Die Berlinale-Retrospektive blickt auf ein Jahrzehnt voller Brüche, Experimente und verlorener Gewissheiten. Heleen Gerritsen erzählt, wie die Filme der 1990er-Jahre den Systemwechsel spiegeln – und warum der Erhalt des Filmerbes für die Zukunft der Deutschen Kinemathek entscheidend ist.
Heleen Gerritsen, die diesjährige Berlinale Retrospektive widmet sich den 1990er-Jahren. Was macht dieses Jahrzehnt filmhistorisch so spannend?Die 90er sind eine dramatische Zeit, auch für die deutsche Filmgeschichte. Mit der Wiedervereinigung wurde vieles neu strukturiert, insbesondere im Osten: die DEFA-Studios, auch das Dokumentarfilmstudio, das Animationsfilmstudio in Dresden – all diese Institutionen standen infrage. Die dort Beschäftigten mussten völlig neue Arbeitsweisen entwickeln. Diese politischen und gesellschaftlichen Umbrüche schlagen sich sehr direkt in den Filmen nieder. Genau das macht diese Zeit so interessant. Es war eine Zeit, in der vieles auf der Kippe stand.
War die deutsche Perspektive der Ausgangspunkt für die Retrospektive?
Eigentlich nicht. Mich hat vielmehr interessiert, dass im gesamten ehemaligen „Ostblock“ rund 146 Millionen Menschen gleichzeitig diesen Systemumbruch erlebt haben. Aber Berlin ist der perfekte Ort, um eine solche Retrospektive auszurichten. Der Mauerfall hat weltweite Schockwellen ausgelöst, und von hier aus lässt sich diese Geschichte sehr gut international erzählen.
Deshalb gibt es auch internationale Schwerpunkte, sowohl aus osteuropäischer Perspektive wie auch mit US-amerikanischen Independent- und Black-Cinema-Filmen?
Genau. Die Retrospektive ist als filmische Reise gedacht, die in Berlin beginnt und sich nach Osten und Westen ausdehnt. Nach dem Ende des kommunistischen Blocks herrschte vielerorts die Vorstellung, Marktkapitalismus und Demokratie hätten endgültig gesiegt. In den USA wirkte das auf viele Menschen, insbesondere in Schwarzen Communities, sehr zynisch. Daraus entstanden Protesthaltungen, das New Black Cinema – Filme von John Singleton oder Spike Lee. Das ist vielleicht kein direkter politischer Zusammenhang, aber ein gemeinsamer Zeitgeist, eng verbunden mit Musik- und Subkulturen wie Hip-Hop.
Nach welchen Kriterien haben Sie die Filme ausgewählt?
Ein wichtiges Kriterium war tatsächlich die Materiallage. Bei den 90ern findet man oft keine vorführbaren Kopien mehr. Manche Filme mussten wir regelrecht aufspüren. Sunny Point etwa, der Abschlussfilm von Wolf Vogel, wird von uns neu digitalisiert. Solche Fälle sind typisch für diese turbulente Zeit. Gleichzeitig wollten wir Neuentdeckungen mit ikonischen Filmen verbinden, die den Zeitgeist der 90er besonders gut abbilden – auch für ein jüngeres Publikum, das diese Werke oft nicht kennt.
Heleen Gerritsen | © Wolfgang Borrs
Ja, ein Film wie Michael Stocks Prinz in Höllenland zeigt ein Aussteigermilieu und Subkulturen, die heute immer weniger Raum haben. Durch die fortschreitende Gentrifizierung verschwinden diese Freiräume zunehmend – umso wichtiger ist es, sie filmisch sichtbar zu halten.
Sie stellen dem Goethe-Institut 2026 mehrere Berlin-Filme zur Verfügung. Welche sind das?
Zwei kollektive Dokumentarfilme, Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 und Im Glanze dieses Glückes, wo Filmschaffende aus West und Ost gemeinsam erzählen, wie sich das Land verändert. Dann Gorilla Baths at Noon, ein rebellischer Spielfilm des serbischen Regisseurs Dušan Makavejev. Auch Lola und Bilidikid – unser Eröffnungsfilm und der erste queere Film, der in der türkischen Community hier in Berlin spielt – gehört dazu. Außerdem Sunny Point und Lola rennt. Letzteren Film hat das Goethe-Institut bereits im Programm.
