Was lesen Ukrainer*innen im Krieg? Ein neuer Sinn im Lesen

Ein neuer Sinn im Lesen Illustration: © Tetiana Kostyk

Fiktion oder Sachbuch? Hoch- oder Populärliteratur? Wir haben sieben Ukrainer*innen gefragt**, wann sie nach dem 24. Februar das erste Mal wieder ein Buch in die Hand genommen haben. Und welches. Und warum.

Oleksandr Mykhed: „Duma Key“ („Wahn“) von Stephen King

Ich bin Schriftsteller, Lesen und Schreiben gehören entsprechend zu meinen täglichen Hauptbeschäftigungen. Trotzdem brauchte ich nach Beginn der totalen Invasion etwa zwei Monate, um einen neuen Sinn im Lesen zu finden und einen neuen Zugang. Und das habe ich ganz bewusst Schritt für Schritt getan, was ich im Nachhinein ziemlich „witzig“ finde: Zuerst habe ich versucht, Klassiker zu lesen und dort Antworten zu finden. Dann habe ich versucht, russische Klassiker zu lesen, um dort die Antworten zu finden. Dann habe ich versucht, das Neue Testament zu lesen, weil ich es nie ganz durchgelesen habe. Ich habe es auch mit Sachbüchern, Belletristik und Kriminalromanen versucht, aber nichts hat geholfen.

Und dann dachte ich mir irgendwann: Vielleicht ist es besser, wieder als Teenager anzufangen und so die Freude am Lesen wiederzufinden. Also kehrte ich zu dem Autor zurück, der mir den Weg zum Lesen eröffnete, als ich zwölf Jahre alt war. Dieser Autor ist Stephen King.

Ich nahm mir seinen Roman Duma Key (Wahn) vor, den ich vorher nie gelesen hatte. Es geht um einen Mann, der nach einem Autounfall halb gelähmt ist und eine Hand verliert – aber trotzdem die Gabe eines Malers in sich entdeckt und auslebt. Und natürlich gibt es auch noch die Horror-Handlung, aber wen interessiert die schon?

Die Lektüre dieser Geschichte meines Lieblingsautors über einen Mann mit einem Trauma, der sein Leben neu erfindet, rund 700 Seiten in einer schrecklichen ukrainischen Übersetzung, war wirklich eine Art Meditation für mich. Ich habe etwa drei Monate dafür gebraucht.
 

Oleksandr Mykhed (34) ist ein ukrainischer Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Kurator. Am 24. Februar floh er gemeinsam mit seiner Frau aus Hostomel in die westukrainische Stadt Czernowitz. Am 28. Februar meldete er sich freiwillig bei den ukrainischen Streitkräften. Er diente mehrere Monate als Soldat in Czernowitz und ist mittlerweile in Kyjiw stationiert. Sein neuestes Buch Dein Blut wird die Kohle tränken: Über die Ostukraine ist soeben auf Deutsch erschienen.

Alyona Vyshnytska: „Mit wem ich lebe. Ein Schnellkurs zum Verstehen des Hundes“ von Oksana Halan

Seit dem 24. Februar konnte ich nichts mehr lesen. Erst nach acht Monaten habe ich es wieder geschafft. Es war ein Buch über den Umgang mit Hunden. Eine Freundin schenkte es mir, nachdem wir im Sommer eine Hündin aus dem Tierheim adoptiert hatten. Es heißt Mit wem ich lebe.

Unsere Hündin ist ein „Kriegshund“ und hat einige Verhaltensprobleme. Wir wollten ihre Psyche besser verstehen. Gerade jetzt brauchen viele Hunde jemanden, der sie in diesen schweren Zeiten liebt.

Am Anfang war es gar nicht so einfach, das Buch zu lesen. Ich habe immer noch Probleme, mich auf Bücher oder längere Filme zu konzentrieren. Bis heute kann ich keine Musik hören, ich weiß nicht warum. Im März und April war ich überzeugt, dass ich nie wieder Lust haben werde, Bücher zu lesen oder mir Filme anzuschauen. Doch dann habe ich angefangen, irgendein dummes Zeug zu gucken, um meine Gedanken zwischendurch wenigstens ein bisschen abzuschalten.

Doch wirklich lesen kann ich bis heute noch nicht. Das ist sehr seltsam, weil ich früher sehr viel gelesen habe. Ich bin Philologin. Ich habe Literatur studiert. Ich mag Bücher. Sie sind sehr wichtig für mich. Und jetzt bin ich von ihnen abgeschnitten. Ich habe keine Ahnung, ob sie zu mir zurückkehren werden oder nicht.
 

Alyona Vyshnytska ist Journalistin und Projektmanagerin. In den ersten Kriegstagen gründete sie das Medienprojekt War. Stories from Ukraine (Instagram, Facebook), in dem Menschen erzählen, wie sie den Krieg erleben. Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten und ihrem gemeinsamen Hund Smerichka in Kyjiw.

