Versorgung von Geflüchteten Wer hilft den Helfenden?

Im sogenannten Assistenz-Zentrum für Geflüchtete aus der Ukraine auf dem Messegelände in Brno. Vor Ort können die Registrierung bei der Ausländerpolizei, Visa- oder Versicherungsangelegenheiten erledigt werden. Foto: © David Konečný

Die gegenwärtige Situation ist eine Herausforderung für das ganze Land, vor allem aber für Sozialarbeiter*innen. Die verdienen oft sehr wenig, haben aber eine sehr anstrengende Arbeit voller kleiner und großer „Herausforderungen“. Antonín Smetana, der Autor dieses Textes, ist einer von ihnen.

Mit der gegenwärtigen Krise, die der Krieg in der Ukraine ausgelöst hat, steigt die Nachfrage nach Angestellten in den sozialen Berufen. NGOs und auch Kommunalverwaltungen schreiben neue Arbeitsstellen aus und starteten Anwerbeaktionen, um Menschen zu gewinnen, die bereit sind Freiwillige zu werden. „Helfen kann jede*r“, habe ich neulich in einem solchen Aufruf gelesen. Wirklich?

Das Krisenzentrum, in dem ich arbeite, ist nonstop geöffnet. Das ukrainischsprachige Infotelefon ist nonstop erreichbar. Ebenso wenig wie die russische Armee auf dem Staatsgebiet der Ukraine um 16:30 Uhr mitteleuropäischer Zeit ihre Aktionen einstellt, so wenig lässt an den Grenzen auch der Andrang der Flüchtenden nach, die dann weiterziehen in die Kreishauptstädte der Tschechischen Republik, wo sie Aufenthaltsgenehmigungen einholen, sich eine Unterkunft verschaffen, Versicherungen abschließen oder ein Bankkonto eröffnen müssen. Mein Arbeitshandy klingelt morgens, abends, in der Nacht, am Wochenende und an Feiertagen. Die Lösung, um nicht ununterbrochen erreichbar zu sein, ist, es nur auf Vibration zu stellen, und mir selbst einzureden, dass ich damit den Akku schone.

Nach Feierabend kommst du dir vor, wie ein zerkautes Kaugummi, dein Kopf ist leer und du weißt nicht einmal mehr, ob du Durst hast oder Hunger.“

Ob du nun Dolmetscherdienste vermittelst, eine Begleitung oder Beratung, ständig bildet sich irgendwo eine Warteschlage. Es ist interessant, was in diesem Moment mit dem Körper passiert. Obwohl deine Beine eingeschlafen sind, weil du seit mehr als zehn Stunden keine Zeit zum Sitzen hattest, ist der Körper in Bereitschaft, er arbeitet noch auf Hochtouren, du schwitzt mehr, du atmest (nach den geltenden Pandemie-Maßnahmen bis März noch in der Atemschutzmaske) ganz flach, dein Herz klopft, du sprichst schneller als sonst. Den ganzen Tag über arbeitest du unter Zeitdruck und bist den negativen Emotionen der Ankommenden ausgesetzt.

Nach Feierabend kommst du dir vor, wie ein zerkautes Kaugummi, dein Kopf ist leer und du weißt nicht einmal mehr, ob du Durst hast, oder Hunger, auf jeden Fall bist du schrecklich müde.

Der helfende Autopilot

Extremsituationen erfordern Extremtempo. Nach zwölf Stunden Arbeit ist der Biorhythmus etwas durcheinander; auf dem Klo warst du im besseren Fall zweimal. Dass du überhaupt etwas gegessen hast, beweist die fettige Verpackung in der Hosentasche und eine merkwürdige unnatürliche Schwere im Magen, die von dem Baguette herrührt, dass du zwischen zwei weniger komplizierten Klient*innen hinuntergeschlungen hast.

Übermäßig lange Schichten führen eindeutig zu übermäßigem Konsum von Koffein und Tabak. Die Zigarettenlänge ist darüber hinaus eine der wenigen Gelegenheiten, in denen du allein mit dir oder mit deinem Telefon sein kannst. Und dann gibt es ja auch noch Alkohol und andere Suchtmittel. Du musst gut auf dich aufpassen, wenn du wegen der Arbeit auch am Wochenende um 5.20 Uhr aufstehen musst oder Nachtschichten hast. Wer nicht die körperlichen und mentalen Kapazitäten hat, in der Vajrasana-Stellung zu meditieren, kann schnell zu der bequemeren Lösung tendieren, nach der Arbeit zu trinken – vielleicht auch gemeinsam mit den Kolleg*innen. Im Alkohol lässt sich alles Mögliche ertränken. Aber wenn du am nächsten Tag schon wieder eine 12-Stunden-Schicht hast, ist eine heiße Dusche die bessere Wahl.

