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Das Forum Deutsche Sprache in Mannheim

Menschen zu Fuß, Aufnahme von oben © Goethe-Institut

2028 öffnet das Forum Deutsche Sprache in Mannheim – ein Sprachmuseum und Science Center. Es wird ein Ort für alle, die Sprache entdecken, erforschen und aktiv mitgestalten möchten. Prof. Dr. Henning Lobin, wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache, ist für dieses Projekt verantwortlich und erklärt, warum das Forum so bedeutend ist und welche spannenden Angebote die Besucher*innen dort zukünftig erwarten.

Von Prof. Dr. Henning Lobin

„Das Haus ist für das allgemeine Publikum gedacht, das nicht nur belehrt und informiert, sondern auch – etwa mit Sprachspielen – in die Spracharbeit einbezogen werden soll. Es soll sich mit deren Funktion für das gesellschaftliche Zusammenleben und ihrem politischen Stellenwert in der Welt beschäftigen. Mit ständigen oder wechselnden Ausstellungen, Sprachwerkstätten und Vortragsreihen soll die Freude an der deutschen Sprache belebt werden.“

Dies sind die Worte von Jutta Limbach, der früheren Präsidentin des Goethe-Instituts, die sie anlässlich des 50. Gründungsjubiläums des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS) 2014 in Mannheim äußerte. Jutta Limbach hatte damals den Aufbau eines Hauses der deutschen Sprache angeregt und diese Idee in den Deutschen Sprachrat, zu dem auch das IDS gehört, eingebracht. Die Umsetzung war jedoch schwierig, so dass es bis 2012 dauerte, dass die Stadt Mannheim zusagte, dem IDS für diesen Zweck ein Grundstück am Neckarufer zur Verfügung zu stellen. Das IDS dokumentiert und erforscht die deutsche Sprache der Gegenwart im Auftrag von Bund und Ländern seit 1964.

Inzwischen war auch eine Verbindung zur Klaus Tschira Stiftung entstanden, der Stiftung eines der Gründer des Software-Unternehmens SAP. So kam es 2018 zu einer ersten Absichtserklärung dieser Stiftung, ein Gebäude zu errichten. 2021 lag nach einem Wettbewerb der Architekturentwurf vor, und nach weiteren Vorbereitungen konnte am 18. März 2026 schließlich der Grundstein für das Gebäude gelegt werden. Die Fertigstellung ist für das Frühjahr 2028 geplant, die Eröffnung des Hauses bis zum Ende dieses Jahres.

Was soll mit dem Forum Deutsche Sprache erreicht werden?

Die deutsche Sprache soll im Forum Deutsche Sprache erlebbar gemacht werden durch eine faszinierende Dauerausstellung, durch Sonderausstellungen und Führungen. Es soll, zweitens, die Sprache von heute erfasst werden – durch Sprachspenden in einer Sprachwerkstatt, der Mitwirkung an Experimenten und Befragungen und auch durch Apps zur dezentralen Spracherfassung. Drittens sollen auch tiefere Tauchgänge in der Sprachforschung angeboten und damit die Akzeptanz für Wissenschaft und Forschung allgemein erhöht werden, etwa durch bürgerwissenschaftliche Projekte oder Informationsveranstaltungen für interessierte Gäste. „Starke Sprache – starke Gemeinschaft“ heißt es viertens im Forum: Was bewegt die Gesellschaft, wie reden wir darüber, wie bildet Sprache und sprachliche Kommunikation unser soziales Miteinander, die Themen, die uns bewegen, ab? Dazu wird es Diskussionsveranstaltungen geben, das Forum wird dabei zu einer Plattform werden und sich mit anderen Einrichtungen vernetzen. Und fünftens wird das Forum auch ein Ort sein, wo Sprache performt wird. Sprache ist auch Musik, Literatur, Rap, Performance oder Kunst, und als solche erreicht sie uns besonders direkt. Es sollen Lesungen, Slams, Ausstellungen und Konzerte veranstaltet werden, um damit auch das über Sprache zu verstehen, was wissenschaftlich nicht erklärt werden kann.

Warum benötigen wir das Forum Deutsche Sprache?

Die gemeinsame Sprache ist ein zentrales Element im kulturellen Ökosystem einer Gesellschaft. Sprache beeinflusst Nomen, Werte und Annahmen über die Welt von Menschen innerhalb einer Gesellschaft. Die Sprache nimmt darin einen besonderen Platz ein, weil sich nur im Medium der Sprache Erklärungen und Argumentationen fassen lassen oder Beschreibungen von Abstraktem, Hypothetischem oder Zukünftigem vorgenommen werden können. Die deutsche Sprache hat sich über Jahrhunderte zu einem leistungsfähigen Instrument entwickelt, mit dem dies erreicht werden kann. Ein solches Instrument ist somit auch die Grundlage für eine Gesellschaft, die auf der Kraft des besseren Arguments beruht, also für ein demokratisches Gemeinwesen.

