Geflüchtete Kinder aus der Ukraine Körperlich bei der Mutter, in Gedanken beim Vater

An der ukrainisch-slowakischen Grenze am zweiten Tag des Angriffskrieges Foto: © Andrej Bán

Auf der Rakete, die Anfang April in der ukrainischen Stadt Kramatorsk einschlug, war die Aufschrift „für die Kinder“ zu lesen. Sie ist zu einem Symbol der russischen Aggression gegen die Schwächsten geworden. Die Hilfe, die wir ihnen beispielsweise in der Slowakei gewähren, kann das Leben einzelner Menschen und einer ganzen Generation beeinflussen.

Der Krieg zerstört das Leben von Millionen Menschen in der Ukraine und nimmt dabei keine Rücksicht auf irgendetwas, nicht einmal auf das Alter. Die Geschichten von Kindern, die in den Kriegsgebieten zurückgeblieben sind, und derjenigen, die geflohen sind und ihre Häuser, ihre Freunde, Schulen und Spielsachen zurücklassen mussten, handeln von einer verlorenen und traurigen Kindheit, aber gleichzeitig auch von posttraumatischen Belastungsstörungen und einem kollektiven Trauma, das eine ganze Generation mit sich in die Zukunft tragen wird.

Wenn sie keine Hilfe bekommen.

„Krieg hat das größte Traumapotential“, so die Psychologin Jana Vyskočil, die mit traumatisierten Klient*innen arbeitet, sowie mit solchen, die gerade ein akut belastendes Ereignis hinter sich haben. „Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass sogar die dritte Generation nach dem Holocaust Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung aufweist, ohne den Holocaust selbst erlebt zu haben.“ Gleichzeitig, so fügt sie hinzu, spielten eine Reihe von Faktoren eine Rolle, und Kinder, die den Krieg erlebt haben, könnten sich davon wieder erholen.

Wenn sie Hilfe bekommen.

Abschied vom Vater

Im ersten Monat nach Beginn der Invasion mussten laut UNICEF-Angaben 4,3 Millionen Kinder ihr Zuhause verlassen, mehr als die Hälfte der minderjährigen Bevölkerung der Ukraine. Es war eine der schnellsten und größten Fluchtbewegungen von Kindern seit dem Zweiten Weltkrieg, und es ist immer noch nicht vorbei. Im Juni sprach UNICEF bereits davon, dass zwei Drittel der Kinder ihre Heimat verlassen haben und innerhalb der Ukraine oder ins Ausland geflohen seien.

„Wie durch ein Wunder gelang es ihnen, in einen Evakuierungszug zu gelangen“, schrieb mir im März meine ehemalige Nachbarin Jana, die seit der Besetzung ihres Heimatdorfes in der Region Donezk durch prorussische Separatisten in Barcelona lebt. „Also meine Schwester und ihre Tochter und unsere Mutter. Die Männer blieben“, fügte sie hinzu. Sie verabschiedeten sich am Zugfenster und der Zug fuhr los. Derartige Aufnahmen haben wir dank der Arbeit von Fotografen internationaler und slowakischer Medien zu hunderten gesehen. Ich fragte Jana, ob sich ihre Nichte darüber im Klaren sei, dass sie ihren Vater vielleicht nicht wiedersehen würde. Sie wusste keine Antwort.

Der Psychologin Jana Vyskočil zufolge empfinden Kinder derartige Abschiede sehr intensiv. „Etwas, das verbunden war, ist physisch nicht mehr verbunden“, erklärt sie. „Viele Kinder verfolgen intensiv die Nachrichten und kommunizieren mit ihren Vätern, wollen wissen, wo sie sind, ob es ihnen gut geht. Die Kinder wollen, dass die Väter an ihrem Leben teilhaben. Viele Kinder, mit denen ich gearbeitet habe, haben Väter, die militärische Befehlshaber sind, und ein Großteil ihrer Aufmerksamkeit war dort, in der Ukraine bei ihren Vätern, nicht hier, wo sie selbst bereits in Sicherheit sind.“

Wir wissen nicht genau, wie viele Kinder aus der Ukraine in die Slowakei gekommen sind. Nach Angaben des UN-Flüchtlingskommissars sind fast 80.000 Geflüchtete eingereist, aber ihr Alter ist nicht erfasst. „Es ist schwierig, die Zahl der Kinder zu schätzen, da die Form der Hilfe in vielen Fällen zeitlich und örtlich variiert“, sagte Simona Stískalová, Sprecherin der humanitären Organisation Človek v ohrození (Mensch in Gefahr). Ihre NGO habe schätzungsweise 300 Kinder versorgt, so Stískalová.