Anna Pogrebna: „Gareth Jones: Eyewitness to the Holodomor“ von Ray Gamache

Ich hatte nie ein Problem mit dem Lesen und begann mein erstes Buch bereits Ende Februar, als ich während des Luftalarms im kleinen Keller unseres Hauses in Sumy saß, zusammen mit meiner Mutter, ihrem Freund, meinen Schwiegereltern und unserer Katze.

Ich las das Buch auf meinem Handy, es war Gareth Jones: Eyewitness to the Holodomor. Es half mir, mich zu konzentrieren und nicht in Panik zu verfallen. Und ich lese immer noch viele Bücher über den Krieg, vor allem über den Krieg in Jugoslawien. Seit Februar habe ich Slavenka Drakulićs Café Europa – Life After Communism (Café Paradies. Oder Die Sehnsucht nach Europa) und fast alle ihre anderen Bücher gelesen. Warum? Vielleicht suche ich nach Antworten darauf, warum der Krieg begonnen hat, nach historischen Parallelen und Verbindungen.

Ich habe auch ein dickes Buch mit dem Titel Postwar (Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart) des Historikers Tony Judt. Es handelt von Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele Leute lesen dieses Buch momentan. Manchen hilft es dabei, sich zu beruhigen. Es erlaubt uns, für einen Moment an die Zukunft zu denken und zu vergessen, dass wir in diesem Krieg leben. Wir stellen uns vor, dass wir bereits nach dem Krieg sind. Nach unserem Sieg.
 

Anna Pogrebna ist Digitalredakteurin beim staatlichen ukrainischen Sender Suspilne. Zu Beginn des Krieges befand sie sich in Sumy, das von russischen Truppen umzingelt war. Anna und ihrem Mann gelang es, die Stadt zu verlassen, als der erste „grüne Korridor“ eingerichtet wurde. Heute arbeitet sie in Kyjiw und berichtet zusammen mit ihren Kolleg*innen über ukrainische Militärs und Kulturschaffende, die das Land verteidigen.

Maksym Verteletskyi: „Malazan Book of the Fallen“ („Das Spiel der Götter“) von Steven Erikson

Vor der Invasion habe ich immer gelesen. Es war vielleicht im April, als ich es wieder probierte. Eines der ersten Bücher war Imperial Knowledge: Russian Literature and Colonialism von Ewa Thompson. Darin geht es um die russische Kolonialliteratur und warum die Russen sie ihre „große russische Literatur“ nennen. Und wie sie ihre kolonialen Ansichten in ihrer Literatur reproduzieren, in Dostojewski und den ganzen anderen Scheiß – und warum das alles Scheiße ist. Man versteht die Politik Russlands besser, die Propaganda von „Wir sind eine Nation“, und warum die europäischen Länder diesen kolonialen Scheiß nicht früher erkannt haben.

Es ist ein sehr gutes Buch, aber das Lesen fiel mir sehr schwer. Ich musste mich zu sehr konzentrieren. Ich habe es zwei Monate lang versucht, aber konnte es nicht zu Ende bringen. Ich weiß nicht, wann ich wieder in der Lage sein werde, solche Bücher zu lesen.

Das einzige Buch, das ich seit Februar tatsächlich lesen konnte, ist Malazan – Book of the Fallen (Das Spiel der Götter) von Steven Erikson. Es ist das einzige, das ich lesen kann, weil es sehr märchenhaft ist. Fantasy-Zeug mit Drachen, Rittern und so weiter. Weit weg von der Realität, ein Abenteuer. Und ich kann es einfach lesen und muss mir nichts merken, weil es sehr einfach ist. Ich lese es jeden Tag 15 bis 20 Minuten in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit.
 

Maksym Verteletskyi ist Vertriebs- und Vermarktungsleiter des staatlichen ukrainischen Filmarchivs Dovzhenko Center in Kyjiw. Als die Invasion begann, flohen er und seine Freundin in die Großstadt Riwne in der Nordwestukraine, wo er sich als Freiwilliger engagierte. Im März organisierte er in einem örtlichen Puppentheater Vorführungen ukrainischer Filme für andere Geflüchtete. Im April kehrte er nach Kyjiw zurück, um im Dovzhenko Center weiter zu arbeiten.

Hanna Sokolova: „The Goldfinch“ („Der Distelfink“) von Donna Tartt

Im Sommer habe ich zum ersten Mal wieder ein Buch in die Hand genommen und es durchgelesen. Das ist sehr ungewöhnlich für mich, denn ich lese eigentlich ununterbrochen. Aber seit dem 24. Februar fällt es mir sehr schwer, mich auf ein Buch zu konzentrieren. Ich habe es immer wieder versucht, aber ohne Erfolg. Ich war einfach sehr aufgewühlt und hatte viele Probleme. Und ich war damit beschäftigt, all diese Probleme zu lösen.

