Geht es um Krankheiten, besonders um schwere, sprechen wir oft so, als wollten wir in die Schlacht ziehen. Unser neuer Kolumnist Simon Sahner weiß aus leidvoller Erfahrung, dass uns martialische Metaphern helfen können, die Zumutung eines kranken Körpers auszuhalten – und um Gesundung zu kämpfen.
Vor einigen Tagen rief ich achtzehn Mal bei der Terminvergabe einer Uniklinik an. Jedes Mal war entweder besetzt oder ich wartete zehn Freizeichen ab, bevor ich wieder auflegte. Beim neunzehnten Mal ging endlich jemand dran. Ich spulte die Begriffe herunter, die mir unfreiwillig in Fleisch und Blut übergegangen sind: Tumornachsorge, Oberschenkel, Thorax, CT, MRT. Nach drei Minuten hatte ich einen Termin vereinbart.Den Feind bekämpfen
Das mache ich seit fast zehn Jahren. Jedes Mal werde ich wieder in diese Sprachwelt einer Krankheit zurückgeworfen, die mich für etwa ein Jahr jeden Tag umgeben hat. Es ist eine Sprachwelt, die aus zwei Bereichen bestehen: einem wörtlichen und einem metaphorischen. Im wörtlichen Bereich beschreiben wir die Krankheit als das, was sie ist: ein medizinisch fassbarer Vorgang im menschlichen Körper. In meinem Fall war das ein Knochentumor im rechten Oberschenkel, der vielleicht bereits Mikrometastasen in der Lunge gebildet hatte. Dieser Bereich der Sprache erklärt zwar genau, um welche Krankheit es sich handelt, aber nicht annähernd ausreichend, wie sehr und in welcher Form eine Krankheit Einfluss auf unser Leben nimmt. Deshalb haben wir einen metaphorischen Bereich entwickelt, um dem, was eine Krankheit mit uns macht, Ausdruck verleihen zu können. Es ist – besonders im Falle von Krebs – oft eine Sprache des Kampfes, des Krieges, des Widerstandes, des Durchhaltens. Die Krankheit ist der Feind, dem wir gegenübertreten.Kaum eine andere Erkrankung nehmen wir so sehr als einen tatsächlichen Feind wahr wie Krebs. Gegen einen Feind können wir Kriege führen, 1971 rief deswegen der damalige US-Präsident Richard Nixon den War on Cancer aus. Der Onkologe Siddhartha Mukherjee nimmt diese Metapher im Vorwort zu Der König aller Krankheiten auf und bezeichnet sein Buch über Krebs als „Geschichte eines Krieges“, es gebe „Siege, Niederlagen, Feldzüge über Feldzüge, Helden und Hybris, Überleben und Widerstand.“ Krebs erscheint hier als ein Feind, dem man sich stellen kann. Genaugenommen aber ist diese Art der Metaphorisierung falsch. Denn Krebs ist eine Krankheit, die aus dem Inneren des Körpers heraus entsteht - und eben kein Feind, der von außen angreift. Es gibt zwar äußere Faktoren, die das Entstehen der Krankheit begünstigen, aber letztlich wächst sie in unserem Körper, der sich auf diese Weise gegen sich selbst wendet.
Indem wir einen Tumor aber sprachlich metaphorisch als etwas fassen, das dem Körper selbst fremd ist, können wir für uns eine Kriegserzählung entwerfen, in der wir die Helden im Kampf gegen einen gefährlichen Gegner sind. Das ist für den emotionalen Umgang mit dieser Krankheit elementar. Erst wenn der Krebs zum Feind erklärt ist, der den eigenen Körper angreift, können wir in den Krieg gegen ihn ziehen.
Motivierende Metaphern
Das hat einen psychologischen Effekt auf Patient*innen und Ärzt*innen. Wenn wir Krebs mit diesen Metaphern umstellen und ihm im übertragenen Sinn den Krieg erklären, tun wir nichts anderes, als uns für eine Herausforderung zu motivieren – das Kriegsnarrativ, das wir uns erzählen, ist die Ansprache des Anführers an seine Kämpfer, bevor sie in die Schlacht ziehen.Metaphern sind im sprachlichen Umgang mit Krankheiten entscheidend, weil uns Krankheiten oft äußerst abstrakt begegnen. Wir spüren die Symptome und leiden unter den Folgen. Den Tumor oder das Virus aber sehen wir fast nie. Sprache ist hier deswegen – wie so oft – ein Mittel, um etwas, das wir nicht sehen können und trotzdem fürchten, in Bilder zu kleiden, die uns helfen, unsere Emotionen auszuagieren.
Umgekehrt nutzen wir Krankheitsbegriffe wie Krebs, Virus, Epidemie oder Fieberkurve häufig, um andere Vorgänge metaphorisch zu beschreiben, die konkret nichts mit Krankheiten zu tun haben. Es ist ein metaphorisches Sprachspiel mit zwei Seiten, das auch die US-amerikanische Essayistin Susan Sontag in ihrem berühmten Text Krankheit als Metapher beschrieben hat. Damit beschäftige ich mich in der nächsten Ausgabe dieser Kolumne.
Sprechstunde – die Sprachkolumne
In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.
Februar 2026