Allerdings werden diese Leistungen von Sprache heute oftmals als zu selbstverständlich angesehen. Die Konsequenz kann aber nicht sein, eine plumpe „Sprachpflege“ zu betreiben. Im Forum Deutsche Sprache soll vielmehr der Stellenwert des Deutschen in der Gesellschaft betont und dadurch Sprachbewusstheit erzeugt und Sprachförderung unterstützt werden. Hinzu kommt der Anspruch, eben diese Sprache zu erfassen und zu erfahren, wie es eigentlich gerade um sie bestellt ist. Und dies gelingt am ehesten mit denjenigen, die sie am besten kennen: den Gästen des Forums – jung oder alt, alteingesessen oder gerade zugewandert, mit Bildungsvoraussetzungen jeglicher Art.

Als sich im 19. Jahrhundert bis hinein ins 20. Jahrhundert die Idee der Nation mit der Bildung von Nationalstaaten auf ihrem Höhepunkt befand, gab es einen staatstheoretischen Grundsatz, der nahezu unangefochten galt: das sogenannte Nationalitätsprinzip. Danach sollte die geografische Ausdehnung eines Staates deckungsgleich sein mit dem Siedlungsraum aller Menschen, die eine gemeinsame Sprache sprechen und sich als Teile einer gemeinsamen Kultur und Geschichte betrachten. Der britische Historiker Eric Hobsbawm hat gezeigt, dass kein Nationalstaat im Sinne des Nationalitätsprinzips tatsächlich nur aufgrund einer gemeinsamen Sprache, Kultur und Geschichte entstanden ist, sondern dass diese erst im Zuge der Nationalstaatenbildung buchstäblich konstruiert wurden, als Nationalkultur, Nationalgeschichte und Nationalsprache. Für ihn ist das Nationalitätsprinzip nicht der erste Schritt zur Gründung eines Nationalstaats, sondern der direkte Weg mitten hinein in einen staatlichen Nationalismus, dem eine zunehmende Radikalisierung von vornherein eingeschrieben ist. Deutschland hat diesen Weg bis zum schlimmstmöglichen Ende durchschritten.

Ich bin überzeugt davon, dass das heutige Deutschland als ein postnationaler Staat gelten kann, als Teil eines größeren deutschsprachigen Raums, mit einer Gesellschaft, die durch Menschen geprägt wird, die für eine Vielzahl von Sprachen, Kulturen und Geschichten stehen. All das bildet heute eine Pluralität, in der wir unsere Freiheit genießen und miteinander frei in Verbindung treten können. Wir können heute unsere Gesellschaft und unseren Staat nicht wie im 19. Jahrhundert durch die Berufung auf eine gemeinsame Sprache, Kultur oder Geschichte begründen. Das Nationalitätsprinzip wird vom heutigen Deutschland nicht erfüllt, es kann und will sich darauf nicht berufen. Die deutsche Sprache taugt nicht dafür, in diesem Sinne als ein nationalistischer Identitätsanker zu fungieren.

Aber was ist es dann?

Ich glaube, dass sich dieses postnationale Deutschland auf zwei Dinge berufen kann: auf das deutsche Grundgesetz und auf die Gemeinsamkeit im Gebrauch der deutschen Sprache. Das Grundgesetz hat es den Menschen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubt, eine angemessene Form positiver Gestimmtheit gegenüber dem deutschen Staat zu entwickeln, etwas, was als „Verfassungspatriotismus“ bezeichnet wird. Und die deutsche Sprache ist das Band, das uns über alle Unterschiede der Herkunft, der Kultur, der Geschichte und Religion hinweg verbindet – und zwar auch, wenn andere Sprachen für uns wichtig sind, und das Deutsche, das uns verbindet, in vielen Facetten in Erscheinung tritt: auf der Straße, im Theater, auf der Baustelle, beim Rappen oder im Stadion. Es ist die Sprache, die wir nutzen, für die wir uns immer wieder entscheiden, die uns vertraut und anvertraut ist, aus der wir aber nicht in einem nationalistischen Sinne unsere Identität schöpfen. Diesem gemeinsamen, freundlichen Band wird in Mannheim mit dem Forum Deutsche Sprache ein Haus errichtet, dem unsichtbaren Band, das uns verbindet, indem wir miteinander diskutieren, streiten oder einfach zusammenleben.