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Debatte
Die Grenzen der Schwesternschaft – Zur Erinnerung an Fadime Sahindal

Hans Memling. Allegory of Chastity
Hans Memling. Allegory of Chastity (public domain)

Nach dem tragischen Mord an Fadime Sahindal (2002) und dem Eingeständnis der damaligen Ministerin für Integration Mona Sahlin, dass „wir junge Migrantinnen im Stich gelassen haben“, wurden hunderte Millionen Kronen in unzählige Projekte und Weiterbildungen an Behörden und Schulen investiert, um Gewalt im Namen der Ehre zu bekämpfen. 

Von Nicklas Kelemen

Konferenzen, Seminare, Untersuchungen und Studien lösen einander ab. Jetzt, nach siebzehn Jahren massiven Engagements, wäre es angemessen, zu erwarten, dass die Gewalt im Namen der Ehre unter Jugendlichen stark zurückgegangen sei. Doch das Gegenteil ist der Fall: alle Studien zeigen, dass Geschlechtertrennung und Unterdrückung im Namen der Ehre sich weiterhin ausbreiten. Dass die Integrationspolitik den falschen Weg eingeschlagen hat, hätte man schon vor dem Mord an Fadime voraussehen können.
 
Am Abend des 26. April 2001 war der Vorlesungssaal der Hilfsorganisation Rädda Barnen (Save the children) in Stockholm voll besetzt. Interessierte Zuhörer folgten dem Vortrag von Mark Bygdeman, Professor für Gynäkologie, der berichtete, warum er Jungfernhäutchen, die es nicht gibt, „zusammennäht“. Als heimlicher Gast und Ergänzung zu Professor Bygdemans Vortrag trat Fadime auf und erzählte ihre Lebensgeschichte. Als sie, mit den Tränen kämpfend, ihre Rede beendete, erhob sich im erschütterten Publikum der Vorsitzende des Kurdischen Verbundes, bezeichnete Fadime als eine „Verräterin“, die den guten Ruf des kurdischen Volkes beschmutze, und verließ den Saal. Als er gebeten wurde, zurückzukommen, um den Antworten des Panels zuzuhören, bezeichnete er diese als Rassisten und ging hinaus. In dieser angespannten Stimmung wurden vielen klar, dass es schwere interethnische Konflikte zwischen Nationalisten, Traditionalisten und Erneuerern der Kultur gibt; Konflikte, die niemand sehen, und über die niemand sprechen möchte. Wie lange noch sollen Ehrenkulturen die „Gleichberechtigung junger Migrantinnen“ behindern, fragte Fadime ungeduldig. Die Antwort war klar – das liegt in den Händen der Regierung. Sie hat die Wahl, diese Aufgabe in ein paar Jahren zu bewältigen, vorausgesetzt, dass die Politik der Feigheit, die Sahlin so ehrlich beschrieben hat, aufhört. Lässt man doch zu, dass sich die Ethik der Ehre in den stets wachsenden, männlichen, ethnischen Vereinen und Gemeinden, die bei der geringsten Kritik die “Rassistenkarte“ spielen, etabliert, wird der Kampf für Gleichberechtigung zu einem Ewigkeitsprojekt.
 
