Krieg in der Ukraine Mariupol bis zum letzten Atemzug

Mariupol 2015: Eine Wohnsiedlung nach einem Raketenangriff der prorussischen Separatisten Foto: © Andrej Bán

Wozu Filme? Wozu Romane? Wozu Theaterstücke? Das Drama der Realität stellt sämtliche Fiktion in den Schatten, schreibt der slowakische Reporter und Fotograf Andrej Bán. Mariupol und das berüchtigte Asow-Regiment kennt er noch aus dem Jahr 2015.

Im Juni 2015 spazierte ich an der Strandpromenade am Asowschen Meer entlang. Eis, guter Kaffee, Karussells, ein alter Mann, der in den kalten Wellen schwimmt, Kräne am Horizont und Frachtschiffe im Hafen. Der verschlafene frühe Abend ließ nichts von der Nähe des Krieges ahnen, der nur zehn oder fünfzehn Kilometer entfernt war. Ein Slowake, der als OSZE-Beobachter im Einsatz war, erklärte mir den gegenseitigen Beschuss an der Kontaktlinie.

Ukri und Separi, das war der Jargon, mit dem Ukrainer und Separatisten sich gegenseitig bezeichneten.

Der Fahrer des Asow-Freiwilligenbataillons, ansonsten Student an der Universität in Iwano-Frankiwsk mit dem Spitznamen Wurzel (корінь), holte uns zusammen mit einem anderen Filmemacher in Mariupol an einem riesigen Platz mit einem Kreisverkehr ab. Er war größer als jeder Kreisverkehr in der Slowakei. Blumen blühten, an den Bäumen hingen Früchte, die Menschen amüsierten sich. „Los geht's“, erklärte Wurzel, nachdem wir unsere kugelsicheren Westen und Schutzhelme angelegt hatten. An seinem Jeep funktionierten weder die Bremsen noch die Lenkung richtig. So gefährlich die Fahrt auch war, unser Gastgeber genoss die Geschwindigkeit umso mehr.

Unterwegs kamen wir an riesigen Betonsperren und ausgebrannten Autos vorbei, die von den Separatisten der selbsternannten Volksrepublik Donezk mit Raketen beschossen worden waren. Wir befanden uns vor dem letzten Dorf, das noch von ukrainischen Einheiten kontrolliert wurde. Mariupol lag hinter uns, in Sichtweite, zum Greifen nah. Das Gelände vor uns war einst eine Flaniermeile für Touristen mit Pensionen, Restaurants und Bars. Und jetzt? Im Dorf gab es nur noch einen alten Mann, die Separi schossen von der einen Seite, die Ukri von der anderen. Der Kommandant des Bataillon Asow schlief nach einer harten Nacht, es war nicht ratsam, ihn zu wecken. Der Feind „arbeitete“ in der Nacht, wie man den russischen Ausdruck rebjata rabotajut (ребята работают) übersetzen kann.

Damals, im Sommer 2015, war der Krieg noch ein Ärgernis, wenn auch in Form von drohendem Granatenbeschuss allgegenwärtig. Bei der humanitären Organisation Nový Mariupol (новий Маріуполь), wo ein Plakat mit einer Zielscheibe in Form eines Porträts von Putin (mit einem Loch in der Stirn) an der Wand hing, erklärte man mir, dass sie für die Männer an der Front kochen, backen, ihnen Waffen, Munition und Decken bringen.

Das Regiment Asow, das damals noch Neonazi-Symbole verwendete, war noch nicht in die Nationalgarde eingegliedert worden; seine tausend Kämpfer verteidigten Mariupol an vorderster Front. Die Männer, mit denen ich sprach, zeigten keine Anzeichen von Extremismus, die Wolfsangel auf ihrem Emblem aber ist zweifellos ein Nazi-Symbol. Laut ihrem Sprecher Andrij Datschenko hatte das Regiment Asow 2015 etwa 100 bis 200 Neonazis in seinen Reihen. Seitdem werde das rechtsextreme Element in der Einheit immer schwächer. [Mehr über die Geschichte des Regiments Asow und seine Verbindungen zum Rechtsextremismus könnt ihr in diesem Beitrag des Deutschlandfunks erfahren. Anm. d. Red.] Im Kontext mit den Fakten ist Putins Rhetorik von der „Entnazifizierung“ der Ukraine perfide, denn Moskau zögert gleichzeitig auch nicht, die für ihre Brutalität berüchtigte Gruppe Wagner, eine Privatarmee ungleich größer als Asow, in seine Dienste zu rufen. Deren Kommandeur Dmitri Utkin sieht auf Fotos noch furchteinflößender aus als Arnold im ersten Terminator, auf seinen Körper hat er Hakenkreuz und Reichsadler tätowiert.

Das heutige Russland will also belehren über den ukrainischen „Nazismus“. Wenn das nicht zum Heulen wäre, wäre es wirklich urkomisch.

