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Scheidungsprozess
​Unabhängig vor und nach der Ehe – Ostdeutsche Frauen im Scheidungsprozess

Eine Hochzeitsgesellschaft vor dem Standesamt in Leipzig 1985.
Eine Hochzeitsgesellschaft vor dem Standesamt in Leipzig 1985. Eheschließungen aber auch Scheidungen waren in der DDR schnell vollzogen. Das ausgeprägte Unabhängigkeitsdenken ostdeutscher Frauen blieb über den Umbruch 89/90 bestehen und beeinflusste auch die westdeutsche Gesellschaft. | Fotograf: Mahmoud Dabdoub

Der Umbruch 1989/90 brachte für Ostdeutsche in politischer, wirtschaftlicher und auch juristischer Hinsicht erhebliche Veränderungen mit sich. In der Scheidungspraxis sollten sich Ostdeutsche ebenfalls einem neuen Rechtssystem anpassen. Sie brachten jedoch eigene Prägungen in die vereinigte Gesellschaft mit. Dies wird im Scheidungsgeschehen besonders anhand des nachhaltig bestehenden Unabhängigkeitsdenkens ostdeutscher Frauen deutlich.[1]

Von Anja Schröter

Ostdeutsche Scheidungswillige, deren Frauen- und Familienbild von den Idealen der sozialistischen Gesellschaft der DDR geprägt worden war, trafen mit der Überleitung des bundesdeutschen Rechtssystems am 3. Oktober 1990 auf ein Familienrecht mit anderen prozessualen Abläufen und inhaltlichen Bestimmungen, die von der bürgerlichen Tradition des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) bestimmt waren. So waren Richter, anders als in der DDR, nicht mehr Krisenmanager im eigentlichen Ehekonflikt, dessen Entstehung und Beseitigung im Fokus der Scheidungsverhandlung gestanden hatte. Die Richter fungierten nun als Verwalter des Ehekonkurses[2]. Statt lang- und kurzfristiger Gründe für das Scheidungsbegehren, war nun eine formelle Trennungsfrist entscheidend. Dies bedeutete auch ungewohnt lange Wartezeiten vom Entschluss zur Scheidung bis zum tatsächlichen Termin. Zudem standen nun ökonomische Fragen und somit die Auflösung der wirtschaftlichen Gemeinschaft Ehe im Mittelpunkt des Verfahrens.

Das irritierte Ostdeutsche besonders im Bereich des Ehegattenunterhalts.[3] Im sozialistischen Familienrecht waren geschiedenen Ehepartnern nur sehr selten Unterhaltszahlungen zugesprochen worden – in den letzten Jahren der DDR nur in 3 % der Fälle. Das fußte darauf, dass im Zuge der „Emanzipation von oben“ in der DDR eine umfängliche Erwerbstätigkeit der Frauen befördert worden war. Ein ostdeutscher Richter erinnert sich:

„So ne Scheidung war ja auch nich mit irgendwie jetzt im eigentlichen Sinne mit 'nem Nachteil verbunden. Zum Beispiel wenn Frauen geschieden wurden, die waren ja zu 90 % alle berufstätig, die haben ja weiter gearbeitet. Es gab ja dann nicht irgendwelche Nachteile jetzt, dass sie also finanziell abhängig gewesen wären von dem ehemaligen Ehepartner dann oder so und die haben es dann auch durchgezogen“.[4]

Mit der Scheidung zogen die Geschiedenen also nicht nur in emotionaler, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht einen Schlussstrich. Diese Prägungen aus der sozialistischen Gesellschaft verstetigten ein Unabhängigkeitsdenken, dass auch nach 1990 fortbestand. Das bundesdeutsche Scheidungsrecht ermöglichte es der geringer verdienenden bzw. nicht erwerbstätige Frau, ihren Lebensstandard auch im Scheidungsfall aufrechtzuerhalten. Eine westdeutsche Anwältin beobachtete jedoch, dass „die eigene Berufstätigkeit und das Selbstverständnis der ostdeutschen Frauen die Inanspruchnahme von Ehegattenunterhalt hinten anstellte“.[5]

