Die brasilianische Regisseurin Eliza Capai ist mit ihrem fünften Film zurück auf der Berlinale. „A fabulosa máquina do tempo” (Die fabelhafte Zeitmaschine) ist in der Sektion Generation Kplus um den Silbernen Bären im Rennen und steht auf der Liste von 16 Filmen unterschiedlicher Sektionen im Wettbewerb um den Dokumentarfilmpreis der Berlinale.
Auf der Berlinale 2019 zeigte Eliza Capai ihren Dokumentarfilm Espero tua (re)volta (Your Turn). Darin ging es um Schülerinnen und Schüler aus São Paulo, die für das Grundrecht auf Zugang zu Bildung kämpfen. Der Film, mit dem die Regisseurin 2026 auf die Berlinale zurückkehrt, knüpft in gewisser Weise an Themen aus diesem Film an, nun aber aus dem Blickwinkel von Kindern und Jugendlichen im brasilianischen Hinterland.Die fabelhafte Zeitmaschine handelt von Mädchen zwischen sieben und elf Jahren. Sie stammen aus der ersten Generation, die in Piauí, einer von extremer Armut geprägten Region Brasiliens zur Welt gekommen sind, nun aber mit dem Recht auf Nahrung, Schule und den Traum auf eine andere Zukunft aufwächst. Im Gespräch verrät die Regisseurin, wie ihr Film vor diesem Hintergrund mit Themen wie Bildung, strukturellem Machismus und Zukunftsperspektiven umgeht.
Wie würden Sie diesen Film in Ihr Schaffen als Regisseurin einordnen?
2013 erhielt ich ein Stipendium der Plattform Agência Pública für investigativen Journalismus für eine Recherche zur Auswirkung des Programms „BolsaFamília“ [ein Programm zur finanziellen Unterstützung von Familien in extremer Armut] auf die Geschlechterbeziehungen. Bei „BolsaFamília“ geht es um winzige Geldleistungen pro Person, und doch ist es dadurch gelungen, Brasilien von der Weltkarte des Hungers zu streichen. Das Programm zahlt das Geld an die Frauen aus. Der Gedanke hinter der Reportage war, zu verstehen, was in diesen sehr armen Familien passiert, in denen auf einmal die Frau diejenige mit einem monatlichen Einkommen ist.
Ich entschloss mich, in die Pilotstadt des Programms zu gehen: Nach Guaribas, im Sertão von Piauí, die einmal den schlechtesten Entwicklungsindex (HDI) von ganz Brasilien aufwies. Ich redete mit Frauen um die 30 Jahre und war sehr betroffen von einem Satz, den ich von mehreren Frauen immer wieder zu hören bekam: „Ich habe Sklaverei erlebt, ohne Schuhe mit nur einem Satz Kleidung und ohne Essen.“ Gleichzeitig sprach ich mit den Töchtern dieser Frauen: Alle hatten zu essen, gingen zur Schule, besaßen zumindest Gummisandalen und mehrere Kleidungsstücke. Ich bekam das Gefühl, Zeugin des Anfangs einer großen Veränderung in Brasilien zu sein.
Welches sind die wichtigen Themen Ihrer Filmproduktion?
Die Geschlechterfrage ist mir sehr wichtig, vielleicht weil ich in Vitória aufgewachsen bin, einer Stadt mit sehr hohen Raten an Femiziden und Gewalt gegen Frauen insgesamt. In meinen Filmen bearbeite ich die Ungerechtigkeiten, die mich empören. Damit ich mit meiner Wut umgehen kann, beobachte ich diese Ungerechtigkeiten aus nächster Nähe: Ich rede mit den Leuten, versuche, ihre Stimmen zu verstärken und denke darüber nach, wie wir eine gerechtere Welt aufbauen können. Die fabelhafte Zeitmaschine krönt meine bisherige Laufbahn der Auflehnung gegen eine zutiefst ungerechte Gesellschaft.
Wie wurden die Protagonistinnen des Films ausgewählt?
Wir haben einen audiovisuellen Workshop mit 15 Kindern im Alter von sieben bis elf Jahren gemacht. Wenn wir einen Film aus der Perspektive der Kinder machen wollten, mussten wir verstehen, wie sie handeln und wie sie Themen wie strukturellen Machismus und den Ausbruch aus der Armut sehen. Natürlich stachen dabei einige Mädchen hervor. Uns wurde klar, dass die Kinder, wenn sie etwas lernen, damit auch spielen. Das haben wir dann als Struktur für den Film übernommen. Und wir sahen, wie schwer manche Themen zu behandeln sind. Und dass manches, weil es um Kinder geht, nicht notwendigerweise verbalisiert, sondern erlebt werden musste.
