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Europa
Der Islam im Abendland

Abendland
© Colourbox

Neben dem vielen, was der ehemalige Bundespräsident falsch gemacht hat, hat Christian Wulff dieses eine sicher richtig gemacht: Er hat sich den Satz des damaligen Innenministers Schäuble zu eigen gemacht, den dieser sprach, als er 2006 die erste deutsche Islamkonferenz einberief, nämlich: Der Islam gehört zu Deutschland. 

Von Katajun Amirpur

Schon als Schäuble diesen Satz sagte, hatte das immens positive Auswirkungen auf die Einstellung der Muslime zu Deutschland. Viele waren froh, diesen Satz aus dem Munde von Schäuble und später Wulff gehört zu haben. Denn es geht ihnen darum, hier als gleichberechtigt angenommen zu werden. Das funktioniert nur, wenn den Muslimen das Gefühl gegeben wird, dazu zu gehören. Einige Muslime haben diesen Wunsch und diese Forderung formuliert, als sie im September 2010 einen Brief an Wulff schrieben und sagten, Sie sind auch unser Präsident.

Schäuble und vor allem Wulff haben sich viel Kritik anhören müssen für diesen Satz. Dabei kann eigentlich nur, wer die Augen vor der demographischen Realität verschließt, leugnen, dass der Islam zu Deutschland gehört. Oder will man ernsthaft behaupten, es gehörten die Muslime zu Deutschland, aber der Islam, ihre Religion, nicht? So hat Innenminister Friedrich seinerzeit zu argumentieren versucht, als er dem ehemaligen Bundespräsidenten widersprach. Und so argumentiert jetzt Horst Seehofer. Doch solche semantischen Spitzfindigkeiten sind lächerlich. Und klar ist auch: wenn man den Muslimen so kommt, erzeugt man eine Abwehrhaltung.

Im Moment gibt es vieles im öffentlichen Diskurs, das eine solche Abwehrhaltung provoziert: Die Religion der Muslime wird ständig als Problem dargestellt: Selbst die Etablierung einer islamischen Theologie an deutschen Universitäten – obschon sehr wünschenswert aus wissenschaftlicher Sicht - ist letztlich dem Motiv geschuldet, den Islam zu domestizieren. Der Religionsunterricht soll eine Lesart des Islams vermitteln, die sich kollisionsfrei in eine werteplurale Gesellschaft einfügen lässt. Und er soll ein Gegengewicht bilden zum althergebrachten Koranunterricht mancher Gemeinden, der im Verdacht steht, antidemokratische und integrationsfeindliche Haltungen zu befördern.

Ich selbst war einige Jahre eine dieser Professoren für islamische Theologie. Und natürlich sollte man die Gelegenheit nutzen, den Islam an deutschen Universitäten zu institutionalisieren. Es ist eine Möglichkeit für Muslime, in Deutschland endlich gleichberechtigt zu sein. Nach fünf Jahrzehnten muslimischer Zuwanderung muss man den Muslimen endlich die gleichen Rechte einräumen wie den christlichen Kirchen. Doch wende ich mich dagegen, dass der dort gelehrte Islam oft als Euro-Islam bezeichnet wird. Dies suggeriert, dass er sich grundlegend von dem „normalen“ Islam unterscheiden würde. Dabei ist es eine Binsenwahrheit, die jedem Muslim klar ist, dass der Islam in den verschiedenen Länder und Kulturen unterschiedlich geprägt ist. Deshalb wird es natürlich einen deutschen Islam geben – und gibt es ihn schon. Auch ohne, dass die Theologen ihn sich ausdenken. Muslime in Deutschland leben ihren Islam unter anderen Rahmenbedingungen als Muslime in Österreich oder Muslime in Frankreich. Das liegt schon allein daran, dass in Deutschland lebende Muslime aus anderen Ländern stammen, als in Frankreich lebende Muslime oder in Großbritannien lebende Muslime. Schon ihr mitgebrachter Islam unterscheidet sich immens. Und durch die Länder, in die diese Muslime kommen und die sie prägen, verändert sich ihr gelebter Islam abermals.
 
Die zweite Annahme, die der Idee zugrunde liegt, es solle hier ein Euro-Islam entstehen, ist, dass der andere Islam, also der „Nicht-Euro-Islam“, nicht mit den Werten der Aufklärung kompatibel ist. Denn das ist ja der Grund, aus dem Innenminister Seehofer meint, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, und nur die christlich-jüdische Kultur sei konstituierend für Deutschland. Doch was wüssten wir heute von der griechischen Philosophie, mit anderen Worten: von der abendländischen Tradition, wenn die Vermittlung durch die Araber nicht gewesen wäre? Nehmen wir Aristoteles Staatslehre als Beispiel. Dort, wo es zwischen den Mittelmeerkulturen zum lebendigsten Kontakt kam – in Spanien, auf Sizilien – wurden seit dem Ende des 11. und verstärkt seit der Mitte des 12. Jahrhunderts die bis dahin im christlichen Westen unbekannt gebliebenen Schriften des Aristoteles von muslimischen, christlichen und jüdischen Denkern aus dem Arabischen in die westliche Gelehrtensprache Latein übertragen. Und abgesehen von dem Verdienst, den die Araber sich als Vermittler erworben haben: Die griechische Kultur hat den Islam inspiriert und der Islam hat ihre Ideen weiterentwickelt. Der persische Gelehrte Avicenna, der zu Beginn des 11. Jahrhunderts mit seiner Aristoteles-Rezeption die Grundlagen für eine neue Aristoteles-Diskussion schuf, und der andalusische Philosoph und Mediziner Averroës (1126-1198), der durch seinen Aristoteles-Kommentar großen Einfluss auf die christliche Scholastik ausübte, sind dafür nur die bekanntesten Beispiele. Von christlich-jüdisch-abendländischen Werten zu sprechen und dabei den Islam vollkommen auszuklammern, ist also schlicht Unsinn. Der Islam ist und war schon immer Teil des Abendlandes.
 

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