Migrationsgeschichte(n)

Ausgesprochen ... integriert – Die Seuche – Mythos und Realität

© Thorsten Krienke (https://www.flickr.com/photos/krienke), CC BY-SA 4.0

Deutschland im Lockdown, © Thorsten Krienke (https://www.flickr.com/photos/krienke), CC BY-SA 4.0

Fast sechs Monate sind vergangen, seit COVID-19 zum ersten Mal als neuartige, unbekannte Krankheit entdeckt wurde. Ein halbes Jahr später hat sich das Virus zu einer globalen Pandemie entwickelt. Tausende sind tot. Dominic Otiang'a nimmt Deutschland unter die Lupe. Wie haben wir reagiert, persönlich und als Gesellschaft?

Die neue Krankheit Covid-19 sorgt nun schon seit mehreren Monaten für Schlagzeilen; sie hat den Ölpreis in Moskau überschattet, die Flüchtlingskrise an der Grenze zwischen der Türkei und der EU aus dem Blickfeld verdrängt, die Flüchtlingsdebatten in Deutschland abgelöst und „Reggae“ in Kenia zum Stillstand gebracht. So manche sorglose Bemerkung wurde bisher über das Virus gemacht, darüber, welche Gruppen es nicht betreffen wird und warum oder wie die Infektionen aufhören werden, wenn der Sommer kommt. Manche dieser Theorien stießen dabei auf äußerst wenig Gegenliebe. Superstar-Expert*innen haben sich in jedem Land zu Wort gemeldet, aber wie es die deutsche Zeitung Die Welt perfekt formulierte: „Es gibt erstmals mehr Corona-Experten als Bundestrainer in Deutschland“ – unter Anspielung auf die Tatsache, dass Fußballfans gerne ihre Meinung dazu kundtun, was der Bundestrainer für einen Turniersieg tun oder lassen sollte. Als wüssten sie es besser als der offizielle Trainer.

Weder der Virus noch unsere Sorge kennen nationale Grenzen

Die Ängste und die Vorsicht in dieser Zeit bringen auch die eigenen Verbindungen zu bestimmten Orten und Menschen ans Tageslicht; jemand mit Migrationshintergrund oder zwei Staatsbürgerschaften fühlt mit den am stärksten betroffenen Ländern mit, während er oder sie sich gleichzeitig ernsthafte Sorgen über die Zahlen auf der anderen Seite seiner oder ihrer Identität macht. Eine Berlinerin in München sucht oder fragt nach den Statistiken für Berlin. Ein Inder in Stuttgart witzelt: „Oh Gott! Hast du Indien gesehen? Fünftausend Leute infiziert! Was! Das wird langsam ernst!“ Ein indischer Freund von mir war über 5000 Infektionen in seinem Herkunftsland schockierter als von den 80.000 Patient*innen um ihn herum in Deutschland. Was mich betrifft, kann ich bestätigen, dass ich keine Ahnung habe, warum ich angesichts der unwahren Nachricht über einen COVID-19-Positivbefund in der Nähe meines 8000 Kilometer entfernten Geburtsorts ausflippte, während ich mich mit den 150.000 Fällen um mich herum in Deutschland sicher fühlte. Zum Teil liegt es wahrscheinlich daran, dass meine Freund*innen mir ständig versichern: „Unser Gesundheitssystem hier ist besser!“

Eine diverse medizinische Community hat viele Leben gerettet

Zudem haben zahlreiche internationale Medienhäuser Deutschland dafür gepriesen, wie gut es die Pandemie bekämpft. Ich möchte im Gegenzug ausdrücklich den zahlreichen Einwander*innen auf meiner Kontaktliste danken, die im Gesundheitssektor arbeiten – angefangen bei dem Kumpel, der vor Beginn seiner Ausbildung beinahe deportiert worden wäre. Und seiner Frau, einer Krankenschwester, die beinahe aufgegeben hätte, als sich die Adjektivdeklination und die Verwendung der Artikel „die“, „der“ und „das“ im Deutschen als Herausforderung entpuppten. Nicht zu vergessen einen Freund von mir, einen Arzt, der beinahe sein Medizinstudium geschmissen hätte, um nach Serbien zurückzugehen und dort ein Gebrauchtwagengeschäft aufzumachen. Sie sind es wert, an sie zu erinnern, vor allem, da medizinisches Personal einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt ist.

Im Angesicht einer existenziellen Bedrohung wurden die alten Themen der neuen „Alternativen Rechten“ irrelevant

In der Ära vor COVID-19 waren die Massen zwischen linken und rechten politischen Interessen gespalten. Heute fallen solche Entscheidungen aufgrund unterschiedlicher Interpretationen von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit; diejenigen, die glauben, dass die Ausgangssperre ihre Freiheit unterdrückt, und diejenigen, die sagen: „Deine Freiheit darf die meine nicht beeinträchtigen oder mein Leben aufs Spiel setzen. Sonst verwirkst du sie.“ Es geht in Zeiten dieser Pandemie fast ausschließlich um die Interpretation von Freiheit.

Vermehrte Risiken für soziale Minderheiten

Aber während Demonstrant*innen auch weiterhin in großer Zahl öffentliche Plätze besetzen, nach einem Ende der Ausgangssperren rufen und ihre Freiheit und die Aufhebung restriktiver Vorgaben fordern, meldet das Robert-Koch-Institut eine deutliche Veränderung der Infektionsrate von handhabbar zu kritisch. Nun, die Rate schwankt bisweilen. Berichte sowohl aus Großbritannien als auch aus den USA haben gezeigt, dass Minderheiten von der Corona-Pandemie am stärksten betroffen sind. Angesichts solcher Feststellungen fragt man sich, ob sich dasselbe auch für Deutschland sagen lässt. Wenn ja, wüsste ich gerne, ob diejenigen, die demonstrieren, Minderheiten angehören oder ob diese Erkenntnisse sie überhaupt interessieren würden. Mögen sie nichtsdestotrotz gesund bleiben, und ein Hoch auf die vielen medizinischen Fachkräfte!

„Ausgesprochen ...“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Dominic Otiang’a, Liwen Qin, Maximilian Buddenbohm und Gerasimos Bekas. Dominic Otiang’a schreibt über sein Leben in Deutschland: Was fällt ihm auf, was ist fremd, wo ergaben sich interessante Einsichten?

Dominic Owour Otiang’a
ist Autor mehrerer Romane und Kurzgeschichten. Er stammt aus Kenia und lebt in Stuttgart.

Übersetzung: Elisabeth Meister
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juni 2020

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