Social Media lebt von Übertreibung und starken Gefühlen – nicht das Geschäft von Bibliotheken und anderen öffentlichen Einrichtungen. Berit Glanz hat stattdessen witzige Buchvideos entdeckt, präsentiert von entspanntem Bibliothekspersonal. Ein Trend, der bestens ankommt.
„Du bist die Sorte Frau, über die Bücher geschrieben werden“, steht als Überschrift auf einem Video mit kunstvoll dekorierten Petit Fours. Es folgt ein Schnitt zu einer attraktiven Frau, die in einen Burger beißt, und schließlich ein weiterer zum Cover von Eric Carles Erfolgsbilderbuch Die kleine Raupe Nimmersatt.Dieser Trend ist derzeit auf TikTok und Instagram allgegenwärtig. Der Witz lebt von der Annahme, dass Menschen, über die Bücher geschrieben werden, besonders aufregend, klug, witzig oder attraktiv seien, eben einzigartige Heldinnenfiguren. Stattdessen enden die Videos dieses Trends häufig auf Buchtiteln, die diese Erwartung durchbrechen: darunter sind Bilderbücher wie I Hate Everyone von Naomi Danis oder The Ugliest Monster in the World von Luis Amavisca und Erica Salcedo, Klassikern wie Der Idiot von Fjodor Dostojewski oder Der Geizige von Molière oder Sachbücher wie The Madwoman in the Attic von Sandra Gilbert und Susan Gubar.
Buchregale, humorvoll präsentiert
Auffällig ist zudem, dass dieser Trend besonders gut funktioniert, wenn die Protagonist*innen in den Clips durch die Gänge von Bibliotheken gehen, Bücher aus den Regalen ziehen und sie in die Kamera halten. Zahlreiche Einrichtungen aus dem englischsprachigen Raum haben sich bereits beteiligt und ihre Angestellten auf humorvolle Weise Bücher präsentieren lassen, mit denen sie sich selbstironisch charakterisieren. Ganz nebenbei zeigen diese Videos die erstaunliche Bandbreite der Bücherschätze in öffentlichen Bibliotheken.Mangas mit 90? Aber sicher!
Öffentliche Einrichtungen haben es auf Social Media nicht immer leicht. Büchereien, Schulen, Feuerwehren und Nationalparks wollen in erster Linie ihre Zielgruppen erreichen, auf ihre Inhalte und Themen aufmerksam machen und Vermittlungsarbeit leisten. Gleichzeitig dürfen sie niemanden mit zu derbem Humor oder kontroversen Inhalten vor den Kopf stoßen. Die sozialen Medien belohnen jedoch vor allem Content, der Grenzen überschreitet, vollkommen absurd ist oder starke Gefühle auslöst. Vermutlich sind das nicht die ersten Emotionen, die man mit Büchereien und ihren Mitarbeitenden verbindet, die sich meist als sehr normale und freundliche Menschen präsentieren.Dennoch gelingt es sogar Kleinstadtbibliotheken immer wieder, mit ihren Videos enorme Reichweiten zu erzielen. Ein Beispiel ist die Milwaukee Public Library, deren 2022 veröffentlichtes Video einer älteren Dame bei der Auswahl ihrer Mangas über 800.000-mal angesehen wurde. In dem viralen Clip widerspricht sie der Aussage, man solle mit 78 Jahren keine Mangas mehr lesen, indem sie entgegnet, sie sei 90 und ihren (verpixelten) Mittelfinger zeigt.
Fröhlicher Bibliotheksalltag
Seit einigen Monaten tauchen auch andere Bibliotheken aus den USA mit viralen Videos, in denen sie für ihre Häuser und Bibliotheksmitgliedschaften werben. Mit ihren Reels erreichen sie teilweise millionenfache Klickzahlen. Gemeinsam ist diesen Inhalten, dass sie sich selbst nicht allzu ernst nehmen. Im Gegenteil: Sie wirken, als hätten ganz normale Menschen in ihren ganz normalen Jobs einfach große Freude daran, diese humorvollen Beiträge nebenbei zu produzieren. Und genau diese Alltagsfröhlichkeit und Leidenschaft für den eigenen Arbeitsplatz scheint vielen Menschen im Internet derzeit besonders zu gefallen. Dass es sich dabei auch noch um Bibliotheken handelt, die in vielen Ländern aktuell unter erheblichem Finanzierungsdruck stehen, von Debatten um Buchverbote betroffen sind und parallel eine ausgesprochen wichtige öffentliche Aufgabe erfüllen, macht diese Videos umso sympathischer.Sprechstunde – die Sprachkolumne
In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.
Januar 2026