Rundgang durch die Bavaria Filmstadt  Das bayerische Hollywood

Blick auf einen Straßenzug mit gelben, babyblauen und rosanen Altbauhäusern auf dem Filmgelände der Bavaria Filmstadt.
Auf dem Gelände der Bavaria Filmstadt wurden ganze Straßenzüge nachgebaut, hier sogar mit Straßenbahnschienen. © picture alliance / dpa | Elmar Hartmann

Über 100 Jahre Filmgeschichte liegen im Süden Münchens. Hollywood-Stars, deutsche Film-Klassiker und TV-Geschichte prägten diesen Ort. Doch statt nur vom guten Ruf zu leben, träumt man heute vom großen Remake vergangener Tage.

Mehr Blockbuster und Serienhits Made in Germany, das wäre mal wieder was. Seit Jahren sieht es mau aus mit deutscher Leinwandkunst, dabei war das mal anders. Bald könnte sich das jedoch ändern, und zwar im Münchner Stadtteil Grünwald. Denn nirgendwo sonst treffen Vergangenheit und Zukunft des Films so unmittelbar aufeinander wie hier. Draußen huschen Besuchergruppen durch die Straßen, drinnen wird gedreht. Das Gelände der Bavaria Filmstadt, erreichbar mit eigener Tramhaltestelle, ist so groß wie ein eigener Stadtteil, mit Cafés, Kantinen, Kioske und Kinos. Natürlich ist hier nicht alles in Betrieb, manches ist nur Kulisse.

1000 Quadratmeter Klamotten für Film und Fernsehen

Keineswegs Kulisse und in vollem Betrieb ist der Kostümverleih. Weit über 100.000 ausleihbare Kleidungsstücke lagern im Fundus. Eva Scherrer kennt hier jede Falte und Naht. „Beachte bitte nicht das Chaos“, sagt sie – dabei ist alles ordentlich sortiert. Auf 1000 Quadratmeter Lagerfläche, verteilt auf zwei Stockwerke, reihen sich rund 3,60 Meter hohe, rappelvolle Schränke. Die oberen Bügel erreicht man nur mit einer Leiter. Gut zwei Jahre brauche man, bis man sich hier auskenne, erzählt Scherrer, die seit über 30 Jahren dabei ist und heute die Film- und Theaterausstattung (FTA) leitet.

Zwischen Samurairüstungen, Polizeiuniformen und zerfledderten Mänteln, die im Film und Fernsehen schon als Kostüme für Kriegsheimkehrer oder Obdachlose dienten, wirkt Scherrer wie eine Archäologin und Zukunftsforscherin der deutschen Filmgeschichte. „Ich hab noch nie drüber nachdenken müssen, wie ich meinen Tag rumbringe“, sagt sie. Ihr Handy klingele ständig, „To-Go-Ware“ nennt sie das neue Filmzeitalter: Produktionen, die morgens anrufen und mittags 150 Kostüme brauchen. „Manchmal schluckst du zuerst, aber wir probieren, alles möglich zu machen.“
Eva Scherrer, Leiterin des Kostümverleihs, steht vor einem Regal mit High Heels in verschiedenen Farben und hält ein Kleidungsstück in die Kamera.

Eva Scherrer kennt den Fundus wie ihre eigene Westentasche | © Daniel Hinz

Die Modegeschichte der Republik und des Films hängt hier an Bügeln. Ein T-Shirt kostet sechs Euro Miete, ein Anzug über hundert. Ab einer Woche gibt es Rabatt, Reinigung inklusive. Scherrer kennt jedes Teil. Die meisten haben Barcodes, andere erzählen ihre Geschichte nur in Falten. Ein Kleid zieht sie besonders vorsichtig aus dem Regal. „Das hier“, sagt sie, „ist aus Eins, zwei, drei von Billy Wilder, 1961.“ In dem Film-Klassiker schimpft James Cagney als Coca-Cola-Manager im geteilten Berlin, wofür sie hier sogar das Brandenburger Tor nachbauten, wenn auch in etwas kleiner und ohne Quadriga. Das Kleid trug Lilo Pulver. Eins von wenigen nicht ausleihbaren Teilen, immerhin sei das „kein Museum“, betont Scherrer.