Haben Sie einen persönlichen Favoriten?
Jeder Film hat seine eigenen Qualitäten, aber Sunny Point ist für mich eine besondere Wiederentdeckung. Der Film nutzt den Mauerfall früh als zentrales Handlungselement und macht daraus eine Komödie – lange vor Good Bye, Lenin! oder Herr Lehmann. Das war für einen Abschlussfilm erstaunlich mutig.
Ein wichtiger Bereich Ihrer Arbeit in der Kinemathek ist der Erhalt des deutschen Filmerbes. Nur ein sehr kleiner Teil des deutschen Filmerbes ist bislang digitalisiert. Wie dramatisch ist die Lage?
Die Situation ist ernst. Selbst die oft genannten sieben Prozent des bereits digitalisierten deutschen Filmerbes sind sehr optimistisch geschätzt. Gleichzeitig wurde das Förderprogramm Filmerbe massiv gekürzt. Digitalisierung ist aufwendig, teuer und wird häufig unterschätzt. Dabei reden wir im Vergleich zur Produktionsförderung über kleine Summen. Hier gibt es enormen Nachholbedarf.
Wie steht Deutschland im europäischen Vergleich da?
Sehr unterschiedlich. In Polen etwa ist das Werk von Andrzej Wajda seit Jahren vollständig digitalisiert. In Frankreich übernehmen große Studios wie Gaumont oder Pathé Verantwortung für ihre Kataloge. In Deutschland fehlt dieses Bewusstsein leider oft – vermutlich auch aus finanziellen Gründen.
Die Deutscher Kinemathek ist für zehn Jahre im E-Werk untergebracht, bis ein endgültiger Standort gefunden ist. Die neue Ausstellung öffnete Mitte Januar, auf deutlich kleinerer Fläche als zuvor. Wie wurde sie aufgenommen?
Sehr positiv. Am Eröffnungswochenende hatten wir über 6.000 Besucher. Viele schätzen den neuen Ansatz, stärker mit Projektionen und Bewegtbild zu arbeiten. Wir sind hier in einem Zwischenquartier. Die Ausstellung ist ein Experiment – wie man mit wenig Raum trotzdem Filmgeschichte erzählen kann.
Sie sind seit Juni 2025 Künstlerische Direktorin der Kinemathek. Was sind aktuell die größten Herausforderungen für das Haus?
Zum einen die Digitalisierung und die langfristige digitale Archivierung. Die Datenmengen werden immer größer, und es gibt dafür noch keine endgültigen Lösungen. Zum anderen die Transformation vom klassischen Ausstellungshaus hin zu einem lebendigen Veranstaltungsort. Wir wollen nicht nur Archiv sein, sondern ein Ort für aktuelle Filmkultur, Premieren und Austausch mit der Branche.
Was liegt Ihnen für die Zukunft der Kinemathek besonders am Herzen?
Ganz klar eine dauerhafte Unterbringung. Berlin ist eine Stadt mit einer einzigartigen Filmgeschichte – von der Weimarer Republik über die NS-Zeit und die DDR bis zur Wiedervereinigung. Dass diese europäische Hauptstadt kein eigenes Filmmuseum mehr hat, ist schwer nachvollziehbar. Die Nachfrage ist da. Jetzt braucht es Planungssicherheit und den politischen Willen.
Heleen Gerritsen ist seit Juni 2025 Künstlerische Direktorin der Deutschen Kinemathek in Berlin. In dieser Funktion verantwortet sie die Berlinale-Sektionen Retrospektive und Classics. Zuvor arbeitete sie international als Kuratorin und Programmgestalterin, zuletzt für goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden. Heleen Gerritsen ist auch international als Jurymitglied, Referentin und Moderatorin tätig.
Die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in Berlin bewahrt, erforscht und vermittelt das deutsche Filmerbe von den Anfängen bis zur Gegenwart. Sie ist verantwortlich für bedeutende Filme und Nachlässe, Ausstellungen, Retrospektiven und Restaurierungsprojekte. Derzeit ist sie übergangsweise im E-Werk Berlin untergebracht, da der frühere Standort am Potsdamer Platz geschlossen wurde und ein neuer dauerhafter Standort noch in Planung ist.
Februar 2026