Kulturszene

Theatermachen während der syrischen Revolution – Wael Kadour im Gespräch

Wael Kadour | Foto (Ausschnitt): privat

Der aus Syrien stammende Theaterautor und Dramaturg Wael Kadour bringt in seinen Stücken die syrische Realität und sozialen Spannungen zur Sprache, die im Mittleren Osten greifbar sind. Nachdem er 2015 als Flüchtling nach Frankreich kam, ist er heute in französischen, deutschen und internationalen Projekten engagiert.

Herr Kadour, wo sind Sie aufgewachsen?

Ich wurde 1981 in Damaskus geboren. Meine Eltern hatten keinerlei Theaterkenntnis: Ich komme aus einer ziemlich konservativen und gläubigen Familie. Mein Vater war Fahrer, meine Mutter Krankenschwester und dann Hausfrau und ich bin mit zwei Brüdern und einer Schwester aufgewachsen — eine typische Situation der Mittelklasse. Meine Eltern waren nach Damaskus gekommen um dort zu arbeiten und haben dort geheiratet, aber beide kamen aus einem Dorf vom Land ungefähr hundert Kilometer entfernt. Dieses Dorf ist auch Teil meiner Wurzeln, ich bin sehr oft dort gewesen, auch wenn ich die meiste Zeit meines Lebens in der Stadt verbracht habe.

Wie sah die Theaterausbildung in Damaskus aus?

Mein Studium in Theater und Kritik war sehr theoretisch, wir hatten aber auch Zugang zur praktischen Seite: Wir haben an Projekten mit Studenten aus anderen Studiengängen zusammengearbeitet und sind sehr häufig zu Theateraufführungen gegangen. In Syrien habe ich zehn Jahre lang im Theater gearbeitet. Dieses Jahrzehnt hat sich auch als ein sehr wichtiges für das Land erwiesen, da vor dem Jahr 2000 die Theaterszene vom Ministerium für Kultur dominiert und gänzlich durch staatliche Förderungen finanziert wurde. Als meine Freunde und ich 2005 unser Diplom abgeschlossen hatten, konnten wir dennoch von einer neuen Öffnung profitieren, die meiner Generation ein eigenverantwortliches Arbeiten ermöglichte. Wir konnten Fördermittel bekommen, nicht zuletzt kleine, regionale Beihilfen von verschiedenen Einrichtungen. Wir hatten zahlreiche Gründe nicht mit dem Ministerium für Kultur arbeiten zu wollen —Verwaltungsaufwand, Zensur, niedrige Gehälter — die Bedingungen für künstlerische Arbeit waren nicht günstig.

Unterlagen Sie trotzdem der Zensur?

Ja, was Publikationen und öffentliche Lesungen angeht. Ich musste meine Stücke vorlegen. Es ist trotzdem ganz gut für mich gelaufen: Es gab auch zu dieser Zeit in diesem Bereich eine Öffnung, die Zensur war ein bisschen weniger streng.

Welche Themen bevorzugten Sie während dieser Zeit?

Ich habe zwei Stücke vor der Revolution geschrieben: Le Virus und Hors de contrôle. Beide beschäftigen sich mit Angst, sozialer Angst und der Mittelklasse: In Hors de contrôle geht es um Ehrenmorde, die im Mittleren Osten stattfanden, sowohl in Syrien, als auch im Libanon: Es ist die Geschichte eines jungen Mannes vom Land auf dem Weg in die Stadt um dort seine Schwester zu suchen und zu töten, weil sie einen Mann geheiratet hat, der einer anderen Religion angehört. Das Stück beschreibt seine Reise während er Damaskus zum ersten Mal entdeckt. Unsere Gesetze bestraften diese Art von Verbrechen in der Regel nicht, solange der Anwalt beweisen kann, dass sie auf Ehre gründet: Die Schuldigen verbrachten nur zwischen sechs Monaten und drei Jahren im Gefängnis.

Hatten Ihre Stücke ein politisches Ziel?