Bei so viel Arbeit bleibt es nicht aus, dass du von Zeit zu Zeit während der Schicht auf Autopilot schaltest. Die Kombination aus Schlafmangel und Kater lässt aber vielleicht nicht einmal dieses niedrigste Arbeitstempo zu. Privatleben? Gibt es nicht. Oder es ist beschränkt auf das nötigste Minimum.

Du musst dir ständig die Grenzen der potenziellen Lösungen eingestehen, entschieden sagen, wenn du etwas wirklich nicht weißt, keine Antwort hast oder dass es im Moment einfach keine zufriedenstellende Lösung gibt.“

Arbeitszeit: Nonstop

Die Arbeitszeit ist fluide, sie ist verschüttet über die komplette Wachzeit. Der gesamte Arbeitsprozess und die Arbeitsweise sind geprägt von einer unglaublichen Unbeständigkeit. Was gestern galt, gilt heute nicht mehr. Was morgens galt, gilt nachmittags nicht mehr. Vor einer halben Stunde war einfach alles noch ganz anders als jetzt. Du musst dich wappnen gegen die unangenehmen Gefühle, die das Chaos hervorruft, du musst zuverlässige Informationsquellen auftun, am besten sind das Personen, bei denen du diese Informationen auch gleich verifizieren kannst. Du musst dir ständig die Grenzen der potenziellen Lösungen eingestehen, entschieden sagen, wenn du etwas wirklich nicht weißt, keine Antwort hast oder dass es im Moment einfach keine zufriedenstellende Lösung gibt.

Und wieder wirst du es sein, über die oder den Unwille, Widerspruch, Ärger und Frustration ausgeschüttet wird. Nicht nur von Seiten derer, denen du aufgrund der Natur deines Jobs helfen sollst, sondern auch von Seiten derer, denen du in letzter Zeit vergessen hast, zu helfen, beziehungsweise derer, die das Gefühl haben, dass das so ist. Und solche Fälle werden von Tag zu Tag mehr.

Tja, und das letzte, worauf du nach einem langen Arbeitstag mit traumatisierten, verängstigten, verwirrten und müden Menschen, die aus einem kriegszerstörten Land angekommen sind, Lust hast, ist die „gesicherten“ Informationen deiner Nachbarin zu widerlegen, laut denen die Geflüchteten wählerisch und unzufrieden seien, dass sie „Geld einfach so“ bekämen, obwohl sie doch ohnehin schon ein Handy und Markenklamotten hätten.

Es leben die falschen Informationen!

Die Arbeit, die du machst, steht und fällt nicht nur mit dir. Du musst dich auf deine Kolleg*innen verlassen, auf die Mitarbeiter*innen anderer Organisationen, auf Freiwillige, die kommen und gehen, die du nicht kennst und für die du keine Verantwortung übernehmen kannst. In einer freundschaftlichen, informellen und leidenschaftlichen Atmosphäre ist es unglaublich schwierig, beginnende Freiwillige zu überzeugen, dass diese Art der Arbeit ihre Regeln und Grenzen hat, und dass es notwendig ist, diese einzuhalten. Das Bereitstellen verifizierter Informationen hat nichts zu tun mit dem Zitieren zwei Monate alter Facebook-Posts, sage ich Tag für Tag aufs Neue den Freiwilligen, die nach Informationen öfter in sozialen Netzwerken suchen als auf den Internetseiten des Innenministeriums und des Regierungsamtes.

Für alle Gruppen von Ausländer*innen ist es außerdem charakteristisch, dass sie sich gegenseitig viele Informationen per „stiller Post“ zuflüstern, nach dem Motto „eine Frau aus Charkiw kam nach Tschechien mit einem polnischen Visum, das nicht mehr rückgängig zu machen war, also hat sie es selbst durchgestrichen und dafür wurde sie ausgewiesen und in die Ukraine zurückgeschickt“ oder „eine Bekannte meiner Schwester hat 10.000 Kronen humanitäre Hilfe bekommen, weil ihr Haus zerbombt wurde, aber Leute aus Gegenden ohne Luftangriffe haben keine Ansprüche auf Geld“. Je seltsamer die Geschichte, desto schwieriger ist es, die Person, die sie erzählt, vom Gegenteil zu überzeugen.

