Mit Werken über das strapaziöse Leben von Reinigungskräften und über das Opfer eines rassistischen Anschlags laufen zwei der stärksten deutschen Filme in der Berlinale-Sektion Panorama.
Die harte Arbeit der Gebäudereinigung vollzieht sich oft nachts, bleibt unsichtbar – das ist auf der Berlinale nicht anders. Darin liegt wohl der große Unterschied zwischen Ich verstehe Ihren Unmut und Petra Volpes Film Heldin (Schweiz/Deutschland 2025), der im letzten Jahr zum Publikumsliebling avancierte. Darin ging es um die aufopfernde Arbeit von Krankenschwestern und -pflegern, denen man auch im wahren Leben seine Dankbarkeit ausdrücken kann und sollte.Der ausbeuterische Alltag von Reinigungskräften
Wenn hingegen Reinigungskraft Heike ihren Job gut macht, wird das gar nicht bemerkt. Bemerkt wird nur der Schmutz, wenn wieder mal keine Zeit blieb und die Kunden sich beschweren. Das tun sie in Kilian Armando Friedrichs hartem sozialrealistischen Drama unentwegt, denn das ist Heikes Position als Leiterin eines Reinigungstrupps. Auf der untersten Stufe des mittleren Managements bekommt sie den Druck von oben und unten, organisiert Termine, gibt Anweisungen, springt im Krankheitsfall selbst ein. Wenn sie in ihrem Auto hin und her telefoniert, raucht einem vor lauter Logistik der Kopf. So agieren im Film sonst nur Aktienhändler und Banker. Aber natürlich sprechen wir hier vom Niedriglohnsektor.Ich kann Ihren Unmut verstehen wurde mit Laiendarsteller*innen gedreht, vor allem die so beherzt und immer wieder verzweifelt auftretende Sabine Thalau ist eine Entdeckung. Die Kamera ist ihr dicht auf den Fersen, will sie und ihr aus nahezu sämtlichen Nationalitäten bestehendes Umfeld nicht objektivieren, sondern ihr Erleben eines ausbeuterischen Alltags am Rand der Erschöpfung nachfühlen lassen. Wie in den besten Filmen von Ken Loach oder der Brüder Dardenne ist auch Heike keine Heilige, im Kapitalismus macht sich jeder die Hände schmutzig. Man mag sie trotzdem oder eben deswegen. Und bewundert, wie kompromisslos und doch einfühlsam der Film aktuelle Diskurse verdichtet und die oft menschenunwürdigen Mechanismen von Outsourcing und Gig Economy sichtbar macht.
Packender Justizthriller mit cooler Heldin
Am anderen Ende der Einkommensskala sieht man in Staatsschutz die Deutsch-Koreanerin Seyo Kim. Als noch junge Staatsanwältin einer ostdeutschen Großstadt und Heldin eines düsteren Justizthrillers ist sie eine ungewöhnliche Besetzung. Seyo will ihren Weg machen in einer Institution, an die sie glaubt. Als sie Opfer eines rassistischen Anschlags wird, gerät dieser Glauben ins Wanken. Selbst für befangen erklärt, unternimmt sie Ermittlungen auf eigene Faust. Sieht es doch so aus, als läge die Befangenheit eher aufseiten der eigenen Justiz, die tatenlos bleibt und vielleicht sogar mit rechtsextremen Kräften sympathisiert.Mit seinem queeren Coming-of-Age-Drama Futur Drei heimste Regisseur Faraz Shariat auf der Berlinale 2020, ebenfalls im Panorama gezeigt, viele Preise ein. Als iranischer Migrant in zweiter Generation in Deutschland geboren und aufgewachsen, richtet er nun wieder den Blick auf marginalisierte Gruppen. Staatsschutz überzeugt aber nicht nur als klar antifaschistisches Statement, sondern auch als packender Thriller geradezu amerikanischer Machart. Als erstes besorgt sich Seyo – sie kann sich das leisten – ein schwarzes Muscle-Car à la Knight Rider, zugleich Schutzpanzer und Mittel der Selbstbehauptung. Unter ihrer Sturmhaube mutiert sie, fabelhaft gespielt von der 25-jährigen Theaterschauspielerin Chen Emilie Yan, fast zur coolen Ninja-Kämpferin.
Das rebellische Spiel mit dem Genre bleibt jedoch kein Selbstzweck. Shariat versteht seinen Film explizit als Aufruf, die Institutionen zu verteidigen, gerade in Zeiten ihrer Bedrohung. Das System muss reformiert, vielleicht sogar vor sich selbst geschützt werden. Wer sollte sich dafür besser eignen als die, die seines Schutzes besonders bedürfen?
Februar 2026