Ganz allgemein konzentrierte ich mich vor der Revolution eher auf soziale, als auf politische Fragen. Doch wenn man heute meine Stücke liest, kann man die damaligen politischen Umstände erkennen und sie analysieren. Es waren wirklich einfache Geschichten, mit Figuren die von Liebe, Hass und gesellschaftlichen Faktoren ergriffen waren, die aber auch eine unterschwellige politische Dimension hatten.

Hatten Sie vor der Revolution den Eindruck, dass das unabhängige Theater ein Publikum fand?

Allgemein gesehen hatte die Kulturszene in Damaskus nicht sehr viel zu bieten. Wir hatten nur drei oder vier Theater, mit Aufführungen, die nur während einer, zwei, höchstens drei Wochen gespielt wurden. Die Anzahl der professionellen Theaterleute und Kulturakteure war sehr gering und das Publikum war auch sehr begrenzt. Man sah oft dieselben Gesichter. Dann wurde Damaskus 2008 zur arabischen Kulturhauptstadt gewählt, ein nationales Ereignis. Sehr große finanzielle Mittel wurden für das Jahr bereitgestellt, ein Ausschuss für die Organisation wurde eingesetzt, ohne die Intervention des Ministeriums für Kultur. Wir haben mit diesem Ausschuss gearbeitet und erhielten Fördermittel. Das Regime wollte der ganzen Welt zeigen, dass es in Syrien eine künstlerisch dynamische Kulturszene gab. 2008 wurden auf einmal Hunderte von Konzerten, Ausstellungen, Aufführungen und Filmen gezeigt… Es war zum Teil nur Attrappe, und nach 2008 war alles verschwunden. Es gab keine längerfristige Perspektive.

Wie hat das Publikum auf die Flut der neuen Stücke der Jahre 2000 reagiert?

Wir sind beobachtet, manchmal auch angegriffen worden. Wenn ich heute daran zurückdenke, glaube ich, dass das vielleicht ein Indikator für grundlegendere gesellschaftliche Veränderungen war. Es ist ja kein Zufall, dass wir zehn Jahre vor der Revolution angefangen haben zu schreiben. Als wir entschieden haben, neue Stücke über Syrien zu verfassen, hier und jetzt, waren wir das Resultat eines langen sozialen und politischen Prozesses, aber das war uns in diesem Moment noch nicht bewusst.

Hat die Revolution Sie überrascht?

Ich kann sagen dass alle überrascht waren, aber gleichzeitig gab es eine Form der Zustimmung für die Notwendigkeit einer Revolution. Wir waren kein säkulares Land, was auch immer Bashar al-Assad und sein Vater zu sagen pflegten. Gewiss hatte unser Präsident sein Studium in Großbritannien absolviert, seinen Bart rasiert, sprach Fremdsprachen, aber währenddessen hat das Regime auch kein einziges Theater gebaut. Sie haben nur den Bau von immer mehr Moscheen erlaubt. Durch ein unzureichendes Bildungswesen haben sie die Verbreitung der Unwissenheit zugelassen. Ich habe die staatliche Schule durchlaufen, und das war kein gesunder Ort um seine Kinder dort hinzuschicken. Nach der Revolution hat Bashar versucht die Welt davon zu überzeugen, dass er den Terrorismus bekämpfe. Die Europäer haben heute Angst vor Daesh und ich habe auch Angst davor, aber man darf nicht vergessen, dass alles nach und nach passiert ist, über lange Jahre hinweg, damit Syrien eine Brutstätte für Islamisten, Extremisten und Unwissende wird. Als die Revolution anfing, waren wir nur friedliche Demonstranten auf der Straße; heute haben wir immer noch eine Diktatur, wobei zahlreiche extremistische Gruppen dazukommen.

Hat das Theater zu Beginn der Revolution eine Rolle gespielt?