„Die fabelhafte Zeitmaschine“. Brasilien 2026. Regie: Eliza Capai. Berlinale Generation. Auf dem Foto: Sophia. | Foto: © Carol Quintanilha
Es war eine gemeinsame Arbeit auf mehreren Ebenen. Es gibt einen Moment des „Direct Cinema”, wenn wir die Mädchen in ihrem Alltag zu Hause begleiten, beim Spielen, in der Schule, in der Kirche. Und Momente, die als Vorschläge in den Workshops entstanden, wie etwa die Interviews mit den älteren Frauen. Die Lösungen für die einzelnen Szenen kamen von den Mädchen selbst. Im Verlauf dieses Prozesses haben wir uns bemüht, einen Film zu machen, aber auch eine sozialpädagogische Rolle einzunehmen, da zu sein und einen Austausch über die Sprache zu suchen. Auf der anderen Seite haben wir uns die Szenen wie ein Spiel vorgestellt: Wir als Team waren da und haben eher gespielt, als dass wir die perfekte Szene angestrebt hätten.
Wie kam es zu der Idee, die Zeitmaschine als ein erzählerisches Mittel einzusetzen?
Im Gespräch mit den Mädchen und in deren Interviews mit den Müttern tauchte das Bild einer Zeitmaschine auf – als ein spielerisches Mittel, um Fragen wie diese zu stellen: „Hättest du eine Zeitmaschine und könntest in die Vergangenheit reisen, was würdest du tun? Und wenn diese Zeitmaschine in die Zukunft ginge, was würdest du gerne tun?“ Bei der Montage wurde uns klar, dass dieses Mittel es uns ermöglicht, die komplexe Geschichte einer Vergangenheit im Elend zu erzählen. Und die Geschichte dieser ersten Generation, die mit dem Recht aufwächst, zu essen, zur Schule zu gehen und andere Zukunftsentwürfe zu träumen.
Bildung, ein zentrales Thema in „Espero tua (re)volta” (Your Turn) ist auch hier wieder einer der Pfeiler des Films, nun aber aus dem Blick von Kindern und nicht von jungen Erwachsenen.
Espero tua (re)volta entstand in dem Zusammenhang einer Politik, bei der durch die Schließung zahlreicher Schulen das Leben von Jugendlichen Schaden nehmen würde. Sie wissen, dass auch diese Bildung nur unzureichend ist und nicht die wirklich wichtigen Themen behandelt. Und das wird ihnen klar, als sie ihre Schulen besetzen und anfangen, eigenständigen Unterricht zu gestalten und sich über Rassismus, Machismus und Körper auszutauschen.
In Guaribas gehen heute 98 Prozent der Kinder und Jugendlichen zur Schule – was großartig ist angesichts der Tatsache, dass ein Großteil ihrer Vorfahren Analphabeten sind. Aber wenn du sie nach der Schule fragst, ist die Antwort, dass sie diese am liebsten in die Luft jagen würden, weil sie, wie die meisten Schulen in Brasilien und der Welt, nicht der heutigen Zeit entspricht. Die Lehrpläne sind komplett veraltet und haben in der Regel nichts mit den lokalen Realitäten zu tun. Bildung sollte ein Ort der Freiheit sein: Man sollte dort das Wissen erhalten, das man braucht, um es im eigenen Alltag anzuwenden und sein zu können, wer man wirklich ist.
Im Lauf Ihrer Karriere hat der brasilianische Film unterschiedliche Phasen öffentlicher Politiken durchlaufen. Derzeit leben wir in einer Phase der Expansion und Internationalisierung. Wie sehen Sie diesen Moment?
Espero tua (re)volta ist in Berlin 2018 im zweiten Monat der Regierung Jair Bolsonaro gestartet. Damals war unser Kino gerade sehr stark und wurde dann mit der Schließung des Kulturministeriums beschädigt. Die Zeit danach [unter Bolsonaro] war so repressiv, dass ich mich erinnere, die Schülerinnen und Schüler gefragt zu haben, ob der Film wirklich in Brasilien gezeigt werden sollte, weil ich Angst hatte vor politischer und körperlicher Verfolgung. Erst seit der Wiedereröffnung des Kulturministeriums unter der Regierung danach [unter Präsident Lula da Silva] schöpften wir wieder Hoffnung.
Ich bin dieses Jahr wieder in Berlin, zusammen mit zahlreichen anderen brasilianischen Filmen in der Sektion Generation, und beobachte, wie sehr wir unabhängigen Filmschaffenden aus Brasilien versuchen, mit den Dystopien zu brechen, die unsere jüngste politische Geschichte prägen. Wir überlegen uns Formen, positive Utopien zu schaffen und Wege, den Kindern und Jugendlichen zuzuhören.
Februar 2026