„Berlinale Goes Kiez“ und das Sinema Transtopia  Zwischen Hinterhof und Utopie

Besucher im Hinterhof des Sinema Transtopia
Zwischen Filmvorführung und Mezze-Platte: Besucher*innen des Sinema Transtopia © Lucía Alfaro

Das Sinema Transtopia ist mehr als ein Kino – es versteht sich als Raum für Diskurs, Filmkultur und Nachbarschaft. Doch wie sieht ein Kino aus, das nicht nur Filme zeigen, sondern ein Begegnungsort sein will?

Die Hauptstadt ist im Berlinale-Fieber. Selbst im Wedding, fernab vom Festivalzentrum am Potsdamer Platz, spürt man das. Es ist Ende Januar, die Kälte hält sich hartnäckig zwischen den Hinterhöfen. Künstlerin und Kulturmanagerin Malve Lippmann läuft dick eingepackt zu dem Ort, den sie ihr Wohnzimmer nennt. Hinter ihr folgt Can Sungu, Filmregisseur und Kurator. „Meyhane“, sagt er, während wir zum Wohnzimmer laufen.

Im Türkischen kann „Hane“ ein Raum für vieles sein. Im SİNEMA TRANSTOPIA ist er genau das: Ein wandelbarer Raum, der das Kino jeden Freitag und Samstag zu einem Ort der Begegnung macht.

Sinema Transtopia wieder Teil von „Berlinale goes Kiez“

Das Kiez-Kino liegt in einem Hinterhof im Wedding. Der Bewegungsmelder flackert wie ein Strobo-Licht, als sich die beiden der Eingangstür nähern. Am Eingang zupft Can Sungu behutsam den Vorhang zurecht. Die beiden sind etwas geschafft von den Presse-Screenings der Berlinale-Filme, doch es gibt allen Grund zur Freude.

Denn seit 2010 gibt es das Projekt „Berlinale goes Kiez“, bei dem ausgewählte Filme des Festivals in wechselnden Kinos in der Hauptstadt gezeigt werden. Und das Sinema Transtopia ist erneut dabei, zum dritten Mal in Folge. Doch wie leitet man eigentlich ein Kiez-Kino, das nicht nur Filme zeigen will, sondern auch Menschen zusammenbringen möchte?
Besucher im Meyhane essen an reich gedeckten Tischen.

Meyhane ist inspiriert von transnationalen Esskulturen, kleine Gerichte in einer geselligen Atmosphäre zu teilen. | © Marvin Girbig

Während in ihrem selbstgebauten Kinosaal nebenan Ein einfacher Unfall von Dschafar Panahi läuft, der in diesem Jahr gute Chancen auf den Oscar in der Kategorie „Bester Film International“ hat, setzen sich die beiden an einen Tisch. Darauf Kerzen, Programmhefte. Unter ihnen ein Perserteppich, über ihnen dreht sich gemächlich eine Discokugel, aus den Boxen läuft Jazz.

Vom Atelier zum Hinterhof-Kino

Ihre Geschichte beginnt so: Nach ihrem Studium an der Universität der Künste, wo sie ihre Master-Arbeit gemeinsam geschrieben haben, finden die beiden ein Atelier im Wedding, direkt an der Prinzenallee. 36 Quadratmeter groß, riesige Glasfront. Es sind die frühen 2010er-Jahre, als Berlin langsam aber sicher seinen Kultstatus festigt. Nach und nach schauen immer mehr Menschen in das kleine Atelier, fragen sie, was man denn hier machen könne? Sie beginnen, erste Veranstaltungen zu organisieren; es geht ums Zusammenkommen, ums Beisammensein, ums gemeinsame Essen. Und irgendwann kommt ihnen der Gedanke: Wieso nicht gleich ein Kino daraus machen?

„Wir haben das nicht angemietet, um öffentliche Veranstaltungen zu machen“, sagt Lippmann, „das hat sich so ergeben.“ Diese Art, Teil vom Stadtraum zu werden, ist beim Sinema Transtopia kein Marketing, sondern Herkunft. Selbst der Name ihres Vereins – bi’bak, Türkisch für „schau mal rein“ – ist ernstgemeint: Und Berlin schaut rein, das Wedding schaut rein.
Die Leiter des Sinema Transtopia Can Sungu und Malve Lippmann

In ihrem Wohnzimmer: Die Leiter*innen des Sinema Transtopia Can Sungu und Malve Lippmann | © Daniel Hinz

Heute liegt das Kino nicht mehr an der Straße, sondern in einem Hinterhof direkt neben der U- und S-Bahnstation Wedding. Ihre Räumlichkeiten und das Programm bespielen sie flexibel: Heute Meyhane, morgen Konzertsaal, übermorgen Workshop. Hane kann alles sein. Das Wichtigste: Man sitzt nicht nebeneinander, sondern begegnet einander.

