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Literatur
Kanonkritik aus postkolonialer Perspektive

Wer Kritik am Kanon übt, will ihn nur selten abschaffen. Denn die Orientierungsfunktion, die Kanones haben, ist kulturell wie institutionell gut etabliert: Das gilt sowohl für den Bildungskanon wie den Fachkanon. 

Von Andrea Geier

Unter den kanonkritischen Ansätzen ist die Idee, auf Kanones zu verzichten, in den postkolonialen Studien mit ihrer grundlegenden machtkritischen Perspektive am weitesten verbreitet. Ein alternativer Vorschlag ist, sie durch ein Konzept von ‚Weltliteratur’ zu ersetzen, womit sowohl eine überlieferungswürdige Auswahl von Autor*innen und Werken tendenziell aller Epochen und Kulturkreise gemeint sein kann, eine Art Best of der Nationalliteraturen, als auch eine Literatur der Globalisierung und des ‚Weltbürgertums’, die vom Interesse an kulturellem Austausch und Begegnung geprägt ist. Der Germanistik ist angesichts von Goethes Begriff der Weltliteratur allerdings bewusst, dass hier eine Dekolonialisierungsarbeit zu leisten ist, wie sie analog für nationale Kanones unternommen werden muss: Dekolonialisierung bedeutet in diesem Kontext, sich bewusst zu werden, dass historische Machthierarchien die Wahrnehmung wertvoller Literatur geformt haben und in der Auswahl und Wertung von Texten daher immer noch westliche bzw. eurozentristische Wertungsorientierungen wirksam sind. Letzteres gilt eben auch für Vorstellungen wie den ‚Weltbürger’. Den postkolonialen Studien ist in besonderem Maße bewusst, dass das Ordnungssystem Kanon durch die kritische Weiterarbeit zwangsläufig in seiner Geltung auch stabilisiert wird und Umgestaltungen nur teilweise durchzusetzen sind und Zeit brauchen.

Postkoloniale Studien haben erst ab Mitte der 1990er Jahre in der Germanistik im deutschsprachigen Raum Fuß gefasst. Die Ursache für diese Verzögerung liegt darin, dass die Bedeutung des Kolonialismus in Deutschland insgesamt lange verkannt wurde. Postkoloniale Perspektiven können deshalb an die Vorarbeit anderer Kanonkritiken anknüpfen, insbesondere der feministischen, die das Konzept des Kanons verändert haben: Der Prozess der Kanonisierung gilt heute nicht mehr als quasi-naturwüchsige Entwicklung, in der sich ästhetisch wie pädagogisch wertvolle Texte sammeln, sondern als deutender Umgang mit der Tradition. Kanon wird als ein umkämpftes soziales System verstanden, in dem Texten ein Wert zugewiesen wird nach Kriterien, die weder neutral noch historisch stabil sind. Damit richtet sich der Blick auf historische und gegenwärtige Kanondynamiken, auf die soziale Akzeptanz von Kanones und Kanonpluralität. Das Motto lautet: Nie aufhören, den Kanon kritisch zu inspizieren! Feministische und postkoloniale Kanonkritik sind dafür prädestiniert, da sie sich als wissenschaftskritische Zugänge verstehen.

Im Unterschied zur angloamerikanischen Kanonkritik, die seit Langem an einer Kanonrevison arbeitet und in Bezug auf Inklusions- und Exklusionsmechanismen die Literatur nationaler Minderheiten sowie durch Kolonialismus geformte transnationale Literaturräume untersucht, interessiert sich die deutsche postkoloniale Perspektive bislang nicht so sehr für die Entdeckung neuer Autorinnen und Autoren, etwa aus Gebieten, die einmal deutsche Kolonien waren. Verschiedene Varianten (binnen-)kolonialer Verflechtungsgeschichten, also z.B. afrikanisch-deutsche Literatur oder deutschsprachige Literatur in anderen nationalen Räumen, erfahren jedoch im Zusammenspiel mit der Erforschung der Literatur von Migrant*innen und der Literatur der Globalisierung in jüngster Zeit mehr Aufmerksamkeit.

Im Zentrum der postkolonialen Kanonkritik steht die Arbeit am Deutungskanon – eine Sammlung von musterhaften Interpretation eines Textes, die dessen Bedeutungen und Werte festlegen –, und einer (post-)kolonialen Ästhetik. Untersucht wird, wie Literatur kollektive Vorstellungen des ‚Eigenen’ und ‚Anderen’ mitgestaltet: Dies bezieht sich historisch auf die Idee von Nationen, die Produktion von Wissen über ‚die Anderen’ und ‚das Andere’ – die Konstruktion inter- oder intragesellschaftlicher ‚Fremder’; ‚Afrika’ als kolonialer Sehnsuchtsort – sowie transkulturelle (Literatur-)Beziehungen. Im Zentrum stehen die ästhetischen Verfahren, mit denen Denkmuster der Differenz und die damit verbundenen Hierarchien und Wertungsperspektiven – beispielsweise das ‚Licht’ der Aufklärung’ oder das ‚dunkle’ Afrika; Exotisierung/Rassismus – (mit-)gestaltet, kritisch verhandelt und/oder verändert werden, und zwar in vorkolonialen, kolonialen und postkolonialen Verhältnisse sowie in der Literatur der Globalisierung. Einerseits geht es darum, (post-)koloniale Ästhetiken herauszuarbeiten, also ästhetische Verfahren der Kritik, der Ambivalenz und Hybridität, andererseits werden besonders kanonisierte Texte einer kritischen Relektüre unterzogen. So werden Interpretationspraxis und -traditionen reflektiert. Im Falle (kolonial-)rassistischer Denkmuster wird dabei keineswegs gefordert, dass solche Texte aus dem Kanon entfernt werden müssten. Da man sich von der Idee verabschiedet hat, dass der Kanon ‚vorbildliche’ Texte enthält, sollen diese Texte vielmehr neu im kulturellen Gedächtnis situiert werden: Als wirkmächtige Werke, in denen sich mentalitätsgeschichtliche Entwicklungen auf eine Weise kristallisieren, die historisch als repräsentativ empfunden wurde.

Im Rahmen einer kulturwissenschaftlichen Orientierung arbeiten postkoloniale Perspektiven so an einer Neuperspektivierung des kulturellen Archivs mit. Ethik und Ästhetik werden dabei weder gegeneinander ausgespielt noch eine Kategorie absolut gesetzt, sondern die kulturellen Funktionen der Ästhetik für Selbstverständigungsprozesse einer Gesellschaft in den Blick gerückt.

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