Ralf Rothmann im Gespräch Wenn beim Schreiben Funken fliegen

Ralf Rothmanns literarisches Schaffen ist vielfach ausgezeichnet worden, zuletzt im Februar 2013 mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Im Gespräch verrät er, wie seine Texte aus einer inneren Notwendigkeit heraus entstehen und ihn bisweilen selbst staunen lassen.

Ralf Rothmann; © Heike Steinweg / Suhrkamp Verlag Ralf Rothmann | © Heike Steinweg / Suhrkamp Verlag Herr Rothmann, was bedeutet Schreiben für Sie?

Zunächst einmal Arbeit mit Sprache. Das klingt nüchterner, als es in der Praxis ist, denn in der Auseinandersetzung zwischen dem, was mir vorschwebt, und dem, was die Sprache will, können die schönsten Funken fliegen. – Und außerdem ist Schreiben immer auch ein Kampf gegen die eigene Dummheit.

Und was bedeutet Lesen?

Reines Glück – wenn es sich wirklich um Literatur handelt, also nicht schon wieder eine Meinung unter unzähligen anderen ist, wenn der Text mich zum Mitfühlenden oder Bewundernden macht und mir womöglich hilft auf meinem Weg. Letzteres mag ein wenig verpönt sein, doch Literatur ist immer auch Lebenshilfe, unabhängig von den Inhalten, allein durch ihre Qualität.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Über das Lesen, vor allem nach der Lektüre von Hermann Hesses Büchern in meiner Jugend. Dieses klare Morgenlicht in seinen Sätzen, dieser lächelnde Ernst und das erfrischend Undeutsche – in einem Deutsch, das eleganter und gelenkiger nicht sein könnte! Da gab es dann irgendwann den Impuls: So etwas möchte ich – auf meine Weise – auch machen.

Wenn Sie Ihren Weg vom Maurer zum Schriftsteller mit dem von jungen Leuten vergleichen, die heute „Literarisches Schreiben“ studieren ...

Ich kenne niemanden, der das studiert hat. Es mag helfen, aber ich glaube, die fürs Schreiben relevanten Erfahrungen macht man nicht in Seminaren, auch nicht, was die Fertigkeiten betrifft. Das Handwerkliche ist ja niemals losgelöst von der inneren Notwendigkeit eines Autors, von seiner Leidenschaft und seinem Geheimnis, und wenn Ihnen beigebracht wird, wie man eine gute Kurzgeschichte baut, kann dieses Wissen die Ihnen gemäße Art des Ausdrucks womöglich beschädigen. Und dann müssen Sie sich wieder mühsam freischaufeln von den Regeln. – Sich an die Autobahn zu stellen und quer durch Mexiko zu trampen, ist da wohl die bessere Schule.

Ihre Veröffentlichungen umfassen vor allem Romane und Erzählungen, aber auch Gedichte und ein Schauspiel. Liegt Ihnen eine Form besonders nahe?

Nein, denn jedes Thema bringt seine eigene Form mit. Man schreibt halt, was anliegt, anklopft oder unter den Nägeln brennt, und vertraut im Übrigen der Sprache, ihrem musikalischen Geist. Alle ihre Teile – Klang, Rhythmus, Farben, Sinn, Unsinn und grammatische Struktur – haben das natürliche Bestreben, eine Ganzheit hervorzubringen. Und ob die dann Lyrik oder Prosa heißt – who cares?

Die Charakterisierungen Ihrer Rezensenten reichen von „Christologe“ über „Sozialromantiker“ hin zu „Meisterspion fremden Innenlebens“. Gerühmt wird Ihre erzählerische Virtuosität, Ihre Präzision, Ihre Menschenliebe. Sie seien ein Autor, der „auf den Moment zielt und das Universelle trifft“. Finden Sie sich in solchen Beschreibungen wieder?

Nicht wirklich, und ich will es auch gar nicht. Ich mache einfach nur meine Arbeit, verhelfe meinen Erfahrungen zu ihrem Ausdruck und den Dingen zu ihrem Anblick und staune immer wieder selbst, was am Ende dabei herauskommt. Denn das ist ja oft das Schöne, das Wunderbare beim Schreiben: Man wird im Verlauf der Arbeit beschenkt mit etwas, das weit über das hinausgeht, was man sich vorgestellt hat.

Wie würden Sie die Haltung charakterisieren, aus der heraus Sie schreiben?

Ganz einfach: Freude bereiten, Freude gewinnen.

Immer wieder tauchen Tiere in Ihren Texten auf. Welche Rolle spielen sie dort für Sie?

Keine Ahnung, sie sind halt da, wie auf der Straße oder im Wald. Ist das denn so außergewöhnlich? Neulich las ich eine Erzählung von Carson McCullers, da steht ein Mann am Fenster und sieht, wie ein Hund rückwärts vorbeiläuft. Rückwärts! Und kein Mensch findet das erwähnenswert. Aber wenn ich einen Hund vorwärts durchs Bild laufen lasse, fragt mich jeder, was das bedeuten soll ...

Ihr jüngster Erzählband trägt den Titel „Shakespeares Hühner“. Diese Formulierung legen Sie einer Ihrer Figuren in den Mund, als sie über Shakespeare nachdenkt: „Verglichen mit den Sorgen und Nöten seiner finsteren Gestalten sind wir eigentlich nur Hühner, oder?“ Halten Sie literarische Figuren auch für spannender als Menschen?

Na, dann wäre ich vermutlich kein Schriftsteller ... Literarische Figuren sind nur die Wasserzeichen unserer Wünsche, Ängste und Möglichkeiten und helfen uns, die eigene Kontur nachzuziehen. Das junge Mädchen, das den Satz sagt, findet gerade seine Richtung im Leben, und dafür hat es sich nicht die schlechteste Lektüre ausgesucht. Wenn ich mich auf dem Laufenden halten will, wenn ich wissen möchte, wie es um die Menschenwelt beschaffen ist, sehe ich mir keine Nachrichten oder Politmagazine an. Dann höre ich Mozart oder lese Shakespeare.

Verraten Sie uns, woran Sie gerade arbeiten?

Wenn es denn gelingt, könnte es ein Roman über meinen Vater werden. Den wollte ich schon vor zwölf Jahren schreiben, aber dann ist es – ihrer dominanten Natur entsprechend – ein Roman über meine Mutter geworden. Also, auf ein Neues!