Neue Kontexte der Sprachvermittlung
Digitale Deterritorialisierung – Wo findet Deutschunterricht heute statt?
In digitalen Zeiten, so scheint es, wird das World Wide Web zum Klassenzimmer. Doch reale Räume spielen auch im Online-Deutschunterricht eine wichtige Rolle. Zum Begriff der Deterritorialisierung und seiner Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht.
Von Janna Degener-Storr
Von Sorge bis Neugier: Einschätzungen von Lehrkräften und Lernenden
Eine Befragung des FaDaF unter Deutschlernenden und Fachleuten zeigt, welch unterschiedliche Emotionen und Gedanken der Begriff der „digitalen Deterritorialisierung“ hervorrufen kann: Die einen scheinen dies als Bedrohung zu empfinden – vielleicht auch, weil einige Menschen auf dieser Welt aus technischen Gründen keinen oder nur eingeschränkten Zugang zur digitalen Welt haben. Die anderen sehen darin eher eine Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit. Die einen betonen, dass digitale Kontakte die Neugier auf echte Begegnungen wecken können. Die anderen sehen die Notwendigkeit, im virtuellen Raum Nähe herzustellen. Doch das Thema wirft vor allem Fragen auf: Gibt es in virtuellen Welten Räume und Grenzen über die Sprache hinaus oder ist heute die Welt unser Klassenzimmer? Welche Herausforderung bringt es für Lernende und Lehrende mit sich, im virtuellen Raum an mehreren Orten gleichzeitig zu sein? Welche Regeln des Miteinanders gelten hier und wie werden sie ausgehandelt? Welche digitalen Gräben gilt es zu überwinden? Wie kann eine hybride Zukunft des Deutschunterrichts aussehen?
Die gar nicht mehr so neue Normalität?
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Klar ist: Wenn der Raum keine Rolle mehr spielt, stehen in Deutschland lebende Lehrkräfte ökonomisch betrachtet auf dem globalen Markt in Konkurrenz zu Kolleg*innen, die ihren Unterricht für ein deutlich niedrigeres Honorar anbieten können. Die Lernenden wissen im digitalen Live-Unterricht ja zunächst einmal nicht unbedingt, wo sich die Lehrkraft befindet. Allerdings bringt genau dies auch Vorteile mit sich. Denn die Lehrkräfte haben unterschiedliche Möglichkeiten an der Hand, ihre reale Umgebung in den live stattfindenden Online-Unterricht zu integrieren oder den digitalen Unterricht an einem bestimmten – vielleicht gar imaginierten – Ort stattfinden zu lassen„Einige Lehrkräfte inszenieren aus dem Home-Office heraus ihr ganzes Privatleben – geben ihren Lernenden einen Einblick in ihr Zuhause, zeigen ihnen, wie sie in der Küche ihr Essen zubereiten und lassen sie mit ihren Kindern plaudern“, beobachtet Matthias Jung. Die Lehrkräfte können beispielsweise auch O-Töne von Expert*innen in fachspezifische Kurse integrieren oder die Teilnehmenden mit dem Smartphone an interessante Orte schicken, um Bilder und Töne einfangen und mit der Gruppe teilen zu lassen.