Erst im Sommer hat es dann geklappt, während einer Auszeit in Deutschland. Eigentlich wollte ich das Buch Anarchy in the UKR von Serhij Zhadan lesen, doch blöderweise ließ ich es im Bus von Przemysl nach Berlin liegen. Eine Freundin schenkte mir daraufhin ihr Buch The Goldfinch (Der Distelfink) von Donna Tartt. Ich begann es in Deutschland und beendete es in Kyjiw.

Es ist ein fiktives Buch, eine sehr schwierige Geschichte über einen Mann, der seine Mutter bei einem Terroranschlag verliert, und über seine enge Freundin, die denselben Anschlag überlebt. Es ist eine Geschichte über sein sehr schwieriges Leben. Ich habe es auf Russisch gelesen. Dafür habe ich etwa einen Monat gebraucht. Und jetzt kann ich sagen, dass ich wieder mit dem Lesen angefangen habe. Endlich kann ich mich auf ein Buch und ein Thema konzentrieren.

Seitdem habe ich auch viele ins Ukrainische übersetzte Sachcomics gelesen. Im Moment erscheinen viele Neuauflagen ausländischer Graphic Novels und Comics, die vom Verlag Vydavnytstvo ins Ukrainische übersetzt werden. Zum Beispiel Timothy Snyders Über Tyrannei, aber auch Comics über die Geschichte des ukrainischen Feminismus und die Geschichte des Sex.
 

Hanna Sokolova ist eine ukrainische Journalistin aus Charkiw. Zu Beginn des Krieges floh sie mit ihrem Freund in die Region Lwiw, um ihren Hund zu evakuieren. Danach kehrte sie nach Charkiw zurück und versuchte, von dort aus weiter zu arbeiten. Wegen des permanenten nächtlichen Raketenbeschusses sah sie sich jedoch gezwungen, nach Kyjiw zu ziehen. Sie berichtet weiterhin regelmäßig aus der Ostukraine.

Yevhen Spirin: „They would never hurt a fly“ („Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan“) von Slavenka Drakulić

Das erste Buch habe ich Ende Mai gelesen. Es war Slavenka Drakulić They would never hurt a fly (Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan) über den Völkermord in Jugoslawien, im Kosovo und in Bosnien. Es weckte mein Interesse, weil ich sah, was hier um mich herum geschah. In dem Buch geht es um Nachbarn, die ihre Nachbarn getötet haben. Meine Frau sagte zu mir: „Alter! Das ist jetzt kein gutes Buch für dich.“ Aber ich fand es gut. Es hat mir geholfen, die Menschen in der Ukraine zu verstehen, und es hat mir geholfen zu verstehen, was in meiner Gegend passiert ist. Und jetzt habe ich Yugoslavia, my Homeland (Vaters Land) von Goran Vojnović gelesen. Darin geht es auch um den Krieg in Jugoslawien.
 

Yevhen Spirin, ein gebürtiger Luhansker, war 17 Jahre alt, als er in einem Leichenschauhaus zu arbeiten begann. Heute lebt er in Kyjiw und ist Chefredakteur des ukrainischen Nachrichtenportals babel.ua. Als die ersten Leichen im benachbarten Butscha gefunden wurden, erklärte er sich bereit, sich um die Bestattungen zu kümmern.

Yurii Pavelchuk: „Der Hobbit“ von J.R.R. Tolkien

Normalerweise lese ich gerne, aber jetzt habe ich Twitter [lacht]. Nach dem 24. Februar? Hm. Mein letztes Buch habe ich im Frühjahr gelesen. Es war Der Hobbit. Das Original. Das ist ein Buch aus meiner Kindheit. Zum ersten Mal habe ich es gelesen, als ich vielleicht zehn Jahre alt war. Und danach noch mehrmals.

Es ist nicht mein Lieblingsbuch, aber irgendwie habe ich mich für dieses Buch entschieden. Es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Wenn man in großen Schwierigkeiten steckt, kann man einfach dieses Buch lesen und man ist an einem anderen Ort, an einem warmen Ort, den man kennt. Es gibt einem Trost und ein sicheres Gefühl.

Ich kann mich nicht erinnern, etwas anderes gelesen zu haben. Aber seit Februar ist mir immer wieder Die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren eingefallen. Das habe ich auch einmal als Kind gelesen. Eigentlich gilt es als Kinderbuch. Aber vielleicht ist es gar nicht so sehr für Kinder, wie man denkt.
 

Yurii Pavelchuk ist Mitarbeiter in der klinischen Forschung und fährt normalerweise die Krankenhäuser des Landes ab. In den ersten sechs Wochen der Invasion evakuierte er mit seinem Auto jedoch vor allem Menschen aus Kyjiw in die Westukraine.

** Die Interviews wurden im November 2022 in Kyjiw auf Englisch geführt.

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