Psychologin Jana Vyskočil Psychologin Jana Vyskočil: „Ein Großteil der Aufmerksamkeit vieler Kinder ist in der Ukraine bei ihren Vätern, nicht hier, wo sie selbst bereits in Sicherheit sind.“ | Foto: © Lucia Liščinská

Stress wird durch die Eltern wahrgenommen

Jana Vyskočil zufolge wird das Nervensystem von Kindern nach dem Vorbild des Nervensystems von Erwachsenen reguliert, und Kinder lesen in dieser Situation die Gefühle ihrer Eltern, auch wenn sie sie vielleicht nicht ganz verstehen. Dies wurde auch bei Človek v ohrození festgestellt. „Kinder kopieren ihre Eltern oder den entsprechenden Erwachsenen, der sie begleitet. Wenn die Erwachsenen damit umgehen können, haben die Kinder keine größeren Probleme. Wenn die betreffende Person jedoch selbst unter enormem Stress steht und nicht die Ressourcen hat, sich zu stabilisieren, dann spiegelt sich das auch im Kind wider“, bestätigt Simona Stískalová.

Laut Stískalová fallen jüngere Kinder dann oft auf eine niedrigere Entwicklungsstufe zurück, was man als Regression bezeichnet. Sobald sich die Familie jedoch stabilisiert hat, kommen die Kinder wieder auf einen ihrem Alter entsprechenden Entwicklungsstand. Einige seien ruhiger, sagt sie, während andere aggressiver werden, weil sie gestresst und wütend sind. Schließlich mussten sie ihr Zuhause verlassen.

„Kinder verarbeiten ihre Erfahrungen im Spiel. Sie spielen auch Krieg und andere derartige Sachen, und denken sich dabei zum Beispiel ein besseres Ende des Krieges aus. Bei Teenagern ist das jedoch ganz anders. Sie sind oft über soziale Medien miteinander verbunden, und es ist hilfreich, wenn sie ihre eigenen Freundeskreise bilden. Sie sehen sich Satellitenbilder von Orten an, an denen sie gelebt haben und wo ihr Haus einst stand. Sie alle suchen ihren eigenen und individuellen Weg, um schwierige Situationen zu verarbeiten“, fügt sie hinzu.

Viele Kinder haben Tage, Wochen, wenn nicht sogar Monate in Kellern, unterirdischen Bunkern oder U-Bahn-Stationen unter entsetzlichen Bedingungen ohne angemessene Hygiene und Nahrung verbracht. Viele haben einen beschwerlichen Weg zurückgelegt, sind mit ihren Müttern zu Fuß unterwegs gewesen. Aber selbst wenn mit dem Zug oder einem Auto gefahren sind und ein Sandwich in der Hand hatten, bedeutet das nicht, dass der Verlust ihres gesamten bisherigen Lebens sie nicht wahnsinnig schmerzt und ängstigt. Deshalb ist das erste, was sie brauchen, wenn sie in der Slowakei ankommen, ein Gefühl der Sicherheit.

Sie müssen sich in einer normalen Umgebung entwickeln

Stískalová erzählt uns die Geschichte einer Mutter, die mit zwei Kindern in die Slowakei kam: einem 11-jährigen Jungen und einem kleinen Baby. „In der Unterkunft kam es zu Problemen zwischen den Kindern und ihrem 11-jährigen Sohn, der Autist ist. Die Kinder hielten ihn für aggressiv, hatten Angst vor ihm, liefen vor ihm weg und akzeptierten ihn nicht in der Gruppe. Da der Junge viele Reize und Belastungen in der Umgebung wahrnahm, was in einem Flüchtlingsheim oder in einem Kinderzentrum ganz normal ist, wurde er unruhig und verhielt sich aggressiv“, beschreibt sie.

Daraufhin kontaktierte eine Mitarbeiterin von Človek v ohrození eine Organisation und eine Schule, die auf autistische Kinder spezialisiert ist. Der Junge kam auf eine neue Schule und nahm an Treffen und Rehabilitationsmaßnahmen teil. „Morgens bringt die Oma den Jungen zur Schule, die Mutter hat Zeit für das Baby, und alle, auch die Oma, sind beruhigt über diese Lösung. Später gelang es ihnen auch, eine private Wohnung zu finden und die Flüchtlingsunterkunft zu verlassen, was ebenfalls sehr wichtig war“, fügt Stískalová hinzu.
 
