Literatur Warum Nelly Sachs?

Nelly Sachs
Nelly Sachs-Den store anonyme (Ersatz)/Nelly Sachs kommer aldrig fram till havet (Albert Bonnier Förlag)

Nelly Sachs zu lesen bedeutet, die unheimliche Gegenwart des Todes im eigenen Leben wahrzunehmen, sich zu konfrontieren mit dem Verstörenden, dem Leiden, sich auszusetzen. Nelly Sachs brachte eine unglaubliche Kraft auf, um sich täglich und mit größter Intensität auszusetzen. Sie besaß den Mut zum Äußersten, der sie fast zerriss.

Als ich gegen Ende meiner Schulzeit die Bibliothek meines Gymnasiums aufsuchte, stieß ich auf eine Liste der Nobelpreisträger für Literatur. Auf dieser Liste waren neben der Jahreszahl 1966 gleich zwei Namen verzeichnet: Shmuel Yoseph Agnon und Nelly Sachs. Die Liste gab darüber hinaus auch die Sprache des jeweiligen Preisträgers an. Nelly Sachs hatte demnach ihre Werke in deutscher Sprache verfasst. Wieso jedoch hatte ich nie, nicht einmal im Deutschunterricht, von ihr gehört? Wohl aber von Thomas Mann, Heinrich Böll und Günter Grass. Die Bibliothek besaß, wenn ich mich recht erinnere, zwei Bände mit Gedichten von Nelly Sachs. In ihnen fand ich Gedichte von mir unerklärlicher Kraft. Etwa:
 
Dein Jahrhundert
eine Trauerweide
gebeugt über Unverständliches
.[1]
 
Diese Zeilen stammen aus einem Band mit dem eigenartig klingenden Titel Glühende Rätsel. Die beiden Biographien von Ruth Dinesen und Gabriele Fritsch-Vivié, die sich ebenfalls in der Schulbibliothek befanden, las ich zwar.[2] Der ‚Fall Sachs‘ blieb mir aber rätselhaft.
 
Wenn man mich fragte, was mich zu meiner jahrelangen, intensiven Beschäftigung mit dem Werk von Nelly Sachs brachte, was mich darüber hinaus bewog, trotz aller Mühen durchzuhalten, so fiele mir die Antwort alles andere als leicht – und ich sähe mich zum Zögern gezwungen. Von le plaisir du texte, von der Lust am Text sprach Roland Barthes in seinen heute bereits klassischen Aphorismen der 1970er Jahre. Diese Lust am Text ist bei den Texten von Nelly Sachs jedoch als Antwort auf die eingangs gestellte Frage ausgeschlossen. Zu sehr sind ihre Werke – ihre Gedichte, szenischen Dichtungen und späte Prosa – mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten, mit der Shoah und dem Leiden allgemein verwoben. Die literarische Welt der Nelly Sachs ist unter der an Dunkelheit reichen deutschsprachigen Literatur vielleicht die dunkelste und – endlich ernst genommen – in ihrem Anspruch radikal und verstörend: eine Landschaft aus Schreien, wie eines ihrer Gedichte heißt.[3] Nach diesen Qualitäten beurteilt reicht wohl nur Paul Celans Werk an das ihrige heran.
 
Vielmehr muss ich also die Frage nach dem Warum mit Engagement und Überzeugung beantworten: Überzeugt von der Bedeutung und Signifikanz der Sachs’schen Texte für ihre und für die heutige Zeit; dies gerade aufgrund der Radikalität, mit der Sachs in ihren späten Aufzeichnungen seit 1950 den sprachlichen Bedeutungen und Bedeutungszuweisungen ‚zu Leibe rückt‘. So schreibt sie in ihren poetologisch aufschlussreichen Briefen aus der Nacht:
 
Fortgefallen ist alles bis auf unsere Bestimmung. Der Tod ist der Aufzehrer des Überflüssigen. Atem, Blut, Fleisch, Gebein, Gehirn, Zähne, Augen, Eingeweide – verzehrt – übrig ist das „redende Schweigen“ die „Sehnsucht“.[4]
 
Und wenig später heißt es in diesen Aufzeichnungen:
 
Mutterseele, Eiland und ständiges „Zurück“. Ewige Chiffre unter der meine Geheimnisse bewahrt sind. Das redende Schweigen. Alle meine Worte sind nur Schilder und Grabtafeln. Du nur weißt, was darunter verblutet ist.[5]
 
Engagement aber für ein bedeutendes und auch aus sozio-politischen Gründen vergessenes literarisches Werk. Als Frau, als im Exil lebende Jüdin, die auf Deutsch schrieb, verwehrte und verwehrt man ihrem Werk bis heute die Kanonisierung. Es ist zugegeben kein seltenes Paradox: mit Preisen geehrt, aber kaum gelesen. Nelly Sachs selbst war übrigens engagierte Dichterin allein in dem Sinn, dass ihr Engagement der Verweigerung jeglicher Ideologie galt. Die Verweigerung der Ideologien wurde zu der ihren – zur einzigen noch möglichen Ideologie in einem Jahrhundert verheerender, eben ideologisch motivierter und begründeter Verwürfnisse und Kriege. Auch aus diesem spezifisch unspezifischen Standpunkt des Widerstands heraus wurde ihr Werk vergessen, erst recht mit der Politisierung nach 1968.
 
