Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Familie
​Elternschaft und Familie historisch

Familie
Familie | © pixabay

Die historische Betrachtung von Elternschaft und Familie richtet sich auf die Spannung zwischen einer biologisch-sozialen und einer sozial ausgehandelten Realität. Zugleich ist die Familiengeschichte in besonderer Weise ein Ausdruck von gesellschaftlicher und individueller Aushandlung. In der Geschichte der Familie, deren Gegenstand auch die objektiven biologischen und sozialen Rollen der Elternschaft in ihrer Zeit sind, wird mehr als bei den meisten anderen historischen Themen die persönliche Betroffenheit sichtbar.
 

Von Rolf-Ulrich Kunze

Das lässt sich schon auf der begrifflichen Ebene zeigen. Wenn alltagssprachlich von Familiengeschichte die Rede ist, meint das in der Regel die Geschichte einer bestimmten, oft der eigenen Familie in einem bestimmten Zeitraum. Die in diesem Blick auf die Vergangenheit der Familie angelegte Perspektive macht die Familien- zur Vorgeschichte der eigenen Gegenwart oder sogar der eigenen Familie. Diese Art, Familiengeschichte auf den Betrachter hin zu erzählen, steht im Widerspruch zum Leitbild der Geschichtswissenschaft. Sie will eine Vergangenheit anhand von Quellen aus ihrem Kontext heraus verstehen und darstellen. Familiengeschichte wird fast ausschließlich von denen betrieben und geschrieben, die sich nicht hauptberuflich mit Geschichte befassen. Allerdings sollten sie schon deshalb nicht zu vorschnell als ,Laien‘ in die Ecke der Unprofessionalität gestellt werden, weil sie in der Regel über den besten oder sogar alleinigen Zugang zu wichtigen Quellen verfügen oder selbst als Zeitzeugen die Quelle sind.
 
Dennoch sieht sich die geschichtswissenschaftliche Darstellung der Familie traditionell in einem starken Gegensatz zur Familiengeschichte der ,Laien‘, vor allem der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Begrifflich bevorzugt die Geschichte als Wissenschaft zur Beschreibung des Untersuchungsgegenstands die Bezeichnung Geschichte der Familie oder spricht von historischer Familienforschung. Der Forschungsbegriff drückt den Abstand zu den ,Laien‘ und ihrer Subjektivität in programmatischer Weise aus. Die wissenschaftliche Geschichte der Familie soll im Unterschied zur subjektiven Familiengeschichte einer Familie die idealtypischen Muster und Strukturen aller Familien in einer Epoche eines Raums untersuchen. Dieses Abgrenzungsbedürfnis sagt einiges über die Statusunsicherheit der Geschichtswissenschaft aus. Denn das Subjektivitätsproblem gilt für Historikerinnen und Historiker keineswegs weniger als für die ,Laien‘. Einerseits zielen Historikerinnen und Historiker durch das von ihnen formulierte geschichtswissenschaftliche Bild der Familie in einer bestimmten Vergangenheit regelmäßig affirmativ oder kritisch auf ihre eigene gesellschaftliche Gegenwart. Andererseits sind auch die wissenschaftlichen Wahrer der historischen Objektivität Subjekte einer Familiengeschichte, die ihren Blick auf die Vergangenheit prägt. Jede/r ist und hat Familienbande.
 
Wesentliche Erkenntnisse der wissenschaftlichen Familiengeschichte verdanken sich dem kritischen Impuls der Widerlegung von politisch motivierten Fehldeutungen oder Ideologien zur Familie in einer bestimmten Zeit. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnten vor allem französische Historiker der Schule der ,Annales‘ den seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in historischen Darstellungen populär gemachten Kontrast zwischen dem ,intakten‘ Großfamilienverband der Vormoderne und der ,zerstörten‘ Kleinfamilie im Industriezeitalter widerlegen. Bei völkisch-konservativen Kritikern der sozialen Moderne vor allem auch in Deutschland war die Idyllisierung des ,Ganzen Hauses‘, des Lebensverbands von verwandten und nichtverwandten Familienangehörigen unter hausväterlicher Autorität, eine beliebte Waffe im Kampf gegen die politische Emanzipation.
 
Seit den 1950er Jahren haben vor allem anthropologisch arbeitende amerikanische Historikerinnen und Historiker den Mythos von der westlich-industriellen Kernfamilie von Vater-Mutter-Kind(ern) auf der Basis strikter Geschlechterrollenzuweisung relativiert. Sie konnten zeigen, dass dieses Familienmodell auch auf der Nordhalbkugel Varianten kannte und auf der Südhalbkugel zu keinem Zeitpunkt vorherrschende soziale Realität war. Hier richtete sich die Korrektur eines normativen Familienbilds gegen eine bestimmte Form von Modernisierungs-, Arbeitsmarkt-, Familien-, aber auch Entwicklungshilfepolitik im globalen Westen und Süden, die sich als alternativlos verstand.
 
In unserer Gegenwart beginnen Historikerinnen und Historiker u. a. in Westeuropa und den USA die Ideologisierung der Erzählung von der weitgehenden Überwindung der Kernfamilie kritisch zu hinterfragen. Zwar ist die soziale Familien- und Geschlechterrollenrealität in Gesellschaften des globalen Nordens in den letzten fünfzig Jahren sehr viel bunter, patchworkartiger und aushandlungsintensiver geworden. Ob das allerdings als Rückkehr zu einer historischen Normalität der Vielfalt von Familienmodellen interpretiert werden sollte, ist offen wie alle Geschichte.
 
Lit.: Rolf-Ulrich Kunze, Lehrbuch Familiengeschichte. Eine Ressource der Zeitgeschichte, Stuttgart 2018

Top