Tiere im Krieg Die Geschichte des geflüchteten Katers Max

Die Geschichte des geflüchteten Katers Max Illustration: © Tetiana Kostyk

Tausende ukrainische Haustiere sind, ebenso wie ihre Frauchen und Herrchen, vor dem Krieg in verschiedene europäische Länder geflüchtet. Die einen warten darauf, bald nach Hause zurückkehren zu können. Die anderen versuchen, sich in der Fremde einzuleben.

„Nicht nur Menschen, auch Tiere sind durch den großangelegten Krieg Russlands gegen die Ukraine in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie benötigen Hilfe von Seiten der internationalen Gemeinschaft“, so Irena Skakun, Vorsitzende des ukrainischen Vereins ZooPatrul UA, der sich um Rettung, Evakuierung, Weitervermittlung und Eingewöhnung von Haustieren kümmert, die seit Ausbruch des Krieges in Not geraten sind.

Nach Auskunft von Irena Skakun ist die Zahl der ins Ausland übersiedelten Tiere unbekannt. Ursache hierfür sei die massive Ausreisewelle in den ersten Tagen des russischen Angriffskrieges und die damals ausgesetzte Kontrolle von Reisedokumenten.

Obwohl Haustiere nicht erzählen können, wie es sich anfühlt, ein*e Geflüchtete*r zu sein, sind die Geschichten, die sie erlebt haben, doch von unschätzbarem Wert. Sie zeigen einmal mehr, wie grausam die Kriege der Menschen sind. Eine dieser Geschichten handelt von dem roten Maine-Coon-Kater Max.

Kater Max vor der Okkupation in seinem Zuhause Kater Max vor der Okkupation in seinem Zuhause | Foto: © privat „Hallo! Mein Name ist Max.“

Als sich die russischen Truppen Ende März aus der Stadt Butscha bei Kyjiw zurückzogen, nahmen sie auch den achtjährigen Kater Max mit sich. Irgendwie gelangte er in die belarusische Stadt Retschyza, 300 Kilometer von Butscha entfernt. Dort fand ihn Marija, eine Einwohnerin von Retschyza, in ihrem Gemüsegarten. Über den GPS-Tracker an seinem Hals konnte Marija die Kontaktdaten von Olena Kukuruska, der 34-jährigen Besitzerin von Max, erfahren. Wie der Kater in Marijas Hof gelangen konnte, ist unbekannt. Höchstwahrscheinlich ist er weggelaufen, oder die russischen Soldaten haben ihn in Retschyza freigelassen.

Wie auch immer es sich zugetragen haben mag – durch die Wiedervereinigung mit seiner Familie hat Max’ Geschichte ein glückliches Ende gefunden. Ein Wehmutstropfen bleibt jedoch: Er konnte nicht in das heimatliche Butscha zurückkehren. Zu Beginn des Krieges nämlich sind Olena und ihr Sohn aus Butscha nach Prag geflüchtet, wo sie auch heute noch leben. Sie wollen erst zurückkommen, wenn ihr Haus, das während der einmonatigen russischen Besatzung Schaden genommen hat, fertig renoviert ist.
 
  • Max mit seinem Frauchen in Prag. Foto: © privat
    Max mit seinem Frauchen in Prag.
  • Max’ Haus in Butscha, geplündert von russischen Soldaten, zurückgelassen mit beleidigenden Aufschriften auf Wänden und Möbeln. Foto: © privat
    Max’ Haus in Butscha, geplündert von russischen Soldaten, zurückgelassen mit beleidigenden Aufschriften auf Wänden und Möbeln.
Olena erzählt, dass sie direkt am 24. Februar, dem Tag der russischen Invasion in die Ukraine, losgefahren sei. Sie konnte den Beschuss nicht ertragen. Ihr Ehemann und Kater Max sollten zu Hause bleiben. Niemand hatte geahnt, dass die Russen noch am selben Tag in Butscha einmarschieren und die Stadt für einen ganzen Monat besetzen würden.

„Mein Mann brachte meinen Sohn und mich zur Fernverkehrsstraße Kyjiw – Warschau. In der Regel dauert die Fahrt von unserem Haus dorthin 40 Minuten. Am 24. Februar aber kostete uns der Weg gute fünf Stunden, wegen der Staus. Es war schon dunkel, als wir die Straße erreichten. In Butscha waren währenddessen russische Soldaten angekommen. Sie haben Kontrollpunkte eingerichtet und niemanden der Einwohner*innen zurück in die Stadt gelassen. Nur die Ausfahrt war gestattet. Daher ist mein Mann weiter mit uns gefahren. Der Kater aber blieb alleine im Haus zurück. Er hatte Wasser und Futter für einige Tage. Außerdem konnten sich die Nachbarn um ihn kümmern. Schließlich hatten wir ihnen für alle Fälle die Schlüssel unseres Hauses überlassen“, berichtet Olena.

Russische Soldaten waren in unser Haus eingedrungen. Sie haben dort ein Lager eingerichtet und für einen Monat dort gelebt.“

Max trug an seinem Halsband einen GPS-Tracker in Form eines Batman-Ansteckers. Dieser hat ihm letztendlich das Leben gerettet und die Rückkehr zu seinen Besitzern ermöglicht. Olena hatte diesen Tracker im Mai letzten Jahres an einer Tankstelle gekauft. Damals war die Familie gerade nach Butscha gezogen. Auf dem Tracker befand sich ein QR-Code. Wenn man diesen scannte, ertönte eine Nachricht, die von der Familie vorab aufgezeichnet worden war. Der Text lautete: „Hallo! Mein Name ist Max. Wenn Sie mich gefunden haben, rufen Sie mein Frauchen an. Sie macht sich Sorgen um mich.“

„Unsere Nachbarn erzählten uns, dass bereits am 25. Februar, dem zweiten Tag des Krieges, russische Soldaten in unser Haus eingedrungen waren und dort Quartier bezogen hatten. Sie haben dort ein Lager eingerichtet und für einen Monat dort gelebt. Zurückgelassen haben sie ein Chaos und Sprengfallen im ganzen Haus, sogar im Kinderzimmer“, so Olena.

