Unter dem Motto „Lost in the 90s“ feiert die Retrospektive ein aufregendes Filmjahrzehnt – in Kooperation mit dem Goethe-Institut.
Auf Symbolik hat sich die Berlinale schon immer gut verstanden. Ein Veranstaltungsort der diesjährigen Retrospektive ist erstmals das E-Werk, eine alte Industrieruine und in den 1990er-Jahren ein Technoclub. Um Abriss und Neuanfang, auch um das Verschwinden geht es in den Filmen, die ein äußerst innovatives, ja aus heutiger Sicht fast unwirkliches Jahrzehnt wieder aufleben lassen. Die Wende um 1990 brachte nicht nur den Mauerfall und den Zusammenbruch des Sowjetimperiums. Es blühte auch das Independent-Kino auf und hatte dank digitaler Technik bald unbegrenzte Möglichkeiten. Filme wie Slacker (Richard Linklater, USA 1990) und Boyz n the Hood (John Singleton, USA 1991) präsentierten die Generation X und das Black Cinema. Und tatsächlich würden einem noch viele andere Filme einfallen – „Anything goes“ war das Motto des Jahrzehnts. Aber klar, am Ende geht es bei der Berlinale vor allem wieder um Berlin.Berlin: Abenteuerspielplatz für Filmemacher
Die Mauerstadt ist 1990 noch keine Baustelle, sondern die reinste Wüste. Auf dem ehemaligen Todesstreifen, zwischen Ost und West, verdichtete sich Weltgeschichte im absoluten Nichts – und diese Vorstellung zog Filmemacher*innen aus aller Welt magisch an. Für sein Filmessay Deutschland Neu(n) Null (Deutschland/Frankreich 1991) reaktivierte Jean-Luc Godard seinen Geheimagenten Lemmy Caution: Der 73-jährige Eddie Constantine sucht den Weg nach Westen und findet bloß Gespenster der Vergangenheit. Ungleich besser gelaunt irrt in Dušan Makavejevs Gorilla Bathes at Noon (Jugoslawien/Deutschland 1993) ein arbeitsloser Sowjetsoldat um die Brachen am Potsdamer Platz.
Anita Manćić und Svetozar Cvetković in „Gorilla Bathes at Noon”. Regie: Dušan Makavejev | Foto: © Deutsche Kinemathek / von Vietinghoff Filmproduktion
Von der neuen Leiterin Heleen Gerritsen erstmals in Kooperation mit dem Goethe-Institut konzipiert, würdigt die Sektion auch das queere Kino. Das ist auf der Berlinale schon lange präsent, aber ein so wildes Stück wie Prinz in Hölleland (Michael Stock, Deutschland 1993) scheint heute kaum mehr denkbar. Das schwule Punkmärchen der Kreuzberger Szene bietet einen hosenlosen Harlekin als fiesen Puppenspieler, die Schlachtung eines Huhns und harten Sex im Kohlenkeller – alles auf Drogen, versteht sich. Demgegenüber wirkt Lola und Bilidikid (Deutschland 1999) fast brav. Doch bleibt Kutluğ Atamans anrührendes Drama um ein schwules Coming-out im türkisch-migrantischen Kontext ein zeitloser Klassiker, ein Meilenstein für das queere Kino insgesamt.
Wolfram Haack in „Prinz in Hölleland”. Regie: Michael Stock | Foto: © Salzgeber
Auferstanden aus Ruinen, und schon wieder weg
Ganz Europa war im Umbruch in jenen Jahren, davon zeugen auch Harun Farockis Videogramme einer Revolution (Deutschland 1992) über den Sturz des Ceaușescu-Regimes oder Želimir Žilniks Dokugroteske Tito zum zweiten Mal unter den Serben (Jugoslawien 1994). In der Rückschau wirkt so manches unheimlich, da der Krieg wieder zurück ist, fern und doch vertraut. Aber der Aufbruchsgeist überwiegt, die Bilder verbinden sich und wecken die tollsten Assoziationen: Hat sich Wolfgang Becker für die berühmte Szene in Good Bye, Lenin, in der eine Lenin-Statue abtransportiert wird, bei einem Kollegen abgeschaut? Sie findet sich nämlich genauso in Gorilla Bathes at Noon, zehn Jahre vorher, und noch dazu dokumentarisch.
Franka Potente in „Lola rennt”. Regie: Tom Tykwer | Foto: Deutsche Kinemathek, © X-Verleih
Februar 2026