Aktuelle Musik aus Deutschland   Popcast #10/2026

Popcast #10/2026 Nichtseattle Edition
Nichtseattle © Sascha Schlegel

Mit Musik von: 

Ebow | Garip Werkstätten
Uche Yara | goldendays FM
Nichtseattle | Staatsakt
Peter Gall | Compost Records
Marġot Erkner | Major Label
Autorin und Sprecherin (Deutsch): Angie Portmann

Hab keine Angst mehr
sag irgendwas
sag einfach
was war
Nichtseattle, „River Cola“
 
Ebow

Ebow | © Johanna Klara Michel

Hoffnung, Träume, Schmerz, Friends, Family und Queerness, so lässt sich das Universum von Ebru Düzgün aka Ebow abstecken. Typologie eines Lebens, ihr sechstes Album seit Erscheinen ihres Debüts 2017, behandelt innerhalb dieser Grenzen Themen von Migration, Ausgrenzung; Ausbeutung und Liebe, aber erzählt auch spezifischvon der Spielsucht des Vaters, ihrer alevitischen Religion oder der Geschichte Kurdistan. So ist das Album der Versuch, sich als komplexe Figur erschöpfend abzubilden und scheinbare Spannungsfelder wie etwa zwischen Politik und Sex zuzulassen. Musikalisch bleibt Ebow bei den für sie typischen Oldschool-Hip-Hop-Beats und Loops, die sie punktuell um klassische Instrumentierungen erweitert. Angenehm, aber nie harmlos arrangiert sie auf dem abwechslungsreichen Album dieses persönliche Porträt in 15 Akten, unterstützt von illustren Kooperationspartnerinnen wie zum Beispiel der Veteranin Joy Denalane oder der Autotune-Gangsta-Rapperin Kitana.
 
Uche Yara

Uche Yara | © Goldendays fm

Wenn eine bislang völlig unbekannte 20-Jährige als Support der Rolling Stones auftritt, dann ist ihr Aufmerksamkeit gewiss. So geschehen 2022, als der Wahlberlinerin mit nigerianischen Wurzeln Uche Yara genau dies gelang. Musikalisch war sie schon als Kind aktiv, lernte Schlagzeug und Marimba, später Gitarre. So kompetent wie wandlungsfähig setzt Uche Yara ihre Stimme mal in Gesang, Sprechgesang oder Instrumental ein, wenn sie Fragen der Körperlichkeit, Autonomie und Zughörigkeit zu den zurückgenommenen Clubsounds auf ihrem Debütalbum Bodyscanner verhandelt. Ihr enormes Talent stellt sie unprätentiös, aber selbstbewusst zur Schau, probiert sich aus und liefert so ein stilsicheres Werk ab, das der Vielseitigkeit ihres musikalischen Werdegangs Rechnung trägt.
 
Nichtseattle

Nichtseattle | © Sascha Schlegel

Der Name des Projekts ist entliehen von einem Song der einflussreichen deutschen Lo-Fi-Grungeband Tocotronic, in dem der Text den Sänger daran erinnert, er solle sich bloß nicht einbilden, auf Augenhöhe mit den Anfang der 1990er-Jahre bekannt gewordenen Grunge-Größen aus der US-Stadt Seattle zu spielen. Nichtseattle, das Projekt der Ostberliner Songwriterin, Sängerin und Gitarristin Katharina Kollmann, geht in diesem Monat bereits in die vierte Runde. Nach dem kontemplativen Doppelalbum Haus arbeitet sie weiter an der für sie typischen Vermischung ostdeutscher Liedermacher*innentradition deren Hauptmerkmal literarische Miniaturen über Arbeit, Heimat oder Soziales darstellen, rauem Indie-Rock-Gitarren und introspektivem Folk. Persönliche Themen behandelt Katharina Kollmann diskret und mit einer gewissen Distanz, so auch auf diesem neuen Album Große Liebe, auf dem es nicht nur die romantische Seite der Liebe geht, sondern auch die im Idealfalle dazugehörige tiefe Freundschaft und Solidarität. Produziert gemeinsam mit ihrer festen fünfköpfigen (Live-)Band, liefern sie in den zehn mitunter recht langen Tite ein vielschichtigen analogen Bandsound, der den perfekten Hintergrund zu Kollmanns direkter, ungeschönter Erzählweise, und ganz nebenbei ganz große Momente voller authentischer Emotionen liefert.
 
Peter Gall

Peter Gall | © Dovile Sermokas

Mit seinem letzten Album Love Avatar hat er noch den Deutschen Jazzpreis für das Album des Jahres 2025 gewonnen. Das wird dem Münchner Schlagzeuger, Komponisten, Produzenten und Musikprofessor Peter Gall mit dem Anfang September 2026 erschienenen Nachfolger Drum Seeds nicht passieren. Aber nicht nur, weil er diesmal neben den Schlaginstrumenten auch alle anderen Klangerzeuger komplett selbst eingespielt. Seine Liebe zu Filmmusik, Synthesizern und allerlei Einflüssen, von Aphex Twin zu Boards of Canada, kamen dem Konzept des ursprünglich als reines Schlaginstrumenten-Albums geplanten Werkes in die Quere, und so entstand eine Sammlung von eklektischen Stücken, deren Basis zwar immer das Schlagzeug ist (oder man sollte lieber sagen die Schlagzeuge sind), die sich dann aber unter dem Einsatz diverser Synthesizer und sogar einem Mellotron musikalisch frei assoziierend durch die Stile winden. Wer jetzt aber seltsame Rockopern erwartet, wird allerdings enttäuscht werden – die Arrangements bleiben überschaubar, fast konservativ. Peter Gall konzentriert sich auf die die Komposition konstituierende Idee, arbeitet sie konzentriert und voller Kreativität aus, und verliert nie den Faden, oder den Blick fürs Wesentliche.

Ich bin eure Servicekraft und heiße Erkner
(„Für Sie immer noch Frau Erkner“, Margot Erkner)
 
Marġot Erkner

Marġot Erkner | © Mike Auerbach

Das Trio des Berliner Garagenrockers Timo Tolkmitt und seinen beiden Mitstreitern Gunnar Refardt, einigen wenigen vielleicht durch seine Videoarbeiten mit Caspar Brötzmann bekannt, und dem Elektropunker T. Raumschmiere aka Marco Haas nennt sich Marġot Erkner, und meistert die hohe Kunst des Rock zwischen Garage und Punk in einer Perfektion, wie es Teenager nicht hinbekommen hätten. Inspiriert von der imaginären Frau Erkner, „die leicht gereizte Fachverkäuferin, die dir ungefragt ins Gesicht sagt, was sie von dir hält“, peitschen sich die drei durch die kleinen Hingucker, Merkwürdigkeiten und Ärgernisse ihres Post-Künstlerlebens, ironisch, sharp und pointiert. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Kollaboration am Tresen einer Stadtteilbar in Berlin (Prenzlauer Berg, Nukleus des Altberliner Hipstertums) Form angenommen hat. Es lohnt sich außerdem ein Blick auf das Label der Band, dem schönen, in letzten Jahren leider etwas in Vergessenheit geratenen Major Label, das vor allem in den 2010er-Jahren eine wichtige Größe in der Punkszene des Landes war.