Kulturszene

Integration handfest - Der Architektenfahrplan Berlin

Architektenfahrplan Berlin, 2017, Foto: Bernhard Ludewig © Goethe-Institut

Informationen sind essentiell, um an einem fremden Ort und in einer fremden Sprache den Beruf wiederaufzunehmen oder das Studium fortzusetzen. Mit dem „Architektenfahrplan Berlin“ gibt es eine Zusammenstellung aller wesentlichen Anlaufstellen für neuankommende Architektinnen und Architekten.

Was braucht man, um an einem fremden Ort und in einer fremden Sprache, den Beruf wieder aufzunehmen oder das Studium fortzusetzen? Zuallererst: Informationen! Wo und wie kann die Berufsausbildung anerkannt werden, wie findet man Arbeit, welche Voraussetzungen sind nötig, um das Studium fortzuführen, gibt es möglicherweise Stipendien, aber auch: wo kann man Berufskolleginnen und -kollegen treffen, welche Veranstaltungen gibt es? Dass es nun mit dem „Architektenfahrplan Berlin“ eine Zusammenstellung aller wesentlichen Anlaufstellen für neuankommende Architektinnen und Architekten gibt, geht auf eine Initiative des Goethe-Instituts zurück. Im Rahmen von „Goethe-Institut Damaskus | Im Exil“ im Herbst 2016 hatten sich deutsche und syrische Architekturschaffende und Planer zu einem Workshop getroffen, um herauszufinden, was es braucht, um die Integration in das Berufsleben – und damit in die Gesellschaft – zu gestalten. Der schnelle Zugang zu Informationen wurde dabei ebenso wichtig erachtet wie ein dazugehöriges Wörterbuch für berufsspezifisches Vokabular.

Vernetzung als Grundlage

60 Einträge in fünf Kategorien, vom Jobcenter bis zur Fachbuchhandlung, von den Architekturfakultäten bis zu allgemeinen Beratungsstellen für Geflüchtete und Stipendiengebern sind in den drei Sprachen deutsch, englisch und arabisch auf dem Plan erfasst. Grafisch basiert dieser auf dem Berliner U-Bahn-Plan. Die Vernetzung – Grundlage jedes funktionierenden öffentlichen Nahverkehrs – liegt auch dem „Architektenfahrplan“ zugrunde. Und so diente dessen Launch im November 2017 ebenso zur Stärkung des Netzwerkes der beteiligten Institutionen, Vereine oder Beratungsstellen. „In Berlin sind die Initiativen für Geflüchtete vielfältig, bislang sind sie jedoch untereinander nicht vernetzt. Der Architektenfahrplan trägt dazu bei, die Strukturen und wer wie helfen kann zu verstehen“, erläutert der deutsch-syrische Architekt und Mitinitiator des Fahrplans Yasser Shretah.

Die Entwicklung ist noch nicht am Ende

Nach der Initialzündung durch das Goethe-Institut (und Finanzierung durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit) gilt es, das durch das gemeinsame Erarbeiten der Inhalte entstandene Potenzial weiter auszuschöpfen: etwa durch eine mit Hilfe von Erfahrungsberichten überarbeitete zweite Fassung, oder durch Unterstützung bei der Erstellung weiterer „Architektenfahrpläne“ – einige Länderkammern haben bereits Interesse signalisiert. Die Architektenkammer Berlin ist bereit, die Initiative fortzuführen, unter anderem mit der Adaption ihrer bewährten Seminarreihe „Der Weg zum Bauwerk“ für neuankommende Architektinnen und Architekten. Neben der Vermittlung der Systematik des Planens und Bauens in Deutschland soll hierbei auch fachsprachlicher Unterricht (Deutsch für Architektinnen und Architekten) integriert werden. Yasser Shretah, der sowohl in Damaskus wie in Berlin studiert hat, bestätigt unterschiedliche Arbeitsweisen von Architekten in Syrien und Deutschland. Besonders mit den deutschen Standards müssten die syrischen Architektinnen und Architekten sich vertraut machen: „Aber wenn sie eine Chance erhalten und ein wenig Zeit, dann klappt die Integration in das Berufsleben meist sehr gut.“

Gemeinsamkeiten als Basis für Integration

Dass jedoch das Verständnis von Städtebau und Architektur in Syrien und Deutschland auf einer gemeinsamen Basis beruhen, erläuterte Hilmar von Lojewski, der von 2007 bis 2010 für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit tätig war und in Syrien das Programm für Nachhaltige Stadtentwicklung leitete, im Rahmen der Vorstellung des Projekts: „Die traditionelle arabische Stadt kann durchaus als die bessere europäische Stadt gelten – Dichte, Durchmischung, kurze Wege suchen ihresgleichen.“ Zwar kann er in seiner derzeitigen Funktion als Leiter des Dezernats Stadtentwicklung, Bauen, Wohnen und Verkehr beim Deutschen Städtetag keine aktive Unterstützung bei der beruflichen Integration anbieten, jedoch „den Boden bereiten, dass sich kommunale Verwaltungen öffnen für syrische Planerinnen und Planer.“

Hilfe zur Integration ist keine Einbahnstraße. In Zeiten, in denen Architektinnen und Architekten händeringend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter suchen, trifft das Engagement, das dem Fahrplan zugrunde liegt, auf fruchtbaren Boden – für geflüchtete Fachkräfte aus Syrien (oder Neuankommende aus anderen Ländern) ebenso wie für Berliner Architekturbüros. Die große Herausforderung, vor die uns die so genannte Flüchtlingskrise gestellt hat, heißt soziale und somit auch berufliche Integration. Dazu könnte gerade der Berufsstand der Architektenschaft und Planer, dessen Basis die universelle Sprache der Zeichnung ist, und der von kulturellem Austausch lebt und profitiert, einen guten Beitrag leisten. Der Architektenfahrplan und das Wörterbuch sind ganz handfeste Werkzeuge dafür.

Dagmar Hoetzel
ist Architektin und als Autorin und Redakteurin für Fachzeitschriften und Fachpublikationen tätig. Zu Themen im Bereich Architektur und Stadt hat sie zahlreiche Bücher veröffentlicht und Ausstellungen konzipiert.
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