Mehrere Vorschläge für grundlegende Maßnahmen, um der Gewalt im Namen der Ehre an den Wurzeln beizukommen, sind von einer langen Reihe von Ministern zu den Akten gelegt worden. Wir wollen uns zwei von diesen ins Gedächtnis rufen. Schon 1993 (!) wies die Schriftstellerin und Feministin Eva Moberg auf die Notwendigkeit eines Gesellschaftsvertrages für gerade angekommene Migranten hin. Wenn Menschen aus Diktaturen der Geschlechterapartheid, in denen ein Verstoß gegen das Keuschheitsgebot zur Todesstrafe führen kann, und in denen Feministen und Homosexuelle eingesperrt werden, in ein Land kommen, in dem Homosexuelle in der Kirche heiraten, und Feministen in der Regierung sitzen, dann müssten sie, der Ehrlichkeit halber, darüber informiert werden, dass kulturelle Vielfalt erwünscht ist, doch ohne eine Ethik der Ehre, die die Forderung der vorehelichen Unschuld der Töchter mit der Ehre der Familie verbindet. Die Ethik der Ehre ist nicht genetisch verankert, sie muss an der Grenze zurückgelassen werden, so wie auch westliche Frauen sich moralisch „korrekt“ benehmen, den Bikini zu Hause lassen und ein Kopftuch tragen müssen, wenn sie Theokratien besuchen. Verfechter der Demokratie, die vor der Geschlechterapartheid fliehen, sollten hier ausatmen können und nicht den Kampf gegen Gewalt im Namen der Ehre auch in Schweden fortsetzen müssen. Traditionalisten könnten auch ausatmen, etwas später, wenn sie einsehen, dass die Ethik der Ehre in einer individuumszentrierten Demokratie nicht funktioniert. Heute empfinden viele die Menschen in Schweden als „besessen von der Idee der Gleichberechtigung“ und sehen diese „Besessenheit“ als eine koloniale Attacke auf alte Traditionen. Viele Kinder leiden dann unter Konflikten zwischen Schule und dem häuslichen Umfeld. Dem hätte man vorbeugen können, wenn das Recht der Mädchen auf Liebesbeziehungen unabhängig von Ehe, Religion und Geschlechtszugehörigkeit schon seit zwanzig Jahren das Fundament für einen verbindlichen Gesellschaftsvertrag gewesen wäre. Männer aus Ehrenkulturen können auch denken, sie sollten nicht als minderbegabt behandelt werden.
 
Der zweite Vorschlag – das Einsetzen einer kleinen Expertengruppe, die sich im Auftrag der Regierung mit Normen und Werten im Kinder- und Frauenrecht beschäftigt und dabei besonders ethnische Vereine und Gemeinden, in denen die Jungfräulichkeitsethik kultiviert wird, berücksichtigt – wurde genauso konsequent abgewiesen. Dieses Vorgehen wurde von Kofi Annan befürwortet (9. September 2002, United Nation News) und in Schweden von Rädda Barnens (Save the children) Dialogprogramm aufgenommen; jedenfalls so lange, wie die mutige Vorsitzende Anna Åhnberg die Organisation leitete. Später wurde der Vorschlag, trotz starker Proteste aus der Bewegung, wieder abgeschafft, und man folgte der nachweislich kontraproduktiven Politik der Regierung, sich nicht in andere (Ehren)Kulturen einzumischen. Fadimes Frage, „wie lange müssen wir solche Selbstverständlichkeiten noch vorschlagen?“, hängt noch immer in der Luft. Seit zwanzig Jahren werden Vorschläge für Maßnahmen, die der Gewalt im Namen der Ehre ein Ende setzen könnten, ignoriert. Das ist, als ob man Medikamente ablehnt, ohne sie wenigstens zu testen – eine unseriöse Vogel-Strauß-Politik.
 
