Reisens: Vergnügungsreisen, Entdeckungsreisen, Gruppenreisen, und es gibt Reisen nach Auschwitz. An manchen Reisen führt kein Weg vorbei. Vor allem dann nicht, wenn man darauf hoffen darf, endlich eine Kerze an dem Ort anzünden zu können, an dem die Eltern ums Leben kamen, und man dabei obendrein von Kronprinzessin Victoria begleitet wird. Also sagte ich zu und begab mich auf die Reise meines Lebens.

Am Flughafen Bromma machten wir uns auf den Weg. Diesmal warteten keine Viehwaggons. Wir reisten mit dem Staatsflugzeug. Wir, das waren die Kronprinzessin und ihr Gefolge, der Adjutant, der Vertreter des Auswärtigen Amtes, der die Reise arrangierte, Emerich Roth, ich selbst, Urban Ahlin, Alice Bah Kunke und einige SÄPO-Mitarbeiter.

Nach einem königlichen Frühstück und einer Zwischenlandung in Krakau gelangten wir schließlich nach Auschwitz, wo wir uns in Gruppen aufteilten. Vom örtlichen Personal wurde ich in ein gigantisches Zelt geführt, in dem, wie sich herausstellte, die Gedenkfeier abgehalten wurde. Als wir unsere Plätze eingenommen hatten, wies man uns darauf hin, dass wir diese weder vor noch während der Zeremonie verlassen dürften. ORDNUNG MUSS SEIN.

Schräg gegenüber waren weitere Stühle aufgestellt. Ich konnte erkennen, dass ganz rechts ein Platz für König Harald reserviert worden war, daneben Plätze für Kronprinz Fredrik und Kronprinzessin Mary und ein paar Stühle weiter ein Platz für unsere Kronprinzessin. Schließlich, nachdem eine Kerze am Mahnmal für die Auschwitz-Opfer entzündet worden war, traten die Angehörigen der Königshäuser ein, und die Gedenkfeier konnte beginnen.

Nach einer Begrüßung in verschiedenen Sprachen – mit Simultanübersetzung –, kamen mehrere Auschwitz-Überlebende aus verschiedenen Ländern zu Wort und ein Dokumentarfilm von Steven Spielberg wurde gezeigt. Vertreter verschiedener Religionen beschlossen die Gedenkfeier schließlich mit ihren Gebeten. Dem Kaddisch und dem El Male Rachamim an dem Ort, an dem so viele Menschen ums Leben kamen, dem Ort, an dem wir weniger wert waren als Dreck, zu lauschen, war ein ergreifendes Erlebnis.

Eigentlich war verabredet, dass die Angehörigen der Königshäuser keine Interviews geben würden, und niemand außer den Staats- und Regierungschefs der jeweiligen Länder vor dem abgerissenen Krematorium Kerzen anzünden sollte. Aber Kronprinzessin Victoria, einmalig wie sie ist, hatte für uns Schweden Sonderrechte erwirkt. Also wurden wir im Zelt  abgeholt, und Victoria ließ sich von dem schwedischen SVT-Reporter Rolf Fredriksson interviewen, der auch an Emerich und mich einige Fragen stellte.

Als ich mich nach der Gedenkfeier schwermütig zum Ausgang begeben wollte, zog mich der Adjutant beiseite. Kronprinzessin Victoria, die um meinen Herzenswunsch wusste, nahm uns mit auf eine kurze Autofahrt zum Mahnmal. Meine Augen blieben trocken als ich mit 91 Jahren endlich eine Kerze für meine Mutter und meinen Vater anzünden konnte, die nur 46 und 49 Jahre alt wurden. Die örtlichen Mitarbeiter stellten mehrere Kerzen zur Verfügung, und ich zündete auch eine gemeinsame Kerze für die große Familie meiner Schwester Livia und mir an, ferner eine Kerze für diejenigen, deren Namen auf dem Mahnmal vor der Stockholmer Synagoge eingraviert sind, und eine für alle anderen, die im Holocaust ums Leben kamen.

Anschließend begaben wir uns auf den Heimweg. Zurück nach Schweden. Nachdem wir ein zweites Mal aus Auschwitz gerettet worden waren. Mehr kann man sich im Alter von 91 Jahren wirklich nicht wünschen.

Danke, Schweden!