Bereits unmittelbar nach der Befreiung Butschas Anfang April machte sich Olena daran, ihren Kater Max in verschiedenen ukrainischen Onlineforen und einschlägigen Telegram-Kanälen zu suchen. Allerdings vergebens. Hin und wieder wurde sie von Betrügern kontaktiert. Sie behaupteten Max gesehen zu haben und verlangten Geldüberweisungen für seine Rückgabeg. Am 18. April, genau 18 Tage nach dem Abzug der Russen aus dem Kyjiwer Gebiet, bekam Olena einen Anruf über den Messengerdienst Viber. Die Nummer war ihr unbekannt. Da sie den Anruf nicht gehört hatte, nahm sie ihn nicht entgegen. Später ereilte sie folgende Nachricht: „Ich bin aus Belarus und habe Ihren Kater gefunden. Vielleicht haben Sie ihn bei uns verloren, oder die russischen Soldaten haben ihn mitgebracht, als sie vor ein paar Wochen durch unsere Stadt zogen.“

Sceenshots der Korrespondenz von Olena mit der Belarusin Marija, die Kater Max gefunden hat. Sceenshots der Korrespondenz von Olena mit der Belarusin Marija, die Kater Max gefunden hat. | © privat Olena wollte die Geschichte zuerst nicht glauben. Erst nachdem sie ein Photo von Max’ Tracker bekommen hatte, wurde ihr klar: Der Kater war am Leben. Belarusische Volontäre organisierten für Max eine veterinärmedizinische Untersuchung. Er litt an Panikattacken, war abgemagert und verwahrlost. Geräusche und fremde Menschen machten ihm Angst. Max wurde behandelt, erhielt alle erforderlichen Impfungen und Dokumente für seine Ausreise aus Belarus. Max wurde von einer belarusischen Studentin nach Warschau gebracht. Von dort holte ihn Olena ab und nahm ihn mit nach Prag.

Ein neues Zuhause in Prag

„Max benötigte einige Tage, um sich einzugewöhnen“, erinnert sich Olena. „In den ersten Tagen nach seiner Rückkehr war er sehr schweigsam, obwohl dies so gar nicht seine Natur war. Allmählich erholte er sich, stöberte in den Schränken und in meiner Kosmetiktasche herum, wie er es früher in Butscha getan hatte. Mittlerweile geht es ihm wieder gut: Er hat zwei Kilo zugenommen und sein Fell hat sich regeneriert, nachdem wir es geschoren hatten. Unsere Geschichte hat ein Happy end. Ich will mir gar nicht vorstellen, was die russischen Soldaten mit Max alles hätten anstellen können. Es hätte ihm wie anderen armen Katzen in Butscha und Irpin gehen können. Denen sind die Pfoten abgeschnitten worden. Und dann hat man sie einfach sich selbst überlassen.“ Olena vermutet, dass die russischen Soldaten den Kater weiterverkaufen wollten. Schließlich ist Max ein reinrassiger Maine-Coon-Kater. Vor acht Jahren hatte Olena ihn für umgerechnet 1.500 Dollar gekauft.

Vermutlich wollten die russischen Soldaten den Kater weiterverkaufen.

Oleksandr Todorchuk leitet die Tierschutzorganisation UAnimals, die Tieren hilft, die in den besetzten und rückeroberten Gebieten in Not geraten sind. Er berichtet, dass die russischen Soldaten in der Ukraine nicht nur Tiere getötet haben und weiterhin töten, sondern sie auch entführen. Außer dem Maine Coon-Kater Max ließe sich auch die Geschichte eines Pitbull Terriers aus Mariupol anführen. Er befand sich gemeinsam mit den ukrainischen Verteidigern im Asow-Stahlwerk während der Bombardierungen der Stadt durch die russischen Luftstreitkräfte. Der Hund ist auf Bildern zu sehen, welche die Asow-Leute beim Verlassen des Bunkers auf dem Gelände des Stahlwerks zeigen. Im Juni veröffentlichten russische Propagandisten Bilder, die zeigten, wie der Hund dem Tschetschenen-Führer Ramsan Kadyrow zum Geschenk gemacht wurde.
 
Oleksandr zufolge wenden sich viele Leute aus der ganzen Welt an seine Organisation mit der Bitte, Tiere bei sich aufnehmen zu dürfen, die durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Die Überführung eines Tieres aus der Ukraine koste jedoch so viel Zeit, wie Volontäre für die Evakuierung wenigstens zweier Tierheime benötigen würden. Daher beschränkt sich UAnimals in der Regel darauf, einen Kontakt zwischen den ausländischen Interessent*innen und den ukrainischen Tierheimen herzustellen.

Oleksandr empfiehlt Interessent*innen, sich auch bei Tierheimen in deren Heimatländern zu erkundigen, ob Tiere aus der Ukraine dort abgegeben worden seien. Es sei leichter zwanzig Haustiere ins Ausland zu bringen, als ein einzelnes. Oleksandr im Wortlaut: „Wenn Sie ein Tier aus der Ukraine aufnehmen möchten, ist es notwendig, einen Teil des Aufwandes, den dessen Überführung mit sich bringt, zu übernehmen. Im Krieg zählt jede Minute und die Arbeit eines jeden Menschen. Würden wir uns nur um Einzelfälle kümmern, würden wir die Möglichkeit verpassen, hunderttausende andere Leben zu retten.“

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