Neben Engagement und Überzeugung tritt ein dritter Beweggrund: Verwunderung. Und zwar Verwunderung von der ersten Minute an, in der mir der Name Nelly Sachs entgegentrat – nämlich in der erwähnten Liste der Nobelpreisträger gegen Ende meiner Schulzeit. Wer war diese Frau mit dem ungewöhnlichen Namen? Bis zu Elfriede Jelinek die einzige deutsch sprechende und schreibende Frau, die den Literaturnobelpreis gewann. Und bis heute die einzige deutschsprachige (lyrische) Dichterin, die diesen Preis erhielt. Was und wie war ihr Werk und warum war es so offensichtlich und allgemein in Vergessenheit geraten?
 
Wie vergessen, kaum gelesen und nicht kanonisch ihr Werk tatsächlich ist, erkennt man an einer recht beliebigen, aber nichtsdestotrotz aussagekräftigen Stichprobe. In der relativ weit verbreiteten Deutschen Literaturgeschichte aus dem Verlag J. B. Metzler, im Jahr 2008 in siebter Auflage erschienen, verzeichnet das Personen- und Werkregister drei Erwähnungen des Namens Nelly Sachs. Nicht nur wird Nelly Sachs lediglich mit zwei Erwähnungen in Aufzählungen von Autoren der Nachkriegszeit bedacht und in diesen Aufzählungen versteckt, die dritte Erwähnung gilt nicht einmal ihr: Nelly Mann, die Frau von Heinrich Mann, wurde versehentlich unter dem Namen Nelly Sachs im Personenregister angeführt.
 
Verwunderlich und bezeichnend ist des Weiteren, dass der bekannteste und vielleicht einflussreichste Kritiker der Nachkriegszeit, der als Jude selbst die Shoah im Warschauer Ghetto und verschiedenen Verstecken überlebte, sich nie zum Werk von Nelly Sachs geäußert hat. „Ich kapituliere“, schrieb Marcel Reich-Ranicki erst im April 2011 in seiner Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Rückblick auf seinen Besuch bei Nelly Sachs im Februar 1965 in Stockholm. Von Freunden sei er gewarnt worden, Sachs’ geistige Gesundheit, ihre „Zurechnungsfähigkeit“ sei stark eingeschränkt. Er habe sich dennoch nicht von einem Besuch bei ihr abbringen lassen.
 
Sie erzählte mir dies [ihre Verfolgungsängste] alles ganz ruhig. Ich konnte nichts sagen, ich war ratlos. Ob man sie darüber unterrichtet hat, dass ich in Berlin aufgewachsen war und was ich später erlebt hatte, weiß ich nicht. Aber sie stellte mir keine einzige Frage, sie wollte nichts über mich wissen: Nelly Sachs war nur mit sich selbst beschäftigt, während dieses Besuchs war ausschließlich von ihr die Rede. Sobald sie vom Thema ihrer Verfolgung zu anderen Fragen überging, sprach sie einfach und vernünftig.[6]
 
Es traf der Shoah-Überlebende Reich-Ranicki auf diejenige Dichterin, die als „Dichterin jüdischen Schicksals“ bekannt wurde, selbst aber den Konzentrationslagern gerade noch entkommen war. Kann es dieser Ruf von der „Dichterin jüdischen Schicksals“ gewesen sein, der Reich-Ranicki erwarten ließ, dass man nun über ihn, einen Überlebenden und seine Erlebnisse, sprechen würde? Wäre nicht eigentlich zu erwarten gewesen, dass der Kritiker die Dichterin besucht, um etwas über sie und ihr Werk zu erfahren? Auf diese übliche Erwartung hatte Sachs wohl auch reagiert.
 
Reich-Ranicki zeigt sich in seiner Kolumne nicht nur ratlos, sondern auch verständnislos. Man kann vielleicht vermuten, dass Reich-Ranicki einige notwendige Informationen nicht bekannt waren, oder er ihnen zumindest keine Beachtung schenkte. Für die auf Reich-Ranicki so verstörend wirkende psychische Erkrankung Sachs’, für ihren Zusammenbruch 1960, war die Wiederbegegnung mit Deutschland (neben anderen Faktoren) ausschlaggebend. Es war das Deutschland, in dem Reich-Ranicki ab 1958 eine erstaunliche Karriere machte. Dies ist nicht als Vorwurf hier vermerkt, sondern als ein Anzeichen dafür, wie weit entfernt die Standpunkte von Dichterin und Kritiker waren. Seinen geplanten Bericht für Die Zeit verfasste Reich-Ranicki 1965 nicht: „ich war dazu nicht mehr imstande, ich kapitulierte.“
 