Unser Bewusstsein ist nicht in der Lage, die Vorstellung zu verarbeiten, dass Albträume Teil der täglichen Nachrichten werden. Jetzt und hier.“

Das ist also das Mariupol, das ich vor sieben Jahren gesehen habe. Eine Stadt mit der Siedlung Vostochnaya an der Peripherie, die von russischen Hagelgranaten getroffen wurde. Ausgebrannte Autos auf dem Parkplatz. Aber auch eine multiethnische Stadt mit ruhigen Boulevards im Zentrum, eine Stadt der gegenseitigen Toleranz. Hier lebten Ukrainer, Russen, Juden und Griechen. Letztere sind Nachkommen von Kaufleuten, die im 18. Jahrhundert vom zaristischen Regime von der Krim umgesiedelt wurden. Und auf der rund 300 Kilometer langen Strecke, über die man „trockenen Fußes“ vom Donbas zu dieser Halbinsel im Schwarzen Meer gelangt, durchkreuzt Mariupol die Pläne des russischen Aggressors. Eine tapfere Verteidigung hält die russischen Truppen auf, die andernfalls schon längst an anderer Stelle kämpfen würden – in der Nähe von Kyjiw, Charkiw oder Kramatorsk.
 

„Kiew“ ist die deutsche Version des russischen Namens der ukrainischen Hauptstadt. Auf Ukrainisch heißt es Київ (Kyjiw). Spätestens seit der Invasion ist die Bezeichnung „Kiew“ zu einem symbolischen Überbleibsel der russisch-sowjetischen Kolonialisation geworden. Respektvoller ist es, die Hauptstadt der Ukraine als „Kyjiw“ zu transkribieren. | Anm. d. Red.

Seit 77 Jahren weiß Europa um die Schrecken von Leningrad und Stalingrad, seit siebenundzwanzig Jahren vom belagerten Sarajevo. Und jedes Mal glauben wir (fälschlicherweise), dass dies Geschichte sei. Das heißt, ein Forschungsgebiet, das für immer in den Ordner mit der Aufschrift „Es ist passiert“ verbannt wird. Unser Bewusstsein ist nicht in der Lage, die Vorstellung zu verarbeiten, dass Albträume Teil der täglichen Nachrichten werden. Jetzt und hier.

Ein Irrtum. Selbst wenn es bei der laufenden russischen Invasion in der Ukraine kein anderes Symbol für Völkermord gäbe, wenn es kein Butscha oder Borodjanka gäbe, würde Mariupol am Asowschen Meer, das noch bis vor kurzem in etwa so viele Einwohner*innen wie Bratislava hatte, als leuchtendes Beispiel für den Mut der Verteidiger und als abschreckendes Beispiel für die Angreifer dienen. Zu Beginn des Krieges hatte die Stadt etwa 450.000 Einwohner und der fünftgrößte Hafen der Ukraine diente als Industriezentrum des südlichen Donbas mit zwei Metallurgie-Kombinaten, die dem Oligarchen Rinat Achmetow gehören.

Und heute? Von der Stadt ist kaum noch ein Drittel übrig. Angeblich, denn genau weiß das niemand. Die Agenturen der Welt sind von Nachrichten aus der Stadt abgeschnitten, so wie diese Stadt von der Welt völlig abgeschnitten ist. Es gibt keinen einzigen Journalisten mehr. Die beiden letzten, die AP-Korrespondenten Mstyslav Chernov und Evgeniy Maloletka, sind schon lange weg. Genauer gesagt, wurden sie in letzter Minute von den ukrainischen Streitkräften zusammen mit Zivilisten durch eine Reihe von Blockposten evakuiert, die von schwer bewaffneten russischen Soldaten bewacht wurden. Mstyslav hat in seinen Aufzeichnungen die Einschätzung notiert, wonach etwa hundert Kilometer entfernte ukrainische Truppen diese belagerte Stadt kaum befreien können.

Doch die Evakuierung der beiden letzten Journalisten, der beiden letzten Zeugen, die der Welt noch von den Schrecken berichtet hatten, war unausweichlich. Wenn sie in die Hände der russischen Aggressoren gefallen wären... diesen Gedanken sollte man besser nicht zu Ende denken. Man würde sie foltern, damit sie vor laufender Kamera zugeben, dass all die Geschichten über die zerbombte Entbindungsstation und das Kinderkrankenhaus, das Theater mit dreihundert Opfern in einem unterirdischen Schutzraum, die Geschichten über Massengräber und Menschen ohne Nahrung, Wasser, Wärme und Strom inszeniert waren. Dass die Berichte über Deportationen von Ukrainern durch russische Aggressoren in Filtrationslager, später Gott weiß wohin, erfunden sind.

Wirklich? Glauben die Russen wirklich, dass irgendjemand das glauben würde? Ja, sie glauben das wirklich.

Schätzungen, wonach Mariupol zu 90 Prozent zerstört ist, mögen ungenau und barmherzig sein, denn die Zahl von 93,2 oder 95,6 Prozent ist irgendwie schwer in eine Tastatur einzugeben. Wer will das genau berechnen? Am Ende dieser Geschichte könnte eine einzige, endgültige und erschreckende Zahl stehen. Hundert Prozent. Zur Schande der Welt, die es nicht geschafft hat, diesen Völkermord zu stoppen.

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