Dank der Hilfe, die der Familie in der Slowakei zuteilwurde, nahm die Geschichte im Rahmen ihrer unglücklichen Umstände ein glückliches Ende. Kinder müssen sich unter geeigneten Bedingungen und in einem normalen Umfeld entwickeln. Dies sind Faktoren, die laut Jana Vyskočil eine wichtige Rolle spielen. „In der Slowakei bemühen sich mehrere Organisationen darum, mit Geflüchteten zu arbeiten, und die natürliche Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen zu unterstützen, damit der Körper das auf bestmögliche Art und Weise verarbeitet. Es ist auch wichtig, wie sie hier aufgenommen werden, wie sicher sie hier sind, ob weitere traumatischen Erfahrungen hinzukommen oder ob es weniger werden“, fügt die Psychologin hinzu.

Ein Freund vor Ort: unbezahlbar

Im Idealfall, so Vyskočil, sollten die Kinder bei ihrer Ankunft ihre Bedürfnisse befriedigen können und es sollte ihnen an nichts fehlen. Sie sollten in die Schule integriert werden und die Möglichkeit erhalten, das zu lernen, was sie zu Hause lernen wollten. „Damit sie all dies tun können, ist auch sprachliche Unterstützung erforderlich. Auch der Prozess der Aufarbeitung des Erlebten muss respektiert werden. Man muss die Loyalität verstehen, die sie zu ihren Verwandten in der Ukraine und zu ihrem Land haben, auch wenn hier kein Krieg herrscht“, fügte sie hinzu.

Simona Stískalová, Sprecherin der humanitären Organisation Človek v ohrození (Mensch in Gefahr) Simona Stískalová, Sprecherin der humanitären Organisation Človek v ohrození (Mensch in Gefahr): „Man muss die Loyalität verstehen, die die Kinder zu ihren Verwandten in der Ukraine und zu ihrem Land haben, auch wenn hier kein Krieg herrscht“ | Foto: © privat Verständnis ist das Wichtigste. Die Bewältigung schwieriger Situationen ist für Kinder genauso individuell wie für Erwachsene. Stískalová erzählt von einem Jungen, der sich weigerte, Slowakisch zu lernen. „Man muss auch mit den Leuten in der Schule zusammenarbeiten, damit auch sie versuchen, diese Kinder als gestresste Kinder zu verstehen, als Kinder, die sich in einer Phase der Ungewissheit befinden, als Kinder, die Träume haben und sich manchmal krampfhaft an sie klammern", erklärt sie.

Für einige kann das Erlernen der slowakischen Sprache nämlich bedeuten, dass sie den Gedanken an eine baldige Rückkehr nach Hause aufgeben sollen, was laut Stískalova für ein Kind, dessen Vater an der Front kämpft, unerträglich sein kann. Vielleicht sieht das Kind es sogar als Verrat an seinem Vater.

Kinder aus der Ukraine brauchen nicht nur Verständnis, sondern auch andere Dinge. Wie jedes Kind auf der Welt. Stabilität, Familie, Sicherheit. Stabiler Wohnraum, klare Regeln. Schule, Ausbildung, Alltag und medizinische Versorgung. Und dazu, so Stískalova, wäre es sehr hilfreich, wenn sie jemanden hätten, der ihnen zeigt, wie das Leben in der Slowakei funktioniert.

„Das wird es ihnen erleichtern, die Vorgänge zu verstehen, und sie werden sich schneller und ohne unnötige Angst vor dem Unbekannten integrieren können. Wir alle tragen unsere Erwartungen und Ängste mit uns herum. Das ist ganz natürlich. Aber es macht uns das Leben leichter, wenn wir wissen, wie der öffentliche Nahverkehr funktioniert, wie die Schule funktioniert, wann Pausen sind, was von den Kindern erwartet wird und so weiter. Eine*n Freund*in vor Ort zu haben, ist unbezahlbar. Alle, die schon einmal in ein anderes Land gezogen sind, wissen das wahrscheinlich“, sagt Stískalova.

Sie fügt hinzu, dass nicht alle Kinder aus der Ukraine, die in die Slowakei kommen, traumatisiert sind. Sie hätten zwar unter erhöhtem Stress gestanden, aber viele hätten die Situation auf gesunde Weise verarbeitet. Dies sei vor allem der Hilfe zu verdanken, die sie erhalten haben. Es liege nun auch an uns hier in der Slowakei, wie die Zukunft der Ukraine aussehen wird, denn die Zukunft sind die Kinder, und wir können ihnen helfen, damit sie zumindest die schrecklichen Erlebnisse, die sie nicht vergessen und aus ihrem Bewusstsein löschen können, so gut wie möglich verarbeiten und ein möglichst erfülltes Leben führen können.

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