Kapitulation kam und kommt jedoch für mich nicht in Frage. Mich interessiert das Andere vor dem Hintergrund des Bekannten. Nelly Sachs und ihr Werk vermögen, wenn man sie denn nicht mehr aus dem deutschen Sprach- und Kulturraum ausschließt, sondern sie in dieses geographisch nicht fest umrissene Diskursfeld einbezieht, die deutsche Literatur der Nachkriegszeit um eine wesentliche und belebende Andersartigkeit zu bereichern. Wesentlich sind Sachs und ihr Werk der deutschsprachigen Literatur nach 1945 nicht allein aufgrund literarischer Leistung und zeitgeschichtlicher Signifikanz, sondern auch weil Sachs mit vielen der noch heute bekannten und gelesenen Autoren jener Zeit in Korrespondenz stand und mit großer medialer Wirkung einige viel beachtete Preise in den 1960er Jahren erhielt, wie zum Beispiel den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1965 und den Nobelpreis für Literatur 1966. Nelly Sachs in der Betrachtung der Literatur nach 1945 außer Acht zu lassen, hieße einen wichtigen Bezugspunkt der Zeit zu missachten.
 
Paradox hingegen ist die belebende Andersartigkeit des Werkes von Nelly Sachs, hat der Tod doch bei ihr alles durchsetzt. Leben unter Bedrohung und Noch feiert Tod das Leben heißen programmatisch zwei ihrer Werke. Der vielfach fälschlich idyllischen Literatur der unmittelbaren Nachkriegszeit und der aufs Ökonomische konzentrierten Wiederaufbaujahre wird bei Sachs ein Land und eine Welt lebender Toter entgegengesetzt. Dass sich nach und also mit der Shoah wie mit der zur selben Zeit erfundenen und erstmals eingesetzten Atombombe an dieser Grundbedingung und -beschreibung der Welt nichts geändert hat, wird von der Mehrheit heute noch gründlicher verdrängt als noch vor einigen Jahrzehnten. Es ist jedoch zu befürchten, dass Leben trotz allen Wohlstandes und Fortschrittes mehr denn je unter Bedrohung bleibt.
 
Nelly Sachs zu lesen bedeutet, die unheimliche Gegenwart des Todes im eigenen Leben wahrzunehmen, sich zu konfrontieren mit dem Verstörenden, dem Leiden, sich auszusetzen. Nelly Sachs brachte eine unglaubliche Kraft auf, um sich täglich und mit größter Intensität auszusetzen. Sie besaß den Mut zum Äußersten, der sie fast zerriss. Die Verfolgungsängste, die Marcel Reich-Ranicki bei seinem Besuch 1965 so irritierten, fanden schließlich Eingang in ihre Texte. In einer Aufzeichnung aus dem Frühjahr 1961 gab sie ihnen bereits eine literarische Form:
 
zu Hause wieder – aber wieder im Fortgehen – Sie lassen mich nicht – sind unerbittlich in der Verfolgung – Knax-Knax Morse Telegrafie die unsichtbare Verfolgung einer unmenschlichen Zeit. Zwischen den vier Wänden und draußen und weiter und wohin mit mir – wohin – fort mit der Zeit – schneide ab die Minute – Erlöser –
 
Dann –
Jahre – Jagd – das Zertreten des Samenkornes in den Tod
–[7]
 
Wir müssen Nelly Sachs nicht ins Äußerste folgen, aber ab und zu reicht auch unser Mut, hat auch meiner in den letzten Jahren gereicht, um mich den Werken von Nelly Sachs zu nähern. Wir haben keinen Grund zur Kapitulation, denn es besteht keine Möglichkeit mehr, sich von einer persönlichen Begegnung mit der Dichterin irritieren zu lassen. Uns bleibt die Literatur: sie zu lesen, weiterzuschreiben.
 

[1] Nelly Sachs: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden, hg. von Aris Fioretos. Berlin: Suhrkamp Verlag 2010-2011, Bd. 2, S. 169.
[2] Ruth Dinesen: Nelly Sachs. Eine Biographie. Aus dem Dänischen v. Gabriele Gerecke. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1994. Fritsch-Vivié, Gabriele: Nelly Sachs mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag (3. Auflage) 2001.
[3] Nelly Sachs: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden, hg. von Aris Fioretos. Berlin: Suhrkamp Verlag 2010-2011, Bd. 2, S. 47.
[4] Nelly Sachs: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden, hg. von Aris Fioretos. Berlin: Suhrkamp Verlag 2010-2011, Bd. 4, S. 36.
[5] Nelly Sachs: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden, hg. von Aris Fioretos. Berlin: Suhrkamp Verlag 2010-2011, Bd. 4, S. 37.
[6] Marcel Reich-Ranicki: Fragen Sie Reich-Rancki, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17. April 2011, S. 29.
[7] Nelly Sachs: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden, hg. von Aris Fioretos. Berlin: Suhrkamp Verlag 2010-2011, Bd. 4, S. 70.