Krieg ist das neue Normal

Und dann sind da noch die Vertreter*innen der Staatsmacht, Angestellte des Innenministeriums, der Polizei, der Feuerwehr, des Arbeitsamtes, von Versicherungen, Banken, und Ärzte für Menschen und Tiere. Mit den ankommenden Geflüchteten haben also Personen aus unterschiedlichsten Umfeldern und mit unterschiedlichsten Ausbildungen, Wertesystemen und Herangehensweisen zu tun. Aber es gibt Fälle, in denen es unter ihnen zu seltener Einigkeit kommt, nämlich dann, wenn es sich um den idealen Prototyp des, oder genauer: der Geflüchteten handelt: eine weiße Frau, Mutter mit einem oder zwei Kindern.

Dazu kommt dann auch noch die Frustration, dass weder Krieg noch humanitäre Krise die Vorurteile und den latenten Rassismus in unserer Gesellschaft beseitigen.“

Wenn Männer im wehrfähigen Alter auftauchen, ist es nicht unüblich, dass halblaute Kommentare wie „Was machen die den hier?“ erklingen. Und dann ist da noch der dritte Typ: eine vielköpfige Roma-Familie. Die können in der Regel besser Ungarisch oder Romani als Ukrainisch oder Russisch. Viele haben ungarische Pässe und sind damit nach Auffassung der tschechischen Rechtsordnung keine Bürger*innen der Ukraine, sondern in erster Linie Bürger*innen der Europäischen Union, womit ihnen laut Gesetz kein vorübergehender Schutz gewährt werden kann. Sie verfügen aber stattdessen über den Status von EU-Bürger*innen und alle damit verbundenen Rechte. Sie können etwa einen vorübergehenden Aufenthalt in der Tschechischen Republik anmelden und anschließend um verschiedene Zuschüsse aus dem Sozialhilfesystem ersuchen, um sofortige Unterstützung aus dem staatlichen Fonds für Hilfe in materieller Not oder ähnliches. Dazu kommt es aber selbstverständlich nicht.

Täglich kommt es hingegen vor, dass Vertreter*innen staatlicher Stellen nach der Ethnie unserer Klient*innen fragen, wenn wir uns bemühen, ihnen eine Unterkunft zu vermitteln oder für sie Dokumente ausstellen lassen. Zu der Frustration, dass der Krieg kein Ende nimmt und die Krisensituation zum neuen Normal wird, in dem wir lernen müssen zu leben, kommt dann auch noch die Frustration, dass weder Krieg noch humanitäre Krise die Vorurteile und den latenten Rassismus in unserer Gesellschaft beseitigen. „Ich verstehe das nicht”, sagt eine der Freiwilligen dazu, wie die Polizist*innen sich gegenüber anderen als den „weißen“ Geflüchteten verhalten. Sie hilft im Krisenzentrum aus als Übersetzerin für eine NGO und lebt bereits seit 15 Jahren in Tschechien. „Bei uns in der Ukraine leben etwa 20 Nationalitäten und Ethnien, und hier lebt nur ihr: Tschechen.“ Sie runzelt die Stirn als die Polizist*innen gegenüber Roma-Frauen und –Kindern laut werden oder plötzlich zum Duzen übergehen. Sie fügt aber sogleich hinzu: „Auch in der Ukraine haben es die Roma mit der Mehrheitsgesellschaft nicht gerade leicht.“

Man kann nicht alles lösen

Ich denke darüber nach, wo meine Grenze zwischen dem Aktivismus für Menschenrechte und dem Job liegt. Ich denke darüber nach, wie ich auf die Situation, die sich tagtäglich vor meinen Augen abspielt, aus meiner Position als Angestellter eines nichtstaatlichen, gemeinnützigen Sozialdienstes einwirken kann. Ich spreche mit Kolleg*innen darüber, mit meinen Vorgesetzten. Ich möchte widersprechen, mich dagegen verwahren, komme mir dabei aber so einsam vor wie ein Kamikaze-Pilot.

