Vom vollbesetzten Familienbus in Syrien zur minutiös geplanten Radtour in Deutschland – unser*e Autor*in nimmt uns mit auf eine Reise durch zwei Welten des Unterwegsseins und zeigt, dass ein Ausflug weit mehr als ein Ortswechsel sein kann.
Es ist ein Morgen wie so viele in meiner Kindheit: Meine Mutter sitzt auf dem Sofa, trinkt ihren Kaffee und hört arabische Musik, als plötzlich das Telefon klingelt. Meine Tante ist am anderen Ende der Leitung und fragt, ob wir am nächsten Tag Lust auf einen spontanen Ausflug in ihr Ferienhaus in den Bergen haben. Eine feste Uhrzeit? Ein Plan? Fehlanzeige. In Syrien entstehen Ausflüge oft im letzten Moment – und genau das macht ihren Charme aus.Familie, Musik und das Chaos, das verbindet
Am nächsten Tag stehen trotzdem alle bereit. Nicht zehn, nicht zwanzig – rund fünfzig Familienmitglieder haben sich versammelt. Mein Onkel hat einen alten Bus organisiert, in dem alle genug Platz finden. Ich sitze auf Decken im hinteren Teil mit den anderen Kindern, umgeben von Trommeln, Spielen und lauten Stimmen, die schon vor der Abfahrt anfangen voller Freude zu singen. Der Weg wird zur rollenden Feier: Lachen und Musik erfüllen den Bus und die Vorfreude wächst mit jedem Kilometer.Am Ferienhaus angekommen, beginnt ein vertrautes Ritual. Salat wird gewaschen und geschnitten, Ayran angerührt, Kebeh und Kebab wandern auf den Grill. Granatäpfel werden frisch gepresst und in große Karaffen gefüllt. Das Treiben wird von Musik untermalt und alle zwanzig Minuten entsteht wie von selbst ein Dabkeh-Tanz. Alle tanzen, stampfen und klatschen, während mein Cousin auf der Darbuka trommelt und mein Onkel auf der Oud spielt.
Die Darbuka bringt Rhythmus in jeden Dabkeh-Tanz. | Foto (Detail) © mauritius images / Zoonar/Suprun Vitaly, Zoonar GmbH / Alamy / Alamy Stock Photos
Drei Monate Vorbereitung für einen Nachmittag
Die Erinnerung an meinen ersten Ausflug in Deutschland erzählt eine andere Geschichte: bis ins Detail geplant, durchdacht, getaktet. Ein Gegensatz zu all dem, was ich aus Syrien kannte. Alles begann damit, dass meine Mitbewohnerin mit mir einen Ausflug in die Natur machen wollte. Schon drei Monate im Voraus wurde geplant – die Anfahrt, die Rückfahrt, das Essen, die Kleidung – jedes Detail stand fest. Keine Frage blieb offen, nichts wurde dem Zufall überlassen.Doch ein Detail warf mich aus der Bahn: „Ahmad, wir fahren knapp zwanzig Kilometer mit dem Fahrrad hin,“ informierte mich meine Mitbewohnerin. Die längste Strecke, die ich bis dahin je mit dem Rad gefahren war, hatte zehn Minuten betragen. Fassungslos stand ich da – warum hatte ich mir das angetan?
Der See, der mich an meine Grenzen brachte
Doch schließlich saß ich auf dem Fahrrad auf dem Weg an den See. Meine Mitbewohnerin fuhr vor mir, mal konnte ich sie sehen, mal war sie wie vom Erdboden verschwunden. Ich strampelte hinterher, kämpfte mit meiner Geschwindigkeit und fragte mich, warum ich nicht einfach auf dem Sofa zuhause geblieben war. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir den See. Ich war völlig erschöpft, rang nach Luft. Meine Mitbewohnerin drehte sich zu mir um, lächelte und sagte: „Jetzt haben wir uns die Entspannung verdient.“ Ein Satz, der mich bis heute begleitet.Erst die Arbeit, dann das Vergnügen
Seitdem begegnet mir dieses Prinzip überall in Deutschland: Erst wandern, dann im Biergarten essen. Erst spazieren, dann Kaffee trinken. Erst das Zelt aufbauen, dann lesen. Es ist immer das gleiche Prinzip: erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Auch für die beiden gilt wohl: Erholung muss man sich verdienen. | Foto (Detail) © mauritius images/ Westend61 RF
Mit der Zeit habe ich begriffen, dass beide Welten ihren eigenen Rhythmus haben. Ich bewege mich zwischen der Darbuka meines Cousins und dem Fahrrad meiner Mitbewohnerin, zwischen spontanen Familientrips und sorgfältig geplanten Wochenendausflügen, zwischen lauten Busfahrten und stillen Momenten am See.
Januar 2026