Hitchcock und das „Los Angeles des Isartals“

Gedreht wird in den insgesamt 12 Studios, natürlich fußläufig von Scherrer entfernt. Das Gelände wirkt wie ein begehbares Filmmuseum. Über 100 Jahre ist das hier gewachsen, Schicht für Schicht: 1919 gegründet, durch die Weimarer Zeit geschlittert, von den Nazis missbraucht, von den Amerikanern nach 1945 besetzt und irgendwann wieder in deutsche Hände überführt. Ein Mikrokosmos im Spiegel seiner Zeit. Wie die Kostümkammer ist auch das Filmareal ein lebender Organismus, der sich ständig verändert. Also hinaus, erstmal in den Nordteil zur sogenannten Münchner Straße oder Metropolitan Street, wo ganze Straßenzüge nachgebildet sind. 1986 für die Serie „Löwengrube“ gebaut, sind hier sogar Tramschienen verlegt. Kürzlich haben hier Stars des FC Bayern München zusammen mit der Uhrenmarke Breitling einen Werbespot gedreht.

Von hier aus sieht man die Umrisse von Studio 1, dem im Jahr 1919 gebauten Glasatelier. Damals brauchte man gute natürliche Lichtverhältnisse, weil es zu jener Zeit noch keine starken Scheinwerfer gab. 1928 ging das Dach zu Bruch. Anschließend wurde es wieder formgetreu aufgebaut, allerdings ohne Glas. Zu Beginn hieß die Bavaria noch Emelka und Ikonen drehten hier ihre ersten Filme. Der Brite Alfred Hitchcock in den 1920er-Jahren, als man vom „Los Angeles des Isartals“ sprach. Filmgrößen wie Orson Welles, Stanley Kubrick, Gregory Peck, Gene Kelly und Tony Curtis drehten in den 1950ern in Grünwald. In den 1970ern folgte Rainer Werner Fassbinder, Wolfgang Petersen in den 1980ern mit Das Boot.

„Das Boot“ sehen und begehen

Das Boot war mehr als nur ein Kriegsfilm. Ein Wendepunkt. Der Moment, in dem das deutsche Kino wieder ganz oben mitspielen wollte. Der Film erzählt die Geschichte einer deutschen U-Boot-Besatzung im Zweiten Weltkrieg: klaustrophobisch, laut, schweißnass. Männer, die wochenlang unter Wasser eingeschlossen sind, zwischen Angst, Pflichtgefühl und Verzweiflung. Dieses Kriegsdrama war einer der wichtigsten Filme für die Bavaria: 30 Millionen Mark Budget, ein großes Risiko, das aufgegangen ist.

In einer Halle direkt neben Studio 1, damals als Provisorium gedacht, wurde das Boot gehämmert, geschweißt, gebaut. „Aus Provisorien wird hier oft etwas Dauerhaftes“, sagt ein Mitarbeiter dazu und lacht. Neben der Halle und Studio 1 liegt eine graue Stahlröhre, das Modell von „Das Boot“, wo eine Tourleiterin gerade eine Familie hindurchführt. Die rund fünfzig Meter lange verkürzte Replik des Originals wurde zum Symbol für den Ehrgeiz deutscher Filmkunst. In der U-Boot-Bau-Halle sind heute übrigens die Kulissen von Bully Herbigs Das Kanu des Manitu und Fack ju Göhte 3 ausgestellt.
Eine Schultafel aus dem Film "Fack ju Göhte 3"

Ein Teil moderner deutscher Filmgeschichte: Die Tafel aus "Fack ju Göhte 3" | © Daniel Hinz

Früher hallten hier Hämmer, heute nur noch Schritte von Besuchergruppen. Die Kulissen sind Besuchermagneten. Jeden Tag gibt es zahllose Führungen, mit insgesamt über 200.000 Besucher*innen im Jahr. Die nächsten stehen schon wieder an.

Mit neuem Geld zu altem Glanz

In Grünwald hofft man auf ein Remake der guten alten Zeiten. Allerdings wird das kein leichtes Unterfangen, schließlich verliert der Filmstandort Deutschland seit Jahren an Einfluss und Attraktivität. Während sich Tschechien, Bulgarien oder auch Spanien als lukrativere europäische Standorte in der Szene breitmachen, hoffen sie hier in Bayern auf eine Neugestaltung der Fördermöglichkeiten.

Ende Juli 2025 beschloss der Bundestag eine Erhöhung der Fördermittel für den Deutschen Filmförderfonds (DFFF) und den German Motion Picture Fund (GMPF) ab 2026 auf 250 Millionen Euro, was nahezu eine Verdoppelung darstellt. Und das könnten Produktionsfirmen und Regisseure in Grünwald ausgeben. Auch wenn Bavaria Film mit ihrem touristischen Angebot und ihren vielen Tochterfirmen abseits des Filmmarkts breit aufgestellt scheint: ein bisschen mehr Film wünschen sich hier alle.

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