Die MeToo-Debatte des vergangenen Jahres hat neue Hoffnung im Kampf gegen die Gewalt entzündet. In einer mehr oder weniger von den Medien beeinflussten Welt ist das Engagement von Hollywood-Stars (Angelina Jolie, Emma Watson, Meryl Streep) für Frauenrechte von großer Bedeutung. Deswegen hatte man hoffen können, dass einer dieser Stars auch an die hunderte Millionen Mädchen denkt, die unter der Kontrolle ihrer Familien und der staatlichen offiziellen Moralpolizei leben. Das angesehene Forschungsinstitut PEW rechnet damit, dass 94% der Menschen in Teilen Asiens und dem gesamten Nahen Osten Beziehungen vor der Ehe verurteilen. In ihrem neuesten Buch, Sex und Lügen, beschreibt Leila Slimani, dass das Verbot von zina (Unzucht) in Marokko – ein im Kontext liberales Land – nicht nur eine moralische, sondern auch eine staatliche Angelegenheit ist, die die Gesellschaft zwingt, in Lüge zu leben. Das Verbot vorehelicher Liebe bringt jedes Jahr tausende Ehrenmorde, Selbstmorde und den Verfall unzähliger Familien mit sich. Doch hat die starke MeToo-Bewegung keine kleine Schwester-MeToo-Bewegung mit dem Slogan „zerstört den Mythos vom Jungfernhäutchen“ hervorgebracht; eine Bewegung, zu der Eva Moberg schon in den 1980-er Jahren aufgerufen hatte. Um eventuellen antifeministischen Reaktionen vorzubeugen, hätte man eine solche in gewisser Hinsicht einseitige MeToo-Kampagne auch ausgewogener gestalten können, indem man auch ein Bruder-MeToo für Jungen lanciert, die auch vergewaltigt werden. Nicht nur von katholischen Priestern, oder im „Bacha bazi“- System (Zwangsprostitution von Jungen in Afghanistan), sondern auch in Sportvereinen und Militärs weltweit.
 
Auch die schwedische MeToo-Bewegung, die von der Regierung unterstützt wird, vergaß, die hunderttausende Jugendlichen, die in Schweden mit Ehrennormen aufwachsen, zu integrieren. Auch prominente schwedische Schauspielerinnen wie Lena Endre, Helena Bergström und andere, die sich in der MeToo-Bewegung engagierten, haben nicht in Gedenken an Fadime eine kleine Schwester-MeToo-Bewegung für „die Gleichberechtigung junger Migrantinnen“ gestartet – z.B. in den hauptsächlich von Migranten bewohnten Stadtteilen Rinkeby, Rosengård oder Bergsjön. Mit der Unterstützung von Kronprinzessin Victoria – die bei Fadimes Beerdigung anwesend war – hätte man vielleicht den massiven Widerstand vieler Regierungen, sich in Ehrenkulturen einzumischen, beeinflussen können, um künftige Begräbnisse, die auf Gewalt im Namen der Ehre zurückzuführen sind, zu vermeiden. Der Außenminister der feministischen Regierung hätte in der UNO auch eine Schwester-MeToo-Bewegung gegen Genitalverstümmelung lancieren können, was ca. 200 Millionen Mädchen betrifft, und eine weitere, kleine MeToo-Bewegung gegen Kinderehen, wovon über 700 Millionen Jugendliche betroffen sind. Nein, gegen eine, wie die islamische Feministin Mona Elthaway sagt, „toxic mixture of culture and religion“ anzugehen, das wollte man auch nicht. Da geht die Grenze der Schwesternschaft. Ein Teufelskreis?
 
Politik heißt: etwas wollen, sagte Olof Palme. Aber nicht zu wollen, ist auch Politik. Um die „Rassistenkarte“ um jeden Preis zu vermeiden, weigert man sich, sich in die Kultur „der Anderen“ einzumischen. Das hat der Gesellschaft unzählige Tragödien, die Entstehung von Parallelgesellschaften und von Jihadismus gekostet, was wiederum mehr Fremdenfeindlichkeit generiert hat. Die betroffenen Jugendlichen müssen weiterhin auf einen Ministerpräsidenten warten, der darauf achtet, dass – auch in der Praxis – Menschenrechte Vorrang vor religiösen und kulturellen Rechten haben. Siebzehn Jahre nach Fadimes Tod scheint dies ein Warten auf Godot zu sein.
 
 
Der Vorstand des Netzwerkes gegen Ehrengewalt 

Samiran Ishak, Sozialpädagogin
Seyran Duran, Vorsitzende des Frauenverbandes Kurdistans
Maria Rashidi, Vorsitzende des Vereins Recht der Frauen
Ida Lind, Zahnmedizinische Fachangestellte
Nicklas Kelemen, Ethnologe

Quelle: Göteborgs-Posten, 21.01.2019 

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