Manche Krankheiten werden von Erzählungen umrankt. Sie vermitteln, dass die Menschen selbst für den Ausbruch ihrer Krankheit verantwortlich sind. Simon Sahner beschäftigt sich mit diesem Effekt – und warnt vor der verschleiernden Wirkung von Mythen.
Am 2. November 1976 starb der Schweizer Autor Fritz Zorn mit nur 32 Jahren an einer Krebserkrankung. Im darauffolgenden Jahr, 1977, erschien sein autobiografisches Buch Mars, in dem er sowohl seine Krebserkrankung als auch deren scheinbare Ursachen beschreibt. Wieder ein Jahr später publizierte die US-amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag das Buch Krankheit als Metapher. Es ist allein aufgrund der zeitlichen Nähe unwahrscheinlich, dass Sontag den Text von Zorn kannte und dennoch liest sich ihr Essay wie eine Erklärung für dessen Gedanken.Falsche Schuldzuweisungen
Für Zorn war seine Erkrankung die logische Folge eines verlogenen Lebens. Insbesondere unausgesprochene und unterdrückte Emotionen sowie fehlende sexuelle Erfüllung macht er verantwortlich für die Entstehung des malignen Lymphoms, an dem er schließlich starb. Letztlich, so behauptet er in Mars, sei seine reiche und bürgerliche Züricher Familie, in der jede Emotion und Liebe grundsätzlich unterdrückt worden sei, an allem Schuld.Mit dieser Sichtweise, die – das muss einmal deutlich gesagt werden – medizinisch falsch ist, steht Zorn in dieser Zeit nicht allein da. Das musste auch Susan Sontag feststellen, als sie in den Siebzigerjahren aufgrund ihrer eigenen Krebserkrankung anfing, sich mit den Erzählungen, die Krebs und andere Krankheiten umranken, zu beschäftigen. In Krankheit als Metapher legt sie den Fokus neben Krebs vor allem auf Tuberkulose und stellt fest: „Wie man von TB einst annahm, daß sie von zuviel Leidenschaft herrühre und die Ruhelosen und die Sinnlichen befalle, so glauben heute viele, daß Krebs eine Krankheit unzureichender Leidenschaft sei, die diejenigen befalle, die sexuell unterdrückt, gehemmt, unspontan sind und unfähig, Wut auszudrücken.“
Schambehaftete Diagnose
Manche Krankheiten, so Sontag, sind nicht nur medizinische Ereignisse, sondern bieten Anlass zu Erzählungen. Problematisch werden diese Erzählungen, wenn sie als Erklärungen herangezogen werden oder ihnen ein Einfluss auf den Krankheitsverlauf zugeschrieben wird. Das führt dazu, dass die Diagnose einer Krankheit oft nicht allein als medizinische Feststellung wahrgenommen wird, sondern scheinbar eine Aussage über die Person beinhaltet. Dadurch wurde Tuberkulose insbesondere um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu einer Krankheit erklärt, die vor allem die Sensiblen, die Feingeistigen und dadurch nicht zuletzt die Künstler*innen befiel. Die Krankheit wurde romantisiert und geriet zum Thema vieler Gemälde, Gedichte und Romane – ein bekanntes Beispiel dafür ist Thomas Manns Zauberberg.Krebs hingegen, glaubt man der Erzählung rund um diese Krankheit, frisst den Menschen von innen auf und zersetzt ihn. Deswegen sah man ihren Ursprung lange – wie bei Zorn dargestellt – als Resultat seelischer Vorgänge, unterdrückter Lust und verdrängter Gefühle. Zorn war sich sicher, es handele sich um eine „seelische Krankheit“. Diese verbreitete Auffassung ist der Grund dafür, dass die Diagnose Krebs für viele Menschen bis heute mit Scham verbunden ist. Noch bis in das ausgehende 20. Jahrhundert hinein galt beispielsweise in Frankreich die Regel, dass Patient*innen nicht über die Diagnose informiert werden sollten, sondern nur Angehörige davon erfuhren. Auch ich selbst habe 2008, als Neunzehnjähriger, die Erfahrung gemacht, dass der Arzt zunächst meiner Mutter von meiner Krebsdiagnose berichtete.
Warum ich?
Als in den 1980er-Jahren mit der Verbreitung des HI-Virus AIDS als Krankheitsbild zur Epidemie wurde, hat man die Krankheit in einer homophoben Volte schnell als Lustseuche gebrandmarkt, die angeblich in erster Linie homosexuelle Männer betraf. Auch bei dieser Krankheit wiederholte sich also der Effekt: Der erkrankte Mensch wird zu einem großen Teil selbst für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich gemacht. Sei es, weil er zu sehr an der Welt leidet, sei es, weil er seine Gefühle unterdrückt oder weil er sich nicht an eine repressive Sexualmoral hält.Die Kraft dieser Erzählungen ist so stark, dass selbst viele Erkrankte ihr folgen, dafür ist Fritz Zorn ein prägnantes Beispiel. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie vermeintlich logische Erklärungsansätze für eine Situation bieten, die schwer zu akzeptieren oder gar wirklich nur schwer zu erklären ist: Warum trifft es ausgerechnet mich?
Verschleiernde Mythen
Es ist leider ein Trugschluss, zu denken, diese Mythen und Erzählungen über Krankheiten gehörten in eine unaufgeklärte Vergangenheit. Bis heute müssen sich zum Beispiel viele Menschen, die an den chronischen Folgen einer COVID-Erkrankung leiden, für ihren Gesundheitszustand rechtfertigen, weil ein Teil der Gesellschaft und viele Mediziner*innen dem Glauben anhängen, ihr Leiden, konkret oft ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom), sei die Folge einer schwachen Psyche und fehlender Willenskraft.Sprache und Erzählungen sind für uns Menschen entscheidende Mittel der Welterklärung – die zudem nicht folgenlos bleiben. Dies gilt insbesondere dann, wenn sie Mythen und Metaphern generieren, die unseren Blick auf medizinische Fakten verschleiern.
Sprechstunde – die Sprachkolumne
In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.
Februar 2026