Ein transatlantischer Reigen zwischen Montreal und einem abgelegenen bulgarischen Dorf: Geneviève Dulude-De Celles erzählt in „Nina Roza“ feinfühlig von einer verletzten Vater-Tochter-Beziehung, von Entwurzelung und davon, wie vergangene Entscheidungen die Gegenwart einholen.
Eine leichte Sommerparty, Frauen, Männer, Kinder tanzen durch einen Garten. Vom ersten Moment an wird der Blick des Zuschauers auf die abwesend wirkende junge Frau in der Mitte gelenkt. Dann steht sie von ihrem Stuhl auf und läuft wie in Trance am Pool vorbei aus dem Bild.
Die hypnotische Eröffnungsszene von Nina Roza stimmt uns auf einen transatlantischen Reigen von Entfremdung und der Suche nach Verbindung ein. Der zweite Spielfilm der Quebecer Regisseurin Geneviève Dulude-De Celles, eine kanadisch-bulgarisch-italienisch-belgische Koproduktion, ist bei der Berlinale 2026 neben einer Reihe von Familien- und Beziehungsgeschichten im Wettbewerb um den Bären nominiert.
Wo bist du hingegangen?
Wir lernen Roza, gespielt von Michelle Tzontchev, kennen, die gerade aus dem Bild und aus ihrer Beziehung getreten ist. Sie bittet, wieder bei ihrem Vater, einem Kurator, einziehen zu dürfen. Mihail, gespielt von Galin Stoev, der ursprünglich aus Bulgarien stammt und vor Jahrzehnten nach Kanada ausgewandert war, ist mit der Vorbereitung einer Kunstausstellung beschäftigt und nimmt seine Tochter und ihren kleinen Sohn eher widerwillig bei sich auf. Ebenso widerwillig kehrt Mihail zum ersten Mal seit seiner Auswanderung in sein Herkunftsland zurück, um in einem abgelegenen Dorf nach einem angeblichen Wunderkind zu suchen, das wie eine junge Wilde malt. Gezwungen, sich einer Vergangenheit zu stellen, die er vergessen wollte, merkt Mihail nach und nach, welchen Preis die Entwurzelung seiner Familie er mit der beschädigten Beziehung zu seiner Tochter zahlt. „Ich bin nicht mehr da. – Wo bist du hingegangen? – Ich wünschte, ich wüsste es“, lautet ein Austausch.Die Vergangenheit bestimmt die Gegenwart und die persönlichen Kämpfe der Figuren in Dulude-De Celles' subtiler und gut konstruierter Erzählung über Zwischen-Existenzen.
Die einfallsreiche und effektive Kameraführung, von Passagen aus der Ich-Perspektive über breite Schwenks bis hin zu extremen und ausdrucksstarken Nahaufnahmen von Ohren, Augen und Händen, nimmt das Publikum mit auf eine Odyssee zerbrochener Identitäten und Beziehungen, wobei es in der Mitte etwas langatmig wird. „Ich interessiere mich in erster Linie für den Menschen, egal ob in Dokumentar- oder Spielfilmen; ich möchte unsere Realität betrachten, Gesichter, in denen wir uns wiedererkennen können“, kommentierte die Regisseurin im Interview mit Festival Scope. Eine herausstechende Szene zeigt Mihail, wie er auf die leere weiße Galeriewand starrt. Der bulgarische Schauspieler und Theaterregisseur Galin Stoev strahlt selbst von hinten beobachtet Spannung aus. Schnitt zu seinem Haus, vollgestopft mit Dingen und bewohnt von verblassten Erinnerungen. Das Design des Films ist durchzogen von erdigen Farben – Braun-, Grün- und Gelbtönen – aus den Innenräumen Montreals zu den bulgarischen Feldern.
Kuratieren heißt sich kümmern
Dulude-De Celles, die bereits für ihren Debütfilm A Colony aus dem Jahr 2019 mit einem Kristallbären ausgezeichnet wurde, erzählt eine Vater-Tochter-Geschichte, in der es um Vertrauen und Verlust, Handlungsfähigkeit und die Sinngebung von Lebensabschnitten geht. Kunst zieht sich wie eine Metapher durch den Film. Kuratieren, so lernen wir, bedeutet „sich kümmern“. Mihail muss nur seine berufliche Energie und sein Fachwissen auf seine Familie anwenden, scheint die Regisseurin zu signalisieren. Getragen von einer dröhnenden Orchestermusik, bulgarischer Popmusik der 1970er Jahre und den traditionellen Frauenstimmen des Balkans – „der Musik des Kosmos“ – erforschen und drücken Kunst und Kultur die Seele aus.Es ist faszinierend, wenn eine jüngere Filmemacherin eine ältere männliche Perspektive wählt – eine Entscheidung, die Nina Roza mit dem deutschen Wettbewerbsbeitrag Home Stories von Eva Trobisch verbindet, einer weiteren Vater-Tochter-Erzählung, die sich mit vergangenen Entscheidungen und aktuellen Identitätsfragen auseinandersetzt. Nina Roza ist visuell ansprechend, wirkt impressionistisch und atmosphärisch, durch Passagen ohne Dialog hindurch, ohne narrative Details zum Tod von Rozas bulgarischer Mutter. Große, wenn auch unterdrückte Emotionen durchlaufen den Film und kommen vielleicht am erfolgreichsten in einer intensiven und berührenden Szene zum Vorschein, in der Mihail zum Abendessen seiner zurückgelassenen bulgarischen Familie erscheint. Es erfordert etwas Willen, sich durchgängig für den oft schwierigen Protagonisten Mihail und seine unsichtbaren Dämonen zu interessieren. Manche Zuschauer mögen finden, dass der lyrische Stil des Films mehr Drama verspricht, als die inneren Konflikte liefern. Aber wenn man Nina Roza Zeit und Nachwirken erlaubt, erzählt oder vielmehr zeigt der Film eine feinfühlige Geschichte von Verlust und Entwurzelung, von der Neuausrichtung des eigenen Lebens und von Beziehungen unter neuen Umständen und in neuen Kontexten.
Die einzige Figur, die ihr Leben aktiv gestaltet, ist das Wunderkind Nina, eher eine Allegorie oder ein Alter Ego, wie der doppelte Name und der interkulturelle Titel des Films Nina Roza andeuten. Sie trifft mutige und bewusste Entscheidungen, um ihre Kreativität und Integrität vor äußeren Zwängen zu schützen, zu performen, sich zu kommerzialisieren oder ihre Heimat zu verlassen. Was sentimental hätte ausgehen können, endet mit einer trotzigen und zukunftsorientierten Note. „Du bist ein Geist, und ich glaube nicht mehr an Geister.“
Trailer:
„Nina Roza“
Kanada, Italien, Bulgarien, Belgien | 2026 | 103 min
Regie und Drebuch: Geneviève Dulude-de Celle
Mit: Galin Stoev, Ekaterina Stanina, Sofia Stanina, Chiara Caselli, Michelle Tzontchev
Februar 2026