Noch im Jahr 2000 und darüber hinaus  war die Bereitschaft ostdeutscher Frauen mehr Stunden bzw. Vollzeit arbeiten zu gehen, deutlich höher als  die  westdeutscher. Ostdeutsche Frauen machten deutlich seltener Ehegattenunterhalt zum Gegenstand ihres Scheidungsverfahrens. Dieser Trend ist bis heute auffällig und war bereits in den 1990er Jahren der gesamtdeutschen Unterhaltsreform von 2008 voraus, die die bisherigen Spielräume des BGB, Unterhalt zu verlangen, einengte.[6] Hier hatte laut einer Anwältin „die gesamtdeutsche Wirklichkeit […] also den Westen eingeholt“.[7] Das Unabhängigkeitsdenken ostdeutscher Frauen war nicht nur erhalten geblieben, es brachte auch einen Transfer von Ost nach West mit sich. Die hohe Erwerbsneigung ostdeutscher Frauen und die mit dem ostdeutschen Kinderbetreuungssystem – bei allen Schwierigkeiten – etablierte Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurden laut einer Studie aus dem Jahr 2015 in Ost und West als wichtiger Impuls und Gleichstellungsgewinn für die gesamtdeutsche Gesellschaft anerkannt.[8] Eine westdeutsche Richterin weist darauf hin, es sei für Frauen aus der DDR selbstverständlich gewesen, dass die Kinder in die Krippe bzw. den Kindergarten gehen. In den ‚alten Bundesländern‘ zeige sich, „wie zeitversetzt dieser Bewusstseinswandel kommt“.[9] Der Beitritt hatte einen Selbstverständigungsprozess und damit eine Modernisierung des westdeutschen Frauenleitbildes befördert.[10]

Diese kurzen Einblicke machen deutlich, dass in Hinblick auf die ostdeutsche Transformation nicht nur Anpassungsleistungen zu vollziehen waren, sondern Einstellungs- und Verhaltensmuster unter gesamtdeutschen Bedingungen nachhaltig wirkten und zu Eigenlogiken in der Rechtsanwendung führten. Dies prägte die ostdeutsche Scheidungsrechtskultur und zeigt zugleich, dass es sich beim Vereinigungsprozess nicht lediglich um einen Transfer von West nach Ost – nicht um eine Einbahnstraße – handelte. Ostdeutsche Impulse wirkten auch auf die Vereinigungsgesellschaft.
 

[1] Da nur wenige Aspekte angerissen werden können, sei hier und im Folgenden auf die Dissertation der Verfasserin verwiesen „Ostdeutsche Ehen vor Gericht. Scheidungspraxis im Umbruch 1980–2000“, die 2018 im Ch. Links Verlag erschienen ist.
[2] Vgl. Bernhard Klose: Ehescheidung und Ehescheidungsrecht in der DDR – ein ostdeutscher Sonderweg?, Baden-Baden 1996, S. 103.
[3] Dies trifft auch auf den so genannten Versorgungsausgleich zu, den das sozialistische Recht nicht kannte. Er war ebenfalls vom westdeutschen Ernährer-Leitbild geprägt und sollte etwa die nicht erwerbstätigen Hausfrauen im Alter auch im Scheidungsfall durch Rentenanteile ihres Ex-Ehemannes absichern.
[4] Stefan Grelow: Interview vom 29.4.2013 in Leegau, Teiltranskript und Audiodatei im Privatarchiv A. Schröter S. 6.
[5] Dorothea Hecht: Ehegattenunterhalt in den neuen Bundesländern aus praktischer Sicht, in: Sabine Berghahn (Hg.): Unterhalt und Existenzsicherung. Recht und Wirklichkeit in Deutschland, Baden-Baden 2007, S. 191.
[6] Eigene Berechnung basiert auf Werten aus den Jahresberichten 1993 bis 2000 zu den Familiengerichten, herausgegeben vom Statistischen Bundesamt, Wiesbaden 1996 bis 2001 sowie Statistisches Bundesamt (Hg.), 2014: Fachserie 10, Reihe 2.2 Familiengerichte 2012, Wiesbaden 2014.
[7] Marie Bergmann: Interview vom 23.5.2013. Transkript und Audiodatei im Privatarchiv A. Schröter, S. 2.
[8] Vgl. Carsten Wippermann: 25 Jahre Deutsche Einheit. Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit in Ostdeutschland und Westdeutschland, hrsg. v. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2015, http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/25-Jahre-Deutsche-Einheit-Gleichstellung-und-Geschlechtergerechtigkeit-in-Ostdeutschland-und-
Westdeutschland,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf
, Zugriff am 21.10.2015, S. 11-16.
[9] Hanna Nordmann: Interview vom 13.5.2013 in Hornstädt. Transkript und Audiodatei im Privatarchiv A.
Schröter, S. 14–15.
[10] Vgl.  Anna Kaminsky: Frauen in der DDR, Berlin 2016, S. 21.

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