Ich bin hier zum Arbeiten, nicht, um die Welt zu retten.“

Ich weiß, dass ich nicht gegen Polizist*innen, Angestellte des Innenministeriums oder Feuerwehrleute handeln kann. Am Arbeitsplatz versuche ich zumindest unentwegt Konflikte zu deeskalieren, die Beschwerden der Ausländer*innen anzuhören und sie dann mit gemäßigter Stimme den Vertreter*innen der Staatsmacht zu übermitteln. Die Ausländer*innen verstehen nicht, dass ich für irgendeine nichtstaatliche Organisation tätig bin, dass ich vielleicht ganz andere Werte vertrete. Eine Lösung kann auch sein, unter den Polizist*innen und Feuerwehrleuten Verbündete zu finden und unentwegt den Ton dieser ruhigen, gemäßigten Stimme durchzuhalten. Ähnlich gemäßigt muss man auch mit den Kolleg*innen sprechen über die Handlungsmöglichkeiten unserer Organisation, und mit den Vorgesetzten über deren Optionen, hinzuweisen auf das ungleiche und unwürdige Verhalten, dessen wir Zeug*innen werden, und über die Mittel, dagegen einzuschreiten. Aber grundlegend für eine solche Art von Arbeit ist es, sich einzugestehen, dass man nicht alles lösen kann, dass soziale Dienste als Ganzes nur in einem sehr beschränkten Umfang die weit verbreitete und lang anhaltende Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft mäßigen. Ich bin hier zum Arbeiten, nicht, um die Welt zu retten.

Burnout ist auch eine Möglichkeit

Der Krieg dauert nun schon länger als zwei Monate. Seine Vorboten aber haben wir spätestens schon ab Anfang Februar gespürt. Es häuften sich die Anfragen von Ausländer*innen, die sich an unsere Organisation wandten mit Bitten um Hilfe und Unterstützung. Sie wollten Verwandte und Freunde nach Tschechien bringen, aus der Ukraine, aber auch aus Russland und Belarus. Alle Anträge auf Langzeit-Visa, Daueraufenthaltsgenehmigungen, auf internationalen Schutz, alle vorbereiteten Dokumente und Unterlagen, alles war umsonst. Die ganzen Arbeitsstunden waren vergebens und in dieser Situation gibt es für die Klienten eigentlich gar keine Lösung mehr; die amtlichen tschechischen Vertretungen in Russland und Belarus sind geschlossen, Geflüchtete aus der Ukraine stehen damit vor den gleichen infrastrukturellen Problemen wie tschechische Staatsbürger*innen, verschärft allerdings durch sprachliche und kulturelle Barrieren. Eine angemessene Wohnsituation, der Zugang zu medizinischer Versorgung, zu Schulen und Kindergärten, waren schon vor der Krise schwer vermittelbar.

Wenn man dann am Monatsende auf seine Einnahmen und Ausgaben schaut, zweifelt man schon daran, ob man sich den Luxus gönnen soll, eine Arbeit zu machen, die man für sinnvoll hält. Meine Kolleg*innen, die zusätzlich zu ihrem Job als Sozialarbeiter*innen noch ein paar Schichten hinter irgendeiner Theke arbeiten, sind keine Ausnahmen. Nicht einmal jetzt, obwohl Sozialarbeiter*innen händeringend gesucht werden, und wir praktisch alle schon Überstunden machen. In den vergangenen Monaten haben einige gekündigt. Und andere wiederum arbeiten seit Februar durchgehend, auch am Wochenende – nach dem Motto: Choose exhaustion instead of depression. Manche sind durch diese Dauerbelastung so geschwächt, dass sie schon die dritte Woche mit Grippe im Bett liegen.

Diejenigen, die noch übrig sind und die nicht gerade Schicht haben, können eine Supervision in Anspruch nehmen, individuelle Beratungen mit Psycholog*innen, oder zum Beispiel auch Eiscreme und Kekse. Ich selbst habe auch mal so eine Lockerungsübung für die Psychohygiene online ausprobiert. Ich bin mir nicht sicher, was das gebracht hat. Man beschreibt einem Psychologen, wie man sich gerade so fühlt, er reagiert mit einem verständnisvollen „Hmm“ und wiederholt dann mit anderen Worten, was man gerade gesagt hat. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass uns Sonderprämien und eine Woche Urlaub mehr helfen würden.

Der Mensch kann einiges aushalten, ist in der Lage, sich selbst aufzuputschen, so wie wir uns nach dem Hurrikan in Südmähren einige Wochen lang intensiv bis zur Selbstaufgabe in die Arbeit gestürzt haben. In der gegenwärtigen Situation aber fehlt die Perspektive, wann das alles ein Ende haben wird. Wir können uns nicht einreden, dass wir jetzt nur noch eine Woche oder einen Monat durchhalten müssen. Selbst wenn der Krieg morgen enden würde, wird unsere Arbeit nicht weniger.

Ich glaube, ich bin auf dem besten Wege zum Burnout.

Andererseits: Handbücher, die sich den psychologischen Aspekten der sozialen Arbeit widmen, konstatieren ganz klar, dass ein Burnout der letzte Schritt ist. Danach steht man nur noch auf wie Phönix aus der Asche.

Um 5:20 Uhr.

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