Transtopia nennen sie das Kino nicht, weil es sich cool anhört und sich gut auf Plakaten macht, sondern weil es beschreibt, was hier passiert: ein Ort, an dem Verbindungen über Grenzen hinweg entstehen. Über Filme, aber mindestens genauso durch das, was davor und danach passiert. Der Begriff Transtopia stammt vom Migrationsforscher Erol Yıldız. Co-Leiter des Kinos Can Sungu versteht ihn als etwas, das sie hier leben, Utopie und das Dazwischen. Und genau deshalb trifft es dieses Kino härter als andere, wenn Kulturpolitik plötzlich so tut, als wären Räume wie dieser ein „Nice-to-have“.

Kulturkürzungen gefährden unabhängige Kinos wie das Transtopia

2024 macht Berlins neue CDU/SPD-Regierung den großen Kassensturz, setzt neue Prioritäten – und die Kürzungen treffen die Kultur-Szene unmittelbar. Lippmann sagt, es habe sie „relativ kurzfristig zum Jahresende“ erwischt. Es folgten weniger Geld und ein schwieriges Jahr. Doch die Berlinerinnen und Berliner halten zu ihrem Kino und solidarisieren sich. Lippmann erzählt von der 10er-Karte – zehn Tickets, jedes für sieben Euro, und das Entscheidende: nicht personalisiert, sondern teilbar. „Man kann auch zu zehnt mit Freund:innen kommen“, sagt sie, fast so, als wäre das die normalste Sache der Welt. In einer Zeit und einer Stadt, in der alles Abo ist, wird Teilen hier zur kleinen Gegenideologie.

Während des Gesprächs füllt sich der Raum immer weiter, Leute stoßen zu uns an den Tisch, zwei Gäste im Adidas-Oberteil teilen sich eine Mezze-Platte, plaudern auf Türkisch über Filme. Sungu rutscht rüber, Malve hat sich längst mit zwei weiteren Personen verquatscht. Dass hier Menschen zusammenkommen, ist kein Marketing-Slogan, hier ist es gelebte Realität. Das zeigt sich auch in der Filmauswahl: Nicht die beiden Leitungspersonen bestimmen, was läuft. Das Filmprogramm kuriert das Team des Sinema Transtopia.
Ein voller Kinosaal bei einer Veranstaltung des Sinema Transtopia

Mehr als nur ein Kino: Das Sinema Transtopia schafft Räume, in denen Filmkultur und Diskurs geteilt und weitergedacht werden. | © Lucía Alfaro

Wichtig ist dabei, was sie nicht machen. Sungu sagt das ziemlich klar: Sie kuratieren nicht nach dem Prinzip „zwei schwere Filme, dann zur Erholung etwas Leichtes“. Kein stimmungsorientiertes Ausgleichsprogramm. Wenn ein Film hart ist, dann weil das Thema es verlangt. Und wenn er lustig ist, dann nicht als bloße Entlastung, sondern weil Humor manchmal der wirkungsvollere Hebel ist, Wahrheiten offenzulegen.

Sichtbarkeit für migrantische und BIPoC‑Perspektiven

Sungu sagt explizit: Sie sind nicht „anti“, sie sind „offen für vieles“ – aber sie wollen Perspektiven sichtbar machen, die in deutschen Filmen oft zu kurz kommen: migrantische, marginalisierte und BIPoC-Positionen. Und daraus folgt auch sein Anti-Schubladen-Satz: keine „Iranischen Filmtage“, keine „Türkische Filmwoche“, sondern stattdessen Themen und Konzepte, die Menschen miteinander verbinden und worüber sie zusammenkommen.  

Die Filme zeigen sie oft mit englischen Untertiteln, schlicht, weil das Publikum international ist. Gleichzeitig ist ihre Sprachpolicy offen: Deutsch, Spanisch, Türkisch usw., manchmal Flüsterübersetzungen.

Lippmann begrüßt die Person, die die Moderation für den nächsten Film leiten wird, und wirkt dabei geradezu gerührt: „So toll, was für Menschen hier bei uns reinspazieren. Die stehen dann vor einem, mit ihren Ideen, mit ihren Überzeugungen und prägen unser Kino so wunderbar mit.“ Während draußen das Licht des Bewegungsmelders im schnellen Takt aufleuchtet, heißt es hier drinnen im Sinema Transtopia: Vorhang auf, Film ab.