Filmkritik | „No Good Men“  Gibt es (noch) gute Männer?

Anwar Hashimi und Shahrbanoo Sadat in „No Good Men“. Regie: Shahrbanoo Sadat
Anwar Hashimi und Shahrbanoo Sadat in „No Good Men“. Regie: Shahrbanoo Sadat Foto (Detail): © Virginie Surdej

Eine dramatische politische Geschichte, Romantik und feiner Humor: Shahrbanoo Sadat verbindet mitreißend viel im Berlinale-Eröffnungsfilm 2026. Die afghanischstämmige Regisseurin und Schauspielerin sucht in den Straßen von Kabul nach guten Männern – das Ergebnis ist mehr als ernüchternd.

„Was ist für dich eigentlich ein guter Mann?“, frage ich einen Bekannten am Abend nach der Pressevorführung von No Good Men. Die Frage begleitet mich den ganzen Tag. Er antwortet innerhalb von wenigen Sekunden: „Verantwortung übernehmen.“

Bereits im Vorspann von No Good Men (2026) blühen auf der Berlinale-Leinwand Blumen in allen Farben, Größen und Formen. „Reiß die Blütenblätter nicht heraus“, bittet Naru ihren dreijährigen Sohn Liam im ersten Satz des Films, der bei der Eröffnung der 76. Berlinale seine Weltpremiere feierte. Die afghanische Regisseurin Shahrbanoo Sadat stellt darin die Frage, ob es in Afghanistan noch gute Männer gibt.

Make-up gegen die Verzweiflung

Die Handlung spielt am Valentinstag. Liam hält eine rote Rose in der Hand, die er seiner Erzieherin schenken möchte. Er trägt ein Löwenkostüm; auf seinem Rucksack ist Simba abgebildet – eine Figur aus Der König der Löwen. Narus kleiner „Löwe“ scheint der einzige Mann zu sein, dem sie noch vertraut und den sie wie eine Löwenmutter beschützt. Nach der Trennung von ihrem Ehemann kämpft die junge Frau um das Sorgerecht für Liam. Die Geschichte setzt 2021 ein, kurz vor der erneuten Machtübernahme der Taliban in Afghaistan.

Naru, die von Sadat selbst gespielt wird, arbeitet als einzige Kamerafrau beim Fernsehsender Kabul TV. „Tragen Sie viel Make-up“, rät ein Experte einer verzweifelten Anruferin, deren Ehemann ihr nach der zweiten Schwangerschaft kaum noch Beachtung schenkt. Naru arbeitet als Kamerafrau für eine Frauensendung. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen trägt sie kein Make-up; lange Haare lehnt sie ab, da sie für sie ein Symbol männlicher Gewalt sind. „Stellen Sie sich eine Frau wie eine Blume vor. Mit jeder Schwangerschaft verliert sie ein Blütenblatt“, erklärt der Arzt weiter. In diesem Moment wird Naru klar, dass sie diesen Job nicht fortführen kann. Sie bittet den Chefredakteur um eine andere Position.

Gewalt statt Liebe

Durch Zufall erhält sie die Gelegenheit, ihren Kollegen Qodrat zu einem Exklusivinterview zu begleiten. Trotz anfänglicher Skepsis stimmt er zu. Doch der Interviewpartner sagt kurzfristig ab, weil Narus Kopftuch ihre Haare nicht vollständig bedeckt. Auf dem Rückweg beauftragt Qodrat sie, eine Straßenumfrage zum Valentinstag durchzuführen. Überall werden Rosen verkauft – doch niemand kann sagen, was Liebe eigentlich bedeutet. Die befragten Frauen berichten von gewalttätigen Ehemännern, von ausbleibenden Liebesbekundungen, von Kinderehen. Naru stellt Fragen, auf die sie selbst längst Antworten gefunden hat. Es wirkt, als suche sie weniger Bestätigung als vielmehr ein kollektives Bewusstsein. 

Trotz der ernsten Thematik, schafft es Sadat, neben den Einblicken in Kabuls Alltag, einen Gute-Laune-Film und eine Liebesgeschichte zu erzählen, in dem viele lustige Momente aus dem Kontrast der strikten Vorgaben der Gesellschaft entstehen. 

Von Blumen und Löwen

Sadat wollte mit diesem Film eine Frau zeigen, in der sie sich selbst erkennt. Die Symbolik der Blume durchzieht den gesamten Film. Auch das Motiv des Löwen kehrt wieder – etwa als kleines Kuscheltier am Rückspiegel in Qodrats Auto. Kann sich ein patriarchales System verändern, wenn eine einzelne Frau es infrage stellt? Muss erst ein Mann absagen, damit eine Frau eine Chance erhält? „So ist unser Land eben. Wissen Sie, in welchem Land Sie sind? Fühlen Sie sich am Familientisch nicht wohler?“ Solche Sätze prägen die Haltung, gegen die Naru ankämpft. Qodrat ist der erste gute Mann, mit dem sie zu tun hat. Er reflektiert sein Verhalten und ändert seine Haltung ihr gegenüber.
Berlinale-Pressekonferenz „No good men”

Berlinale-Pressekonferenz „No good men” | Foto: © Sofia Kleftaki

Bei der Pressekonferenz trägt die Regisseurin einen Kurzhaarschnitt, an ihrem Jackett eine große pinke Blume. Ich gratuliere ihr zum Film und deute auf die Brosche. Sie drückt mir einen Flyer in die Hand: ein pinkes, kaktusförmiges Glied mit Dornen, darüber der Titel des Films und der Untertitel „Eine afghanische Liebesgeschichte“. Auf der Rückseite steht die Frage: „Haben Sie einen guten Mann in Ihrem Leben?“ Ja. Nein. Vielleicht.