In den Zonen die vom Regime kontrolliert wurden, nein. Als die Revolution anfing, arbeitete ich gerade an einem Stück von Beckett, Ohio Impromptu, und wir haben weitergemacht. Aber 2011 und 2012 haben viele Leute in den befreiten Zonen Theaterformen hervorgebracht. Sie haben Geschichten erfunden, die in direktem Zusammenhang mit der Revolution standen. Sie wollten einfach ihre Geschichten erzählen, vom Regime sprechen. Ich habe diese Zonen nie erreicht, weil ich flüchten musste: Mein Militärdienst kam immer näher, ich hätte auf Seiten des Regimes kämpfen müssen und hatte große Angst. Die Revolution begann im März, im November bin ich nach Jordanien gegangen und meine Frau kam zwei Wochen später nach.

Sie haben mit Flüchtlingen an Theaterprojekten gearbeitet. Wie entstanden diese Projekte?

Die NROs hatten mich beauftragt, Workshops für Flüchtlinge zu organisieren, insbesondere für Kinder und Jugendliche — entweder in den Lagern, oder auch außerhalb. Ich habe auch manchmal aus eigener Initiative gearbeitet, zugleich an syrischen und jordanischen Projekten. Ich habe versucht mit beiden Gruppen zu arbeiten, da ich nicht als Opfer dastehen wollte. Wir haben voneinander gelernt, aber auf gesetzlicher Ebene war es sehr kompliziert, da ich nie eine Arbeitserlaubnis erhalten habe. Ich habe die Unterlagen dreimal eingereicht, aber sie wurden immer ohne Erklärung abgelehnt. Syrer mit Arbeitserlaubnis gab es in Jordanien nur sehr selten.

Wie wurde das Theater in diesem Zusammenhang aufgenommen?

Ich wollte vor allem den Syrern und der lokalen Bevölkerung helfen miteinander zu leben. Ich bin der Ansicht, dass Theater den Menschen helfen kann sich zu verstehen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt gab es wirklichen Hass zwischen der Bevölkerung und den Flüchtlingen. Alle waren arm und die Jordanier wollten nicht, dass die Syrer ihnen Arbeit wegnehmen. Ich habe den Ansatz vom « Theater der Unterdrückten » von Gustavo Boal benutzt, dem bekannten brasilianischen Theaterregisseur. Wir haben interaktives Theater und Spiele organisiert und haben zusammen geschrieben, damit alle sich wohlfühlen und auch Vertrauen zueinander haben konnten. Aus dieser Arbeit haben sich viele Freundschaften entwickelt. Sie war ein Mittel der Integration.

Hat diese Zeit Sie als Autor verändert?

Natürlich. Ich konzentriere mich weiterhin auf soziale Geschichten, aber die dramaturgische Bearbeitung ist vollkommen anders. Meine Arbeit hat an Tiefe und an Verständnis der Zusammenhänge gewonnen. Ich musste meine Wahrnehmung der syrischen Identität, und den genauen Sinn dieser Identität, neu bewerten.

Wie sind Sie nach Frankreich gekommen?

Als wir 2014 erfahren haben, dass meine Frau schwanger war, ist uns bewusst geworden, dass es nicht die beste Chance für unser Baby war im Mittleren Osten zu bleiben. Diese Entscheidung haben wir mit großer innerer Bewegung getroffen und haben dann einen Asylantrag aus humanitären Gründen bei der französischen Botschaft in Jordanien eingereicht. Zu diesem Zeitpunkt nahmen nur die französischen und australischen Botschaften Asylanträge an. Es ist viel Zeit verstrichen, ungefähr eineinhalb Jahre, bis eine Antwort kam. Plötzlich im November 2015 haben sie uns angerufen, um uns mitzuteilen, dass unser Antrag angenommen worden war und auch um zu fragen, wann genau wir Jordanien verlassen wollten. Wir hatten einen Monat um uns vorzubereiten. Das war wirklich verrückt.

Haben Sie seit Ihrer Ankunft in Frankreich arbeiten können?

Noch nicht, aber meine Frau und ich arbeiten trotzdem: Wir übersetzen online und ich arbeite weiterhin in der Kommunikation für eine syrische Kulturinstitution in Beirut. In Frankreich muss ich zuerst die Sprache lernen, aber eines meiner Stücke, Les Petites chambres, war vor drei Jahren ins Französische übersetzt und veröffentlicht worden. Lesungen in Frankreich hatten stattgefunden und als ich ankam, kannte ich schon einige Theater und Festivals. Meine Übersetzer leben auch in Frankreich und ich hatte Gelegenheit sie kennenzulernen. Die Maison Antoine Vitez hat sie mit der Übersetzung eines anderen Stückes, L’Aveu, beauftragt. Das Goethe-Institut München hat auch eine Übersetzung ins Deutsche in Auftrag gegeben und hat sie im November 2015 vorgestellt.

Europa hat eine Welle der Flüchtlingsfeindlichkeit erlebt. Haben Sie das gespürt?

Noch nicht. Auf persönlicher Ebene ist alles sehr positiv gewesen. Wir sind besorgt, was wohl nach der Präsidentschaftswahl passieren wird — so wie die Franzosen auch. Sogar der linke Flügel bewegt sich allmählich nach rechts, Jahr für Jahr. Ich habe auch keine Antwort: Vielleicht muss man mehr kommunizieren, zusammenarbeiten, wir müssen uns gegenseitig besser zuhören.

Arbeiten Sie an neuen Stücken?

Ich fange an. Im Februar-März habe ich mit einem französisch-syrischen Theaterregisseur zusammengearbeitet, der in Marseille lebt: Wir haben mit sieben syrischen Frauen gearbeitet, die alle während der Revolution in Syrien waren. Der Regisseur hatte sie vor drei oder vier Jahren in der Türkei in einem Lager kennengelernt und hat den Kontakt seither aufrecht erhalten. Sie leben seither in verschiedenen Ländern, Frankreich, Deutschland oder der Türkei und sind eingeladen worden, an einem einmonatigen Workshop teilzunehmen. Einige unter ihnen sind gläubig, andere sind es nicht, manche tragen den Hijab, andere nicht… Ich habe als Dramaturg mit ihnen gearbeitet und ich werde ein Drehbuch schreiben, damit es inszeniert wird, vielleicht mit professionellen Schauspielern. Ich werde auch als Dramaturg an einem neuen Stück von Mudar Alhaggi arbeiten, Your Love is Fire, welches im Mai 2017 im Festival Recklinghausen aufgeführt wird.

Wie ist die Reaktion des europäischen Publikums auf das syrische Theater Ihrer Erfahrung nach?

Die meisten Zuschauer richten den Blick eher auf die politischen Fragen als auf die künstlerische Dimension. Sie fürchten sich vor Daesh und fragen mich: Was würde passieren, wenn Assad ginge? Sie reden mich an wie einen Politiker. Das ist total verständlich und ich versuche auch zu antworten, aber ich bin eben nur ein Theaterautor. Ich kann von meiner eigenen Erfahrung erzählen und ich kann nur sagen, wenn es Extremisten in Syrien gibt, dann liegt es am Regime. Da bin ich sicher. Im ersten Jahr der Revolution hat die Regierung Hunderte von Extremisten aus den Gefängnissen entlassen. Das Regime hat das Monster genährt.

Wie gehen Sie als Autor und Dramaturg mit diesen Erwartungen um?

Man muss die Stereotypen in Frage stellen. Jeder hat Gemeinplätze, Klischees im Kopf und es ist wichtig einen anderen Teil der Geschichte zu erzählen, mutig zu sein, zu hinterfragen anstatt die alten Antworten zu geben. Das ist der eigentliche Sinn der Kunst: zu hinterfragen.



Laura Cappelle führte das Gespräch. Sie ist Journalistin und Soziologin. Sie schreibt über den Tanz und das Theater in Frankreich und in Europa für die „Financial Times“, „La Terrasse“ und andere Fachmagazine.

Übersetzung: Katharina Bader
Copyright: Goethe